Großäugig steht die junge Frau am U-Bahnhof Kottbusser Tor, einem Ort, den ihr sicher irgendeine Touristen-App als Attraktion angedient hat. Überwältigt vom Chaos taumelt die Australierin mit ihrem dicken Rucksack durch die Kreuzberger Dämmerung. Zeitlupen-Aufnahmen entsprechen ihrer verlangsamten Wahrnehmung.

Mit Hilfe ihres Fotoapparats versucht sie sich zu orientieren, ihrem Umherschweifen Sinn zu geben. Es wird ihr etwas zustoßen, das ist ganz unvermeidlich. Dass das Verhängnis auf den ersten Blick harmlos, ja sogar sympathisch aussieht, gehört zum Genre des Psychothrillers, den Cate Shortland im Berlin der Gegenwart angesiedelt hat.

Für ihren Film hat sich die 49-jährige australische Regisseurin, die zwei Jahre in Berlin gelebt hat, die Stadt neu erfunden. Denn die „empty places“, die leeren Plätze, von denen hier einmal die Rede ist, sind fast verschwunden, ebenso wie die grauen, betonierten Hinterhöfe, die abblätternden Fassaden mit den toten Fenstern, die nie geöffnet werden.

Ob Clare überlebt, bleibt fast zwei Stunden lang in der Schwebe

Für Clare (Teresa Palmer), die junge Frau aus Brisbane, einer Millionenstadt am anderen Ende der Welt, wird ihr Sehnsuchtsort nach einer erotischen Nacht mit der Zufallsbekanntschaft Andi (Max Riemelt) zum Verließ. Aus der „Lebenserfahrung“, die sie sucht, wird Todesnähe.

Ob sie überlebt, bleibt fast zwei Stunden lang in der Schwebe. Und dabei entfaltet Shortland trotz der Enge einer dunkel gestrichenen Boheme-Wohnung, in der sich die junge Frau wiederfindet, einen düster leuchtenden Kosmos. Selten sieht Berlin im Kino noch so retro aus wie in diesem Film, es ist das Berlin, das sich Clare aus alten Bildern zurechtfantasiert hat, und das sie dann auch findet.

Cate Shortland erzählt konsequent aus der Perspektive der jungen Frau. Deren Gegenpol, den etwa gleichaltrigen Englisch-Lehrer Andi, nimmt die Regisseurin auf seinen einsamen Gängen und Läufen durch die Stadt zwar auch in den Blick, lässt seine Planungen aber im Verborgenen. Im Zentrum steht das Paar, das keines sein kann, weil Andi nur Frauen erträgt, über die er eine vollständige Verfügungsgewalt hat.

„Du hättest so viel tun können“

Von gefangenen Frauen kann man natürlich auf unterschiedlichste Weise erzählen, voyeuristisch, sexistisch, pornografisch, was auch immer. Cate Shortland tut es auf die klügste, interessanteste Art: Sie macht Clare zu einer handelnden, wachsenden Figur.

In ihr hat der schwer gestörte Andi einen Widerpart, der ihn seinerseits vielleicht hätte befreien können. „Du hättest so viel tun können“, sagt Clare einmal zu ihm. „Aber ich will genau das tun“, antwortet er mit der sturen Kälte des Psychopathen.

Wie Max Riemelt sich hier das Etikett des blanken guten Jungen endgültig abreißt, ist allein schon sehenswert. Teresa Palmer und Max Riemelt spielen die beiden bravourös und mit vollem Risiko – als zwei in ihren Sehnsüchten passgenaue Individuen. Bei aller Gewalt und Perfidie bleibt eine Ahnung davon, was hätte möglich sein können – vor allem in Andis irgendwann aus den Fugen geratenem Leben.

Der Film deutet Verlusterfahrungen an

Dass sein Kontrollwahn mit dem Aufwachsen in der DDR zu tun hat, wie Shortland in einem Interview einmal angedeutet hat, ist als Erklärung nicht plausibel und auch nicht notwendig.

Zum Glück versucht Shortland im Film dann nichts dergleichen, belässt es bei Hinweisen auf Verluste. Zeigt die Trauer im Gesicht des Vaters (Matthias Habich). Clares romantische Verklärung der deutschen Geschichte, ihre Begeisterung für DDR-Architektur, wie sie sagt, bezieht den jungen Lehrer allerdings gleich mit ein und lässt sie Warnzeichen übersehen.

Shortland liefert sie in genauen Bildern als eine Art Andeutungs-Spur auf das, was Clare erwartet. Ineinander verknotete Finger, deformierte Hände. Lackierte Nägel, Haarbüschel. Eine Vorahnung auf die Obsessionen, die sie später erleiden wird. Aber dennoch ist sie kein Opfer, das sich mit dem Täter identifiziert.

Clare besitzt einen unzerstörbaren Kern

Der Titel „Berlin Syndrome“ spielt natürlich auf das „Stockholm Syndrom“ an – jenes nach einer Geiselnahme in Stockholm 1973 beobachtete Phänomen, dass Geiseln eine emotionale Verbindung zu ihren Peinigern entwickeln – Shortland dreht es aber um. Clare tappt durch ihre Arglosigkeit und Liebessehnsucht zwar in die Falle, behält jedoch in jeder Lage ihr Selbstgefühl.

Sie lässt sich gerade nicht depersonalisieren, verschwimmt nicht mit dem Täter. Wenn sie seinen Körper nach der ersten und einzigen Liebesnacht noch an ihren heranlässt, ihn zum Sprechen bringt, dann aus Überlebenswillen.

Wie alle jungen Frauen, die Cate Shortland in ihren bisherigen Filmen porträtiert hat (etwa „Lore“, 2012) besitzt auch diese Frau einen unzerstörbaren Kern. Das macht den Film bei allem Schrecken, den er mit Raffinesse ausbreitet, fast sogar tröstlich.