Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wurden wir von einem allmächtigen Schöpfer erschaffen? Oder sind wir nur das Produkt eines unergründlichen außerirdischen Experiments? Worin besteht der Sinn des Lebens? Und wenn man in einer Höhle auf einem fremden Planeten einer schwimmenden Schlange begegnet, sollte man versuchen, sie zu streicheln?

Das sind einige, aber keineswegs sämtliche Fragen, die der Meister des existenzphilosophischen Science-Fiction-Schlock-Horror-Kinos, Ridley Scott, in seinem neuen Werk „Prometheus“ aufwirft. Man verrät nicht zu viel, wenn man verrät, dass von all diesen Fragen eigentlich nur die letzte befriedigend beantwortet wird: Nein, wenn man in einer Höhle auf einem fremden Planeten einer schwimmenden Schlange begegnet, sollte man sie wirklich auf gar keinen Fall streicheln.

Penetriert, zerfetzt und vollgeschleimt

Die beiden Schlangenstreichler, die dann nach allen Regeln der Kunst penetriert, zerfetzt, von innen zerfressen und von außen vollgeschleimt werden, gehören zur Besatzung des Raumschiffs „Prometheus“, das in einem unerforschten Sonnensystem nach dem Ursprung des menschlichen Lebens sucht. Warum gerade dort? Weil im Verlauf des 21. Jahrhunderts an den verschiedensten Orten auf der Erde steinzeitliche Höhlenzeichnungen entdeckt wurden, die außerirdische Besucher unter der entsprechenden Sternenkonstellation zeigen. Ein ominöser Megakonzern hat ein paar Trillionen Dollar in die Forschungsmission investiert, weil er nach der Formel zur Lebenserzeugung sucht.

Mit an Bord: die knabenhaft keck frisierte Archäologin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und die schon an der strengen Duttfrisur als freudlose Nervensäge erkennbare Konzernrepräsentantin Meredith Vickers (Charlize Theron); außerdem allerlei intelligente, aber auch schrullige Männer, die in beengten Umgebungen wie einem Raumschiff oder einer Höhle zu Psychosen und Lagerkoller neigen. Und vor allem: ein täuschend naturalistisch gebauter, sanft blickender, aber charakterlich selbstverständlich ambivalenter Androide namens David (Michael Fassbender), der während des Jahre dauernden interstellaren Flugs auf die eingefrorenen Astronauten aufpasst und seinen größten Auftritt im Verlauf des Films als plappernder Androidenkopf ohne Rumpf haben wird.

Dreißig Jahre nach „Blade Runner“ und 33 Jahre nach dem ersten „Alien“-Film kehrt Ridley Scott endlich zu seinen Science-Fiction-Wurzeln zurück. Schon bei den ersten Bildern von „Prometheus“ wird klar, was man in all dieser Zeit vermissen musste: So stimmungsvoll wie Scott vermag niemand sonst das Weltall als unwirtlichen, deprimierenden, transzendental garantiert obdachlosen Ort zu charakterisieren. So gleichmütig und kalt funkelt das Firmament in seinen Filmen, dass noch der gläubigste Betrachter jede Hoffnung auf einen gütigen Gott fahren lässt. Und egal, in welchem Winkel des Universums die Helden von Scott auch landen: Immer finden sie latex-artig bedrohliche, weiche Oberflächen, knubblige Gerippestrukturen und gebärmutterartige Tropfsteinhöhlen vor. Im ganzen Weltall sieht dieser Regisseur nur eine SM-Folterkammer aus dem Lehrbuch von Dr. Schaden-Freud.

Weniger Massaker, mehr Zeit zum Reden

So war es bei dem ersten „Alien“-Film. So ist es auch bei „Prometheus“, den man als Prequel zu „Alien“ verstehen kann: Jedenfalls werden dem Betrachter und der gebeutelten „Prometheus“-Crew hier allerlei Ahnungen, Zeichen und Gründe dafür geboten, warum die außerirdische Lebensform, mit der Sigourney Weaver sich dann – in der Chronologie der Scott’schen Filme – ein paar Jahre später herumschlagen muss, einen derart abgrundtiefen Hass auf die Menschheit pflegt.

Der Unterschied zu den „Alien“-Filmen besteht vor allem darin, dass den dort agierenden Helden der für die klassische Science Fiction typische Entdeckergeist bereits vollständig ausgetrieben war. In „Prometheus“ ist er noch zu spüren; man trifft auf junge, erkenntnishungrige Astronauten, denen die Lust am Erkunden noch ordentlich verdorben werden kann. US-Kritiker haben moniert, dass dieser Film vergleichsweise dialoglastig, wenn nicht geschwätzig geraten sei – was daran liegt, dass größere Teile der Crew nicht sofort massakriert werden und daher Zeit zum Reden bleibt.

Gleichwohl hält Scott den Autorenfilm-Tiefsinn und die Genre-Kino-Effekte meist in guter Balance. Kaum hat man angesichts all der kosmologischen Reflexionen richtig Lust bekommen, mal wieder Schopenhauer, Sartre und Douglas Adams zu studieren – da schliddert schon das nächste schöne Schleimmonster auf einer selbstsekretierten Spur durch die Szene und schnappt nach Extremitäten. Vor allem in der zweiten Hälfte des Films muss ständig irgendwer irgendwas verschlucken, was dann durch nicht dafür vorgesehene Körperöffnungen wieder austritt. Es gibt ausgesprochen malerisch detonierende Raumschiffe zu sehen. Und hervorragende Dialoge zu hören, etwa diesen. Sagt die Frau zum Arzt: „Es kann nicht sein, dass ich schwanger bin!“ Sagt der Arzt zur Frau: „Es handelt sich auch nicht um einen herkömmlichen Fötus.“

Der erste „Alien“-Teil begeisterte ja nicht zuletzt durch den berühmtesten platzenden Bauch der Filmgeschichte. Passend dazu findet „Prometheus“ seinen Höhepunkt in einem dramatischen Do-It-Yourself-Schwangerschaftsabbruch mit Hilfe der neuesten Robertechnologie – die feministische Selbstermächtigung, die man aus „Alien“ herauslesen konnte, wird damit auf die Spitze getrieben. Die Frau der Zukunft ist noch tapferer, als wir bislang dachten. So tapfer, dass sie sich im Bedarfsfall auch die Bauchdecke selbst aufsägt. Glück gehabt, wenn darunter nur ein herkömmlicher Fötus wartet.

A 2012. 124 Minuten, Farbe. FSK ab 16. Regie: Ridley Scott Drehbuch: Jon Spaihts, Damon Lindelor Kamera: Dariusz Wolski Darsteller: Noomi Rapace, Logan Marshall-Green, Michael Fassbender u.a.