Bevor sich Caspar Leinen (Elyas M’Barek) seinem ersten Fall als Pflichtverteidiger widmet, muss er zum Vorgespräch mit der Staatsanwaltschaft. Weil alles noch neu für ihn ist, verhält er sich entsprechend ungeschickt.

Die beiden älteren Kollegen, die ihm gegenüberstehen, wittern seine Nervosität wie Raubtiere. Indem sie ihn auf seinen Fauxpas hinweisen, schon vor Prozessbeginn eine Robe zu tragen, bringen sie ihn noch weiter in Verlegenheit. Und sobald Caspar schließlich den Raum verlassen hat, lächeln sich die beiden zu; nicht bösartig, aber doch süffisant.

Pflichtverteidiger Caspar Leinen ist ein Fisch auf dem Trockenen

Obwohl diese Szene in Marco Kreuzpaintners Verfilmung des Bestsellers „Der Fall Collini“ nur ein Detail ist, zeigt dieses Lächeln gut, wovon der Film erzählt: von einer Skepsis gegenüber gönnerhaften älteren Herren, die nur deshalb freundschaftlich tun, weil sie sich ihrer Überlegenheit gewiss sein können.

Caspar ist das, was man in der Drehbuchdramaturgie einen Fisch auf dem Trockenen nennt; ein Außenseiter inmitten eines fremden, ihm mitunter sogar feindlich gesinnten Milieus. Dabei wird er nicht nur als Berufsanfänger belächelt, sondern auch, weil er wegen seiner türkischen Mutter nicht wie ein typischer Deutscher aussieht.

Caspar soll also den pensionierten Gastarbeiter Fabrizio Collini (Franco Nero) vertreten, der ohne erkennbares Motiv den Industriellen Hans Meyer (Manfred Zapatka) ermordet hat – der wiederum Caspars Ziehvater war. Weil an der Schuld des schweigsamen Collini kein Zweifel besteht, ist der Prozess eigentlich reine Routine; zumindest bis einige hässliche Details aus der Vergangenheit des scheinbar so gutmütigen Meyers ans Tageslicht treten.

Regisseur Marco Kreuzpaintner hat ein gutes Gespür für Außenseiterfiguren 

In der Romanvorlage bedient sich der Strafverteidiger und Autor Ferdinand von Schirach einer recht klassischen Mischung aus Krimi und Gerichtsdrama, um von ethischen Sackgassen in der Justiz und einem unerhörten Gesetz aus dem Jahr 1968 zu erzählen.

Regisseur Marco Kreuzpaintner scheint für so eine Adaption genau der Richtige zu sein, weil er sowohl ein gutes Gespür für Außenseiterfiguren wie Caspar hat als auch ein Talent dafür, schwierige Themen publikumswirksam aufzubereiten. Bereits 2004 gelang ihm etwa mit seinem zweiten Spielfilm „Sommersturm“, eine schwule Coming-Out-Geschichte fürs große Publikum zu erzählen, ohne sich dabei zu sehr anzubiedern.

In „Der Fall Collini“ versucht er sich an einer ähnlichen Gratwanderung. Nur tut er sich als Genrefilm, der ein Kapitel beschämender deutscher Geschichte in ein spannungsgeladenes Story-Gerüst packt, etwas schwer. Trotz unterschiedlicher Zeitebenen bremst sich der Film durch seine allzu geradlinige, teils unnötig ausführliche Erzählweise immer wieder aus.

Dass es ihm dennoch gelingt, sich zwischenzeitlich selbst zu reanimieren, hat zum einen mit seinen dramatischen Wendungen zu tun und zum anderen mit Caspars Gegenspieler, dem Star-Anwalt Richard Mattinger, den Heiner Lauterbach grandios schmierig als ebenso abgründige wie verführerische Mephisto-Figur verkörpert.

Migrationshintergrund von Caspar Leinen verleiht dem Film gesellschaftliche Dringlichkeit

Als größte Stärke erweist sich gerade der im Drehbuch hinzugedichtete Migrationshintergrund der Hauptfigur, der dem Film eine besondere gesellschaftliche Dringlichkeit verleiht – und, wie Hauptdarsteller M’Barek gerade im Magazin „Vice“ äußerte, vor allem der etwas fragwürdigen Annahme zuzuschreiben ist, dass man dem Publikum keinen deutschen Helden zumuten kann, der nicht auch so aussieht.

„Du bist doch einer von uns“, sagt einmal Meyers Enkelin und Caspars Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara) zu dem jungen Anwalt. Tatsächlich will Caspar zwar die Anerkennung seines großbürgerlichen Umfelds, weiß aber zugleich, dass er nie ganz dazugehören kann.

Nachhilfe in Sache Vergangenheitsbewältigung 

Immer wieder zeigt Kreuzpaintner, dass die Toleranz der anderen immer auch Ausdruck eines Machtgefälles ist. Als der junge Anwalt vor Gericht das Bild des scheinbar so liebenswürdigen Industriellen hinterfragen will, lässt sich Johanna sogar zu einer rassistischen Bemerkung hinreißen. In einem vermeintlich gesitteten Milieu wie diesem zeigt sich die Überheblichkeit im Detail. Man gibt nur solange vor, sich auf Augenhöhe zu befinden, bis der „Türke“ sich auflehnt.

Es kommt dann auch einer Rache der Unterdrückten gleich, wenn der Halbtürke Caspar und der Gastarbeiter Collini gemeinsam der Justiz ihre Grenzen aufzeigen und der deutschen Gesellschaft ein wenig Nachhilfe in Vergangenheitsbewältigung geben. Für einen wirklich gelungenen deutschen Mainstreamfilm bleibt „Der Fall Collini“ zwar letztlich zu brav, aber wie er einem selbstgerechten Bürgertum das joviale Lächeln aus dem Gesicht wischt, ist dann doch ziemlich bemerkenswert.

Der Fall Collini, Dtl. 2019. Regie: Marco Kreuzpaintner. Darsteller: Elyas M’Barek, Alexandra Maria Lara, Heiner Lauterbach u.a., 123 Minuten, Farbe. FSK: ab 12 Jahre. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.