Robert Redford ist wieder da, wo er hingehört – im Kreis der Unbestechlichen; in der Mitte derer, die bereit sind, sich selbst für den gesellschaftlichen Auftrag und die sakrosankte Güte einer unabhängigen Berichterstattung aufs Spiel zu setzen. Es ist, als wäre es gerade an der Zeit für Redford, zurückzukommen: In Panama werden Dokumente geleakt, in der Türkei Redaktionen gestürmt, Deutschland sucht nach den Grenzwerten für Fernsehmoderatoren, und in Los Angeles wird der wichtigste Oscar an das Enthüllungsdrama „Spotlight“ verliehen. Wie steht es um den Journalismus heute? Wie steht es um das demokratische Vorzeigeprodukt eines freien Denkens, Sprechens und Schreibens?

Die Antworten darauf scheinen prekär geworden zu sein. Höchste Zeit also auch für Robert Redford, wieder in die Rüstung zu schlüpfen und spielerisch mitzumischen – könnte man meinen.

Unscheinbare Details

Tatsächlich ist „Der Moment der Wahrheit“ nicht einfach nur ein mit unendlich viel gegenwartsbeschauendem Belang gesättigter Lanzenbruch Hollywoods für das Ethos einer freien Presse, sondern vor allem ein Film, der seinen dramatischen Kurvenverlauf in den unscheinbaren Details journalistischer Fitzelarbeit unterzubringen weiß. (Bei „Spotlight“ war das im Übrigen ähnlich.)

So beschäftigt sich ein Großteil des Films mit der wunderbar analogen Aktenjagd nach einem hochgestellten „th“ in einem eigentlich x-beliebigen Schreibmaschinendokument aus den 1970er-Jahren. Nebenbei hören wir permanent Telefone klingeln, oft außerordentlich lange; wir sehen angespannte Gesichter an den Ohrmuscheln, warten überdehnte Atempausen am anderen Ende der Leitung ab. Es ließe sich ein ganzer Katalog zusammenstellen, wie sich ein Telefonhörer wieder auflegen lässt: Mal mit Frust auf die Gabel geschleudert, mal schonend aufgelegt, mal einfach in die Wiese fallen gelassen.

Brisante Informationen

Konkret geht es in diesem Film um die sogenannten Killian-Dokumente, die 2004 für eine große Kontroverse in den USA sorgten. Aus ihnen schien hervorzugehen, dass Präsident George W. Bush nicht nur mittels familiärer Beziehungen zur Texas Air National Guard kam, wo man weitgehend sicher war vor einem Einsatz in Vietnam, sondern dass er seinen Militärdienst auch verfrüht abgebrochen haben soll. Die tatsächliche Kontroverse richtete sich aber kaum auf den brisanten Inhalt der Akten. Ins Kreuzfeuer geriet vielmehr die Frage nach der Echtheit der Dokumente, die zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung durch den Fernsehsender CBS nur als Kopien vorlagen. Nach der Ausstrahlung der Sendung „60 Minutes“ am 8. September 2004 hagelte es wutschäumende Entrüstung aus der konservativen Ecke, die sich selbstverständlich auch damals schon in Shitstorm-Orgien im Internet fortsetzten.

Mary Mapes (Cate Blanchett) ist die verantwortliche Produzentin des Nachrichtenmagazins, Dan Rather (besagter Robert Redford) der Fernsehmoderator – also das Gesicht der Story. Zusammen mit einem kleinen Team gehen sie mit ihrer Enthüllung auf Sendung. Am nächsten Tag folgt der peinlich bittere Dämpfer: Die zitierten Dokumente hätten innerhalb weniger Minuten auch mit Microsoft Word erstellt werden können. Es beginnt eine Hetzjagd auf Rather und die toughe Mapes. Übertragungswagen fahren vor ihrer Haustür vor. Im Untersuchungsausschuss blättern die Herren synchron durch ihre Aktenordner und blicken zweiflerisch-finster über ihre Brillenränder.

Die Facetten des Telefonierens

Das mag man alles schon hundertmal gesehen haben. Auch das Referat über die Unbedingtheit einer weisungsfreien Presse, das zwischendrin etwas unelegant ins Opernhafte ausrutscht, die unerschrockene Rückversicherung eines „Because that is what we do!“ – auch das mögen andere Drehbücher schon genauso gelöst haben. Sieht man aber erst mal zu, mit welcher Variationsbreite Cate Blanchett telefonieren kann, mal die Haare dabei raufend, mal nebenher mit dem Bleistift abdriftend, mal mit entschlossener, mal mit versagender Stimme, dann muss die Oper gar nicht mehr entschuldigt werden. Hier geht es eben nicht nur darum, in festlicher Slow Motion den Mittelfinger gegen die Denunzianten der Pressefreiheit auszufahren – es geht vor allem um die ganz banale Praxis journalistischer Ermittlung. Ums Telefonieren – ganz einfach: Denn das ist es, was wir tun.