In Wuhan herrscht Krieg zwischen zwei Motorrad-Gangs.
Foto: Eksystent Distribution

Welch enormen Anteil Motorräder am Verkehrsaufkommen Chinas haben, davon macht man sich im Westen kein rechtes Bild. Nachrichtenbilder und urbane Kinotableaus der Städte vermitteln nur annähernd einen Eindruck ihrer tatsächlichen Verbreitung. Diao Yinans neuer Film „Der See der wilden Gänse“ korrigiert diese Wahrnehmung nun nachdrücklich.

Selbst in einer mittleren Stadt wie Wuhan sind sie so massenhaft im Gebrauch, dass ihr Raub mittlerweile zum Hauptgeschäft der dortigen Unterwelt geworden ist. Die Gewinnmargen sind so groß, dass erbittert um jede einzelne Straße gekämpft wird. „Der See der wilden Gänse“ ist keine zehn Minuten alt, als bereits ein blutiger Revierstreit zwischen verfeindeten Gangs entbrennt. Schon vor dem Ausbruch von Covid-19, das suggeriert der Film, war die Stadt ein einziges Inferno. Dabei ist dieses Gemetzel erst der Auftakt des Verhängnisses.

Diao Yinan erzählt von der Einkreisung eines Todgeweihten. Auf der Flucht vor einer rivalisierenden Bande erschießt Zenong (Hu Ge) einen Verkehrspolizisten. Seine Panik ist verständlich, denn kurz zuvor wurde einer seiner Männer in voller Fahrt enthauptet. Von nun an sind ihm Staatsgewalt und Unterwelt gleichermaßen hartnäckig auf den Fersen. Zu unterscheiden sind sie auch auf den zweiten Blick nicht. Kann er der geheimnisvollen Fremden (Gwei Lun Mei) trauen, die ihn auf Geheiß seines Bosses in Sicherheit bringen soll?

Diao Yinan ist kein Soziologe, sondern Stilist

In seinem vorangegangenen Film, dem Berlinale-Sieger „Feuerwerk am helllichten Tag“, setzte der Regisseur die Ermittlungen in einer makaberen Mordserie in der Mandschurei wie ein Vergrößerungsglas ein, um eine Gesellschaft zu studieren, die beklemmende Verbrechen hervorbringt. Die soziale und politische Wirklichkeit fängt er diesmal quasi im Vorbeirennen ein. Eingangs wirft er Schlaglichter auf die Militarisierung des Polizeiapparats und auf flächendeckende Überwachungstechnik. Die Stadtlandschaft, durch die Zenong gehetzt wird, ist desolat, ein Pandämonium des Verfalls und der Käuflichkeit. Ökonomische Zukunft ist hier ein Lotteriespiel; einzig der titelstiftende See bildet eine Enklave von Wohlleben.

Aber Diao Yinan ist kein Soziologe, sondern Stilist. Souverän bedient er sich der dunkel-romantischen Bilderwelt des Film noir. Er versammelt die bewährten Elemente des pessimistischen Kriminalfilms – Einsamkeit, Loyalität, Verrat –, arrangiert sie aber so eigenwillig, dass man den Eindruck gewinnt, dergleichen nie zuvor auf der Leinwand gesehen zu haben. Selbst altgediente Gesten – zwei angezündete Zigaretten als Besiegelung einer erotischen Übereinkunft – erfüllt er mit frischem Elan. Action-Momente setzt er mit einer grimmigen Mischung aus Slapstick und Entsetzen in Szene: als einfallsreicher, umsichtiger Choreograf der Gewalt, deren Konsequenzen nicht kalt lassen.

Auch als Psychologe zeigt er sich vorerst nicht. Seine Charaktere sind Archetypen, allerdings lakonisch und scharf gezeichnet. Gwei Lun Mei, die in „Feuerwerk am helllichten Tag“ bereits wunderbar undurchsichtig war, ist keine simple Femme fatale, sondern eine schillernde Grenzgängerin. Liao Fan, der im Vorgängerfilm den gefallenen Polizisten spielte, verleiht hier dem pflichtbewussten Polizei-Captain ein Charisma skeptischer Unerbittlichkeit.

„Der See der wilden Gänse“ wird getragen vom Rausch des Lichts und der Bewegung. Er verrät aber auch die einzigartige Fähigkeit Diao Yinans, das Vertraute aus der Distanz zu betrachten und entlockt der Realität so Indizien, die andere Regisseure übersehen würden. Silhouetten und Schattenspiele sind ein triftiges Leitmotiv seines atmosphärischen Erzähl-Labyrinths, in dem auch dem Ambiente nicht zu trauen ist. Aber die Paranoia ist vielschichtig in diesem Film. Selbst der Verrat hat noch einen doppelten Boden: Zenongs letzte Hoffnung liegt darin, dass seine entfremdete Frau ihn an die Polizei ausliefert, damit sie die Belohnung erhält, die auf seine Ergreifung ausgesetzt ist.

Die komplexe Rückblendenstruktur des Drehbuchs müsste eigentlich die Unausweichlichkeit besiegeln. Aber für eine kurze lyrische Eskapade hält das Schicksal den Atem an. Und mit der Geistesgegenwart des Gehetzten ist auch in aussichtslosen Situationen noch zu rechnen. Es wird eine Zukunft geben nach dem Ende dieser Geschichte, denn Diao Yinan ist nicht nur von Gewalt und Duplizität fasziniert, sondern von etwas, das noch unberechenbarer ist: dem menschlichen Faktor.

Der See der wilden Gänse. China/Frankreich 2019, Regie und Drehbuch: Diao Yinan; Darsteller: Hu Ge, Gwei Lun Mei, Liao Fan, Wan Quian u. a.; 110 Minuten, in Farbe; FSK: freigegeben ab 16 Jahren.