Sandra Hüller, Misel Maticevic in dem Fim  Exil.
Foto: Alamode Film

Berlin -Da ist dieser  Name, ein Schwall aus Zischlauten, er klingt nach Balkan. Kroatien vielleicht? Wenn Xhafer, ein Chemieingenieur Mitte vierzig, aufgefordert wird, sich in einer Runde vorzustellen, muss er seinen Namen mindestens zwei Mal wiederholen. Und selbst dann ist es unwahrscheinlich, dass dieser Name im Gedächtnis bleibt. Reflexhaft schließt sich die Frage nach seiner Herkunft an. Auf das Wort „Kosovo“ folgt Schweigen, kein Kommentar. Man kann ja schlecht erzählen, wie toll es da im Sommerurlaub war und wie gastfreundlich die da unten sind.

Kosovo – das ist Krieg, Blutrache, das sind Ehemänner, die ihre Frauen schlagen. All das, so scheint es Xhafer, schwingt in diesem Schweigen mit. In den verbarrikadierten, hochmütigen Blicken. In der feindseligen Ignoranz, mit der ihm fast alle Kollegen begegnen. Ist das so, oder bildet er sich das alles nur ein? Wird er aus dem E-Mail-Verteiler seiner Firma genommen, weil er mit diesem harten Akzent spricht? Oder leidet er unter Verfolgungswahn? Aber gehört nicht auch die Finte, jemandem Paranoia zu unterstellen, der sein tatsächlich bösartig agierendes Gegenüber durchschaut hat, ins Waffenarsenal des Mobbing? Denn um Mobbing geht es auch in diesem Film, in mehreren Varianten.

Der Regisseur Visar Morina fokussiert sich in seinem Drama „Exil“ von Beginn an auf die Hauptfigur. Er folgt ihr mit der Handkamera, lässt sie im Profil vorbeigehen, verzeichnet jede Regung ihres um Reglosigkeit bemühten Gesichts. Getragen wird dies von einem herausragenden Misel Maticevic. Er spielt Xhafer als einen Mann, der vor unterdrückter Spannung  vibriert. Mühsam wahrt er ein Berufsgesicht, doch sein immer ein wenig zu verbindliches Lächeln verrät die tiefe Verunsicherung, die sich durch die äußere Ordnung seiner Verhältnisse nicht lindern lässt.

Eine Ratte an der Gartentür

Als eines Tages eine Ratte an seiner Gartentür hängt, frisst sich sein Verdacht wie ein Gift auch in die Familie hinein. Die Drohung kann nur aus der Firma kommen, meint er, denn dort wird in Laboren mit Ratten experimentiert. Die von drei sehr kleinen Kindern und einer stagnierenden Doktorarbeit erschöpfte Ehefrau (Sandra Hüller) versucht zu beschwichtigen, sie tut das mit zunehmender Genervtheit, loyal mit denen, die ihr Mann für seine Gegner hält. Schließlich unterstellt sie ihm egozentrisches Opfergebaren, da weiß sie noch nicht einmal, dass er sie betrügt, mit einer Frau, der er verbietet, ihn in der Firma in beider Muttersprache anzusprechen.

Morina ist ein Experte der Macht. Schauplatz ihrer Inszenierung ist die labyrinthische Architektur eines Unternehmens, das medizinische Produkte herstellt. Flure wie Schneisen, überfüllte Aufzüge, leere Büros, zu fahles oder zu grelles Licht. Allein durch offene und geschlossene Türen wird Weisungsbefugnis bekundet. Das erzeugt mitunter auch eine groteske Komik. Produziert wurde „Exil“ von Komplizen Film, zum Produzenten-Team gehört auch Maren Ade. Der genaue Blick auf Arbeitswelten, auf das Gefälle zwischen reichem Westen und armem Südosteuropa, den kennt man auch aus „Toni Erdmann“.

In diesem zutiefst verlogenen Land

Morina fächert die umfassende Deformation dieses Habitats und seines Personals bis in die kleinste Geste, das scheinbar belangloseste Wort hinein auf. Dabei skizziert er ein Konglomerat von Einzelkämpfern, denen von der Leitungsebene hohle Rituale des Zusammenhalts verordnet werden. Einmal, als Xhafer wieder aufgesagt hat, woher er kommt, applaudieren alle hysterisch auf die eigene ach so diverse Firmenkultur. Da mag man Xhafer recht geben, als er zu seiner Ehefrau sagt: „Du weißt doch gar nicht, was es heißt, ein Fremder zu sein in diesem möchtegern-kultivierten und zutiefst verlogenen Land.“ Aber so einfach ist es eben nicht.

Morina, als 15-Jähriger mit seinen Eltern aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen, hat Erfahrungen mit dem Fremdsein. Das heißt aber noch lange nicht, dass er die Wahrnehmung seiner Hauptfigur zur Anklage macht. Was er zeigt, ist die Fragilität eines Menschen, der mit einem Teil seiner Erfahrung allein bleibt. Der spürt, wie der Boden, auf dem er sich bewegt, plötzlich wegrutschen kann wie Sand. Da genügt die scheinbar harmlose Floskel: „Leute wie Sie“. Es ist ein Kollege, der Xhafer so herabsetzt, Rainer Bock spielt ihn als gepeinigte Existenz, erst am Ende entschlüsselt sich dessen eigene Degradierungs-Erfahrung. „Exil“ handelt nicht von Identitätskrisen, Integration und anderen bis zur Bedeutungslosigkeit durchdeklinierten Schlagwörtern. Er handelt von Leuten wie uns.

Exil Deutschland, Belgien, Kosovo 2020. Buch und Regie: Visar Morina, Besetzung: Misel Maticevic, Sandra Hüller, Rainer Bock u. a., Kamera. Matteo Cocco, 121 Min.