Isabelle (Julie Delpy) mit ihrer Filmtochter  in „My Zoe“
Foto: dpa/ Warner Bros./ Stephan Rabold

Berlin Der Streit ist erbittert. Vielleicht bemerkt es deshalb keiner von beiden, dass das gemeinsame Kind im Nebenzimmer alles hören kann. Vielleicht ist es beiden in diesem Moment auch egal, dass Zoe da ist, also im physischen Sinne, denn die Streits drehen sich zumeist um das Kind: Wer übernimmt wie viel Verantwortung, wer darf oder muss wann wie viel Zeit mit Zoe verbringen. Um das Kind wird geschachert, als wäre es eine Ware, gleichzeitig wird es – nicht zuletzt aus schlechtem Gewissen – behandelt wie ein rohes Ei und der jeweilige Partner steht  im Verdacht, der schlechtere Elternteil zu sein. Kurzum: Es sind die hässlichen, gleichwohl typischen Auseinandersetzungen nach einer Trennung, mit denen Julie Delpys  siebter Langfilm „My Zoe“ beginnt.
   

Julie Delpy spielt die Genetikerin Isabelle, deren Exmann James (Richard Armitage) ist ein erfolgreicher Architekt; sein Job hat die Familie nach Berlin geführt. Isabelle hat einen neuen Freund, sie treibt ihre wissenschaftliche Karriere wieder voran. Überprotektiv kreist sie um ihre Tochter Zoe, ein aufgewecktes, wissbegieriges Schulkind mit philosophischen Fragen. Über viele Jahre hat Julie Delpy, die auch das Drehbuch geschrieben hat, die Idee mit sich herumgetragen. Die Verwirklichung des Projekts war schließlich nur möglich, weil der mit ihr befreundete Daniel Brühl hier sein Debüt als Produzent gab.

Delpys neuer Stil

Delpy weicht in „My Zoe“ ab von den Filmen, die sie zuvor gemacht hat – bis auf ihren ersten Langfilm „Looking for Jimmy“ und die Historientragödie „Die Gräfin“ sind die übrigen vier mal weniger, mal sehr charmante Beziehungskomödien wie „Zwei Tage Paris“. „My Zoe“ scheint zunächst ein Beziehungsdrama zu sein: Wie geht ein Paar mit einem gemeinsamen Kind mit der Trennung um? Man kann sich nicht völlig voneinander lösen, als Eltern bleibt man praktisch lebenslang aneinander gekettet. Delpy erkundet diese Situation in realistischen, lebensnahen Dialogen, detailgenau zeichnet sie ihre Figuren.

Nur: Weshalb ist die Handlung des Films, der zunächst in Berlin spielt, in der nahen Zukunft angesiedelt? Mit einem tragischen Ereignis nimmt der Film etwa ab der Hälfte eine überraschende Wendung; die Handlung verlagert sich nach Moskau, es geht um Möglichkeiten der Genetik, die auch an den aktuellen Crispr-Fall in China denken lassen, bei dem das Erbgut von Zwillingsembryonen genetisch verändert wurde. Eigentlich beginnt an dieser Stelle ein neuer Film. Keiner dieser beiden Filme in einem Film jedoch erzählt seine Geschichte emotional wirklich packend, wobei beide Teile das Potenzial dazu hätten.

Der Trennungskrieg ist als Exposition zu lang, die Fronten sind schnell klar. Als Drama, als eigene Erzählung, in der etwa die Rolle von Isabelles neuem Partner noch stärker betont würde, könnte das anschaulich funktionieren. Der Science-Fiction-Film in der zweiten Hälfte wirft interessante Fragen auf, es gibt spannende Nebenfiguren – so richtig will er aber über die Illustration von Thesen, von aktuellen ethischen Diskursen nicht hinauskommen. Nun fehlt vor allem die Zeit, die neuen Figuren auszugestalten – etwa Daniel Brühl als Mediziner, der bewusst moralische Grenzen überschreitet.

My Zoe

Frankreich, Großbritannien 2018, Regie und Drehbuch: Julie Delpy, Kamera: Stéphane Fontaine, Schnitt: Isabelle Devinck, Darsteller: Julie Delpy, Richard Armitage, Daniel Brühl, Gemma Arterton, Sophia Ally, Spielfilm, Farbe, 100 Min., FSK: ab 12 Jahren