Die Regisseurin Leonie Krippendorff

Foto: Markus Wächter

BerlinDass in Filmen Blut fließt, ist nicht ungewöhnlich. Aber Menstruationsblut? Und in „Kokon“ ist es nicht nur ein dezenter Tropfen, Noras ganze Unterhose ist voll. Es ist ihr erstes Mal, und sie ist an dem schlechtesten Platz, an dem dieses Ereignis eine Vierzehnjährige treffen kann: im Schwimmbad. Zum Glück klopft ein rettender Engel namens Romy an die Klotür, wäscht die Flecken heraus und drückt Nora einen Joint in die Hand – gegen die Bauchschmerzen. Wir befinden uns in Berlin-Kreuzberg.

Die Regisseurin Leonie Krippendorff treffen wir eben dort, im Café Kotti am Neuen Kreuzberger Zentrum, dem 70er-Jahre-Sozialbau, der sich über die Adalbertstraße spannt, einem ihrer Drehorte. Es ist heiß, genau wie im Sommer 2018, in dem der Film spielt. Leonie Krippendorff trägt ein Sommerkleid und Flip Flops, und wir trinken Kaffee, den der freundliche Kellner mit Eiswürfeln heruntergekühlt hat.

Die Szene mit dem Blut sei ihr wichtig gewesen, erzählt sie. „Es war die erste Szene, die ich im Kopf hatte.“ Und sie macht „Kokon“ womöglich zum ersten Spielfilm, der diese Sorte Blut so explizit zeigt. Erstaunlich eigentlich, denn es ist ja allmonatlich, jedenfalls für die Hälfte der Menschheit. Und trotzdem ein Tabu, nicht nur für Jugendliche. „Man fragt nicht so offen nach einem Tampon, wie man nach einem Taschentuch fragen würde.“

Leonie Krippendorff ist 35 Jahre alt, „Kokon“ ihr Debütfilm. Es ging auch richtig gut los: Bei der Berlinale eröffnete der Film die Sparte „Generation 14 plus“, es gab Einladungen zu Festivals in aller Welt. Doch dann kam Corona, die Festival-Reisen mussten abgesagt, der Starttermin im April  verschoben werden, nun läuft der Film mitten im Sommer an, in Kinos, in denen viele Sitze frei bleiben müssen. Enttäuschend, klar, aber Leonie Krippendorff klagt nicht. Man traut ihrem Film zu, dass er auch bei diesem Anti-Kino-Wetter die Menschen dazu bringen wird, ihn sich anzusehen.

Erstmal, weil er ein so zarter Coming-of-Age- und auch Coming-out-Film ist. Weil er das schwierige Thema Pubertät nicht aus einer amüsierten Von-oben-Perspektive auf die Pubertiere behandelt. Stattdessen macht Leonie Krippendorff den Abgrund sichtbar, der sich in dieser Zeit  zwischen Teenagern und  Erwachsenen auftut, selbst wenn letztere es gut meinen, so wie etwa die Sexualkundelehrerin, der Nora gerade erzählt hat, dass sie Mädchen so schön findet, und die darauf nichts anderes zu sagen weiß als: „Ja, es gibt viele schöne Mädchen auf eurer Schule.“

Dabei wollte die 14-jährige Nora, grandios gespielt von Lena Urzendowsky, doch von ihrem Begehren erzählen, das sie gerade entdeckt. Und man kann ihr in diesem Film dabei zusehen, wie sie das tut, wie sie es zulässt – ein bisschen überrascht, unsicher, aber doch auch mit einem berührenden Zutrauen zu sich selbst. Leonie Krippendorff zeigt eine multikulturelle Jugendszene, in der schwul ein Schimpfwort ist, in der es aber auch einen Ahmed gibt, der sagt: „Ich find’s irgendwie cool“,  als Nora ihm gesteht, in wen sie verliebt ist. Und das ist keine Utopie. Es tut sich da gerade etwas.

Und dann ist „Kokon“ ein Berlinfilm, den man mit geschlossenen Augen erkennen würde. Man müsste nur den Soundtrack auf sich wirken lassen, der manchmal aus nichts anderem besteht als aus dem, was rund um den Kotti zu hören ist: dem Geräusch, das die U1 macht, wenn sie in den Bahnhof einfährt, dem entfernten Ruf des Muezzins, Verkehrslärm, Stimmengewirr, Polizeisirenen.

Wehmut ist auch im Spiel. Beim Zuschauer nämlich, egal welchen Alters. Der Film hat eine Ästhetik, die einen in ihrer manchmal leicht verblasst wirkenden Farbigkeit und Körnigkeit in die Vergangenheit rückt, zurück in diesen einen speziellen Sommer, in dem man zum ersten Mal geküsst und später vielleicht aus Liebeskummer geheult hat. Nur eins ist schade: Dass sie nicht im Prinzenbad drehen durften, von dem Leonie Krippendorff sagt, dass sie dort praktisch aufgewachsen ist. Auch wenn sie nicht um die Ecke wohnte, sondern zusammen mit ihrer Mutter in einer Wohngemeinschaft in Schöneberg.

Sie sei schlecht in der Schule gewesen, erzählt sie, habe eine Fotografieausbildung gemacht, und sich dann an der Filmhochschule Babelsberg beworben. Aus einer Laune heraus, wie sie sagt. Mit einem Film über eine ungewollte Schwangerschaft, der binnen einer einzigen Woche entstand. „Es war das erste Mal, dass ich mich für etwas so richtig begeistern konnte“, sagt sie. „Ich war so stolz auf diesen Film.“ Es hat sofort geklappt.

Viele Frauen, die Regie studieren, verschwinden später einfach. Sie üben den Beruf nicht aus, machen nie einen Film. Mehr als 80 Prozent der 580 im Bundesverband Regie registrierten Regisseure sind Männer, obwohl fast ebenso viele Frauen wie Männer im Fach Regie an den Filmhochschulen einen Abschluss machen. Leonie Krippendorff ist nicht verschwunden, sie arbeitet sogar schon am Drehbuch für einen neuen Film. Er soll in Portugal spielen. Sie könnte jetzt auftrumpfen, stattdessen ist sie bescheiden. „Ich bin in der Arthouse-Welt. Da sind die Quoten etwas gerechter als bei Produktionen, bei denen viel Geld im Spiel ist.“ Aber auch dort hat sie ihren eigenen Weg finden müssen, in einer Welt, in der es für Frauen an Vorbildern fehlt. Einen Weg, der nichts mit Dominanz zu tun hat. „Es hat mir lange Druck gemacht, dass ich dachte: Wenn ich Regie führen will, muss ich anders sein, als ich bin. Es hat gedauert, bis ich akzeptiert habe, dass Weichheit okay ist.“