Kinobesitzer schwärmen derzeit gern von den „Best Agern“: Leuten über fünfzig, die nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder ein Kino betreten. Ich denke dann immer nur: Schön und gut, aber hoffentlich sind die Leute mal nicht enttäuscht. Die Filme sind heute leider nicht mehr so wie vor dreißig Jahren.

Anders ist es mit „Wie beim ersten Mal“. Meryl Streep (63) und Tommy Lee Jones (66), die Hauptdarsteller dieser hinreißenden dramatischen Komödie über eine eingestaubte Partnerschaft, werden sich Ähnliches gedacht haben, als sie das Drehbuch lasen. Die Idee, zwei Ehe-Veteranen mit all ihren eingefahrenen Macken eine Paar-Therapie durchleben zu lassen, wäre schon in den 1970er-Jahren im Trend gewesen. Besser aber hätte es allerdings niemand hinbekommen. Die Dialoge sind so klug, lustig und anrührend, als ob Woody Allen genau das gelungen wäre, was er immer vorhatte: einen Ingmar-Bergman-Film zu schreiben. Aber einen mit Humor.

Natürlich geht die Initiative, für eine Woche Intensiv-Therapie in ein winziges Nest nach New England zu fahren, von der Frau aus. Und natürlich ist ihr Mann ein sturer Knochen, wie ihn früher vielleicht Walter Matthau gespielt hätte. Aber wie er sich dann letztlich erweichen lässt – das entzieht sich bereits jeder Vorhersagbarkeit. Wer Tommy Lee Jones jemals interviewt hat, weiß, dass man ihn auf gar keinen Fall etwas fragen darf, auf das sich einfach mit Ja oder Nein antworten ließe. Er würde von der Möglichkeit, mit einer Silbe davonzukommen, sofort Gebrauch machen! Nicht anders seine Filmfigur Arnold. Wenn ihn der Therapeut fragt, was ihm am Sex am meisten gefallen habe, sagte er nur: „Na, der Sex“. Und wenn sich seine Frau Kay vom Spaziergang zurückmeldet mit: „Ich bin wieder da“, sagt er: „Das sehe ich“ – mit dem Ton von Bert aus der Sesamstraße. Hatten der und Ernie je eine Paar-Therapie?

Talentiertes Drehbuch

Man kann oft in Beziehungsratgebern lesen, dass Männer nicht über ihre Gefühle sprechen könnten. Da ist sicher etwas dran. Aus diesem Allgemeinplatz schlägt natürlich auch dieser Film viel Kapital, aber die einfache Lösung, aus Kay einfach den redseligen Gegenpol zu Arnold zu machen, schlägt er aus. Nach 31 Ehejahren hat sich Kay ein gutes Stück angeglichen. Es ist schon gespenstisch, wie großartig uns diese beiden Meisterschauspieler Meryl Streep und Tommy Lee Jones vom ersten Bild an ein Gefühl für diese 31 Jahre geben.

Und wie nahe liegend wäre es gewesen, die Figur des Therapeuten der Lächerlichkeit preiszugeben! Ist dieser Dr. Feld vielleicht ein Scharlatan oder gar selbst ein Beziehungswrack? Nein, unser Misstrauen, meisterlich geweckt von Steve Carell im schrecklich korrekten Outfit und mit dem unverfänglichen Lächeln eines Buchcover-Porträts, ist unbegründet. Was für eine Überraschung: Obwohl seine Figur in diesem Zweipersonenstück nur Stichwortgeber zu sein bräuchte, ist sie wunderbar ausgesponnen. Die formelhaften Fragen erweisen sich als goldrichtig. Ein Hoch auf die Drehbuchautorin Vanessa Taylor, die wie alle echten Hollywood-Talente in diesem Beruf heute aus dem Fernsehen kommt: Ihr Kino-Debüt ist Oscar-reif. Und der Regisseur David Frankel („Der Teufel trägt Prada“) holt alles heraus.

Die Kamera von Florian Ballhaus wird wohl keinen Oscar bekommen – sie ist zu gut dafür, weil zu unauffällig. Das ist seinem Vater Michael auch häufig passiert. Hier wackelt keine ruhelose Handkamera auf der Jagd nach Intimität. Nein, die Kamera steht schön auf ihrem Stativ und hebt diese großartigen Schauspieler einfach durch das richtige Licht hervor. Und wenn Streep und (noch ein Oscar:) Tommy Lee Jones in den Großaufnahmen so alt aussehen müssen, wie sie sind – weil die Geschichte es verlangt –, dann geschieht das mit Würde. Wie konnte diese Kunst je in Vergessenheit geraten? Ja, dieser Film ist ein Grund nach dreißig Jahren wieder ins Kino zu gehen. Wie zum ersten Mal.

Wie beim ersten Mal(Hope Springs) USA 2012. Regie: David Frankel, Drehbuch: Vanessa Taylor, Kamera: Florian Ballhaus, Darsteller: Meryl Streep, Tommy Lee Jones, Steve Carell u. a.; 100 Minuten, Farbe. FSK ab 6. Ab morgen im Kino.