Der Parcour ist spannend, führt querfeldein und erfordert deutlich ein Gemüt, dem Kamikaze nicht fernliegt. Vanellope hat sich gelangweilt in ihrer Routine als Rennfahrerin. Abseits der Rennstrecke durch Dünen und Schlamm fühlt sie sich endlich wohl. Vanellope lebt in dem Videospiel „Sugar Rush“, in einer altmodischen Video-Arcade mit blinkenden, summenden Spielautomaten.

Und am Abend zieht der Betreiber den Stecker – dann haben die Figuren der diversen Spiele Feierabend und gehen auf ein Bier in die Kneipe oder nach Hause zu ihrer Familie. „Chaos im Netz“ ist die Fortsetzung des Erfolgsfilms „Ralph reichts“ von 2012 aus der Disney-Pixar-Schmiede, Regie führte erneut Rich Moore, hier gemeinsam mit Phil Johnston.

„Chaos im Netz“: Ein virtuelles Manhatten

Ralph ist Vanellopes bester Freund. Jetzt hilft er ihr bei dem Rennen jenseits ausgetretener Pfade. Die Spielerin von „Sugar Rush“ in der Video-Arcade ist allerdings wenig begeistert vom Kurs der kleinen Draufgängerin. Um diese wieder zur Räson zu bringen, zerrt sie so am Lenkrad, dass es zerbricht. Ersatzteile gibt es nicht mehr für das alte Spiel, die Abschaltung droht.

Es gibt nur eine Rettung: Vanellope und Ralph müssen ins Internet reisen, denn dort steht noch ein einziges Lenkrad bei Ebay zur Auktion. Zum Glück wurde in der Arcade gerade Wi-Fi eingeführt; und wie in den einschlägigen Durch-die-Zeit-Reisefilmen gelangen die beiden in einem wilden Strudel in eine fremde Welt. Kamikaze-Vanellope findet das prima, der behäbige, konservative Ralph ist sehr skeptisch. 

Während die Welt der Video-Arcade einem Dorf entspricht oder einer Vorstadt in all ihrer Überschaubarkeit, imaginieren die Macher von „Chaos im Netz“ das Internet als eine Stadt, einen Moloch. Ebay, Amazon und andere Netz-Riesen drängen sich als Hochhäuser zu einem animierten Business-District zusammen, einem virtuellen Manhattan.

Disney-Pixar-Film ist Familienunterhaltung

Das Bild einer Stadt für das Internet ist gut gewählt: Es gibt zahllose Anknüpfungspunkte um zwar nicht alle, aber doch viele Seiten des virtuellen Universums zu visualisieren, ohne zu komplex abzudriften – bei „Chaos im Netz“ handelt es sich schließlich um Familienunterhaltung: Der Untergrund mit zwielichten Gestalten und fiesen Deals ist das Darknet, Spiele führen in urbane Parallelwelten – wie das Spiel „Slaughter Race“, in dem die beiden zunächst landen, das an illegale Autorennen gemahnt und in dem Vanellope auf ein feministisches Vorbild trifft – und die wie alle Gestalten vermenschlichten Pop-ups sind allgegenwärtig und bringen einen überallhin – auch dorthin, wo man im Zweifel gar nicht hinmöchte.

Eine Anspielung, ein Gag, jagt den anderen und auch Kritik hat ihren Platz: An der kurzen Halbwertszeit von Youtube-Hits etwa oder an der entfesselten und verletzenden Kraft von Hass-Kommentaren. Ein wenig jedoch geraten in der Überfülle an Ideen die Figuren aus dem Blickfeld, obwohl es ja um Werte wie Freundschaft, Verlässlichkeit, Vertrauen geht – etwas, das in dem zweiten, nostalgischeren Disney-Pixar Film „Die Unglaublichen 2“ dieses Jahr gelungen ist.

Deshalb spielt eine der schönsten und anrührendsten Sequenzen des Films ganz selbstreferenziell-ironisch im Disney-Universum, auch eines dieser Häuser: Hier leben die Prinzessinnen der diversen Disney-Filme und geben eine herrliche Meta-Reflexion ab. Von ihnen lernt Vanellope: Wer die eigene Stimme findet, der lebt endlich seine Prinzessin. Sie schlummert in uns allen.

Chaos im Netz USA 2018, Regie: Rich Moore, Phil Johnston, 113 Minuten. FSK: ab 6 Jahre