Anna-Maija Toukko als Sirkka und Pak Hon Chu als Master Chen in dem Film „Master Cheng in Pohjanjoki“.
Foto: Marianna Films

BerlinKartoffelpampe, Brühwurst und geraspeltes Gemüse. Das ist alles, was diese Köchin zustande bringt. Die junge Frau verrichtet ihre Arbeit in einer Holzbaracke, die sich Restaurant nennt. Ihre Haut ist von ungesunder Blässe, der Schweiß steht ihr auf der Stirn. Nicht weniger leidend sehen ihre Stammgäste aus, zwei alte Männer mit verfetteten Rümpfen, schwer atmend stoßen sie die immer gleichen Sprüche hervor. Narren, über die keiner mehr lacht. 

Ein unwirtlicher Ort, und das in landschaftlich gesegneter Lage in Lappland. Dort, wo Luft und Seen so klar sind wie der Wodka, der anstelle eines Desserts auf den Tisch geknallt wird. Der Regisseur Mika Kaurismäki lässt das Land seiner Herkunft in den ersten Minuten seines Films „Master Cheng in Pohjanjoki“ erst einmal schlecht aussehen. Denn ist es nicht so, dass die Küche ein Indikator ist für den sorgsamen, freundlichen Umgang mit sich selbst und anderen?

Liebe geht durch den Magen - auch in dem neuen Film von Mika Kaurismäki.
Foto: Marianna Films.

Wie ein Märchen aus einer fernen Zeit

Wer sich nicht ums Kochen bemüht, dem mangelt es an Liebe zum Leben, mindestens. Das ist die Botschaft vieler Filme, die man möglichst nicht mit leerem Magen sehen sollte. „Zimt und Koriander“, „Kirschblüten und Rote Bohnen“, „Ramen-Shop“.  Immer geht es dabei um Gemeinschaft, um den Austausch von Kenntnissen und Gefühlen, um die Heilung darbender Seelen.

Vor zwei Jahren in China und Finnland gedreht, erscheint „Master Cheng“ nun wie ein Märchen aus ferner Zeit, ein Einwurf zum „Social Distancing“ und seinem destruktiven Potential. Hier ist der Fremde keine Gefahr, sondern ein Glücksbringer aus China, ein Mann im besten Alter, wohlgestaltet und klugen Blicks. Als die erschöpfte Köchin seinem kleinen Sohn Cola anbietet, lehnt er mit einer Geste ab. Keine Frage, hier steht ein Kulturmensch, gelandet in der Barbarei.

Zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturen führt der Film zueinander.
Foto: Marianna Films

Äußerst diskret

Polare Strukturen können sehr penetrant sein, gerade, wenn sie viel Beweislast tragen. Hier die alte Kultur der chinesischen Kochkunst, die immer auch Heilkunst ist, dort die Ignoranz. Dass der Lehrer hier männlich und die Unwissende weiblich ist, macht die Sache noch heikler. Aber wie beim Kochen kommt es auch an dieser Stelle zu einer Verschmelzung der Zutaten. Und bald zeigt sich, dass der Experte auch ein Depp ist, nur eben auf einem anderen Gebiet.

Die Köchin kann offen reden und tanzen, der Koch kann beides nicht. Anna-Maija Toukko als Sirkka und Pak Hon Chu als Master Chen sind ein schönes Team. Um ein Paar zu werden, müssen sie wie alle latent Verliebten ein paar Prüfungen bestehen. Papiere lautet das größte darunter. Denn Chengs Touristenvisum läuft ab. Am Ende werden die beiden alten Zausel (dargestellt von Kari Väänänen und Vesa-Matti Loiri) zu Verbündeten im Einwanderungsprojekt. Wobei offen bleibt, wo sich das Paar niederlässt. Denn der Jangtsekiang kann so weit sein wie ein finnischer See. Mika Kaurismäki will viel sagen mit seinem Film. Was wir brauchen, was wir sind, was wir sein können. So als Menschen. Weil er dabei äußerst ökonomisch und diskret vorgeht, lässt man sich das gern gefallen.

Master Cheng in Pohjanjoki Finnland/China 2019. Regie: Mika Kaurismäki, Buch: Hannu Oravisto, Darsteller: Anna-Maija Tuokko, Pak Hon Chu u.a. 114 Min., Farbe, FSK ab 6