Im Teheran des Jahres 1958 kauft ein Mann eine Geige. Die ist ihm aber nicht gut genug! Und wie sieht Teheran hier überhaupt aus: Ganz sepia-getönt und weichgezeichnet wirkt die Stadt in „Huhn mit Pflaumen“. Der Film erzählt von dem Musiker Nasser Ali, der ein neues Instrument benötigt. Das alte, das perfekt war, ist zerbrochen bei einem heftigen Streit mit seiner Frau. Nasser Ali fährt eigens in eine entlegene Stadt, um eine Stradivari zu erwerben. Und wegen des Ehekrachs, der übrigens permanenter Zustand ist, muss er den gemeinsamen kleinen und bedauerlicherweise hyperaktiven Sohn mitnehmen, was Anlass ist für einige Drolligkeiten in diesem an Kuriosa reichen Film. So wird das Kind etwa heiter mit Drogen beruhigt in dem verwunschenen Laden, in dem Nasser Ali die Stradivari zu finden hofft.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Zuschauer bereits überwältigt von der Fülle an Farben, Formen und Fabulierkünsten, die miteinander arbeiten und sich doch gleichzeitig gegenseitig Konkurrenz machen in „Huhn mit Pflaumen“. Die neue Regiearbeit von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud beruht auf der gleichnamigen Graphic Novel von Marjane Satrapi; das Duo feierte mit „Persepolis“, einer sehr stylishen schwarz-weißen Animationsversion von Satrapis autobiografischem Comic über die jüngere politische Geschichte des Iran und ihr eigenes Aufwachsen in Ost und West, zu Recht große Erfolge.

Marjane Satrapi lebt schon lange in Paris. „Huhn mit Pflaumen“ ist nun leitmotivisch ebenfalls dem Iran gewidmet, will aber doch ganz anders sein: nicht lakonisch, sondern märchenhaft, magisch, überbordend – eine Tour de Force aus Real- und Animationsfilm. Mathieu Amalric verkörpert Nasser Ali. Weil dessen Leben nun ohne den richtigen Klang, das perfekte Instrument keinen Sinn mehr hat, beschließt er zu sterben. Die sieben Tage bis zu Nasser Alis Tod strukturiert der Film in Rückblenden auf die Vergangenheit. Erzählt werden Liebes- und Konfliktgeschichten, die man – je nach Ermessen – symbolisch und jeweils als Repräsentationen deuten kann. Latent geht es um Kunst und Politik. So hat Nasser Ali, der Musiker, einen Bruder: Nasser Abdi ist Kommunist. Und in seiner Ehe so unglücklich ist Nasser Ali, weil er seine ursprüngliche Liebe, die wunderschöne Uhrmacherstochter Irâne, nie vergessen konnte. Der aber wurde die Ehe mit ihm vom autoritären Vater verboten; sie war nämlich einem Offizier zugedacht.

Todesengel mit putzigen Hörnerchen

Alle Tragik wird hier jedoch ästhetisch vom Märchenhaften aufgefangen, so wie alle Versuche, heroisch zu sein, auf liebevolle Weise belächelt werden. Diese Überhöhung schützt die Figuren nicht vor ihrem Schicksal, wohl aber den Zuschauer, dessen Augen sich nicht satt sehen können an drolligen Bastelwelten à la Michel Gondry oder an allen möglichen Animationstechniken. Nahezu jede filmische Ästhetik wird in diesem Film angewandt. Mal gibt es Scherenschnitt, mal Kulissenbauten und gemalte Hintergründe wie in den 1940ern oder eine Lichtdramaturgie wie in Klassikern des deutschen Expressionismus.

Es macht Spaß, dies alles zu schauen – am besten gefiel uns Azraël, der Engel des Todes, mit seinen munteren Leuchtaugen und putzigen Hörnerchen, wie er Nasser Ali mit einem schwungvollen „Bonjour, mein Freund“ begrüßt. Der Tod ist hier kein Feind. Und doch ermüdet diese irre Bilderfülle auch. „Durch wahre Kunst erst verstehen wir das Leben“, sagt Nasser Ali in diesem Film einmal. Aber wie viel oder vielmehr wie wenig braucht wahre Kunst, um zu gelten, fragt man sich selbst am Ende ziemlich erschöpft. Aber auch irgendwie verblüfft angesichts des bunten Verschwendertums.

Huhn mit Pflaumen (Poulet aux prunes) Frankr./Dtl./Belgien 2011. Drehbuch & Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud; 91 Min., Farbe. FSK ab 12.