Er könne einfach nicht still sitzen, sagte Carlos Saura im September vor Journalisten am Rande des Filmfestivals von San Sebastián. Der spanische Filmregisseur, der einen Kurzfilm beim Festival präsentierte, wird am 4. Januar 90 Jahre alt. Seine gute Form erklärt er so: „Man muss Projekte haben, sie hauchen einem Leben ein.“ Projekte – davon hat Saura so viele, dass er locker 100 oder auch 120 Jahre alt werden könnte, ohne dass es ihm an Arbeit mangeln würde. Obwohl er das Wort „Arbeit“ für einen Filmschaffenden nicht gelten lässt. „Arbeit ist, wenn man Ziegelsteine aufeinanderlegen oder im Bergwerk graben muss“, sagte er in San Sebastián.

Sohn einer Musikerin, Bruder eines Malers

Bis jetzt drehte Saura mehr als 50 Spielfilme und widmete sich unzählige Male der kurzen Form. In Deutschland war neben „Züchte Raben...“ (1975) vor allem „Carmen“ (1983) erfolgreich, ein Ballett-Film über eine Aufführung von Georges Bizets gleichnamiger Oper. Musik- und Tanzfilme sind die großen Leidenschaften des in Huesca im Nordosten Spaniens geborenen Saura. Er würdigte neben dem Flamenco, dem er mehrere Filme widmete, auch den Jota-Tanz seiner Heimat Aragonien, den argentinischen Tango und den Fado aus Portugal. „Meine Mutter war Konzertpianistin, ich bin ein frustrierter Musiker, habe aber großes Musikverständnis. Und es gibt ja auch die Nachfrage.“

Er studierte zunächst Ingenieurwissenschaften und malte, bevor er es auf Anregung seines älteren Bruders, des Malers Antonio Saura, mit dem Film versuchte. Außerdem fotografiert er und führt gelegentlich auch Theater- und Opernregie. 1991 inszenierte er „Carmen“ in Stuttgart.

Saura sagt den Journalisten, dass er im Ausland bekannter und beliebter sei als in seiner Heimat. Jedoch gewann er mehrere Male den Goya, die höchste spanische Filmauszeichnung. In Cannes erhielt er unter anderem den Großen Preis der Jury 1976 für „Züchte Raben...“, 1985 den Bafta-Award für „Carmen“ als besten fremdsprachigen Film und 2004 für sein Lebenswerk den Europäischen Filmpreis. In Berlin erhielt er zwei Mal den Silbernen Bären (1966 und 1968), 1981 auch den Goldenen für „Los, Tempo!“.

Demnächst ist König Philipp II. dran

Nachdem sein jüngstes Werk, der in Mexiko gedrehte Musikfilm „El rey de todo el mundo“ (Der König der ganzen Welt), erst am 12. November in Spanien in die Kinos kam, will Saura als Nächstes einen Film über den spanischen König Philipp II. drehen. Zudem will er seinen ersten Roman „Dieses Licht“ verfilmen, weiter an einer TV-Serie über den im Bürgerkrieg ermordeten Dichter Federico García Lorca (1898–1936) arbeiten und eine Fortsetzung seines Films „Elisa, mein Leben“ (1977) drehen. Und da ist auch noch das ganz große Projekt, das nach vielen Jahren der Finanzierungssuche in den nächsten Monaten endlich in Gang kommen soll: Ein Film über das Leben des Malers Pablo Picasso und dessen Antikriegsgemälde „Guernica“.

Der Mann, der von kommunistischen Filmemachern, deutschen Expressionisten, Neo-Surrealisten und vor allem von seinem über 30 Jahre älteren Freund Luis Buñuel beeinflusst wurde, ist heute immer noch ein unermüdlicher Sozialkritiker. Er erlebte als Kind den Spanischen Bürgerkrieg und warnt nun vor einer Zuspitzung der politischen und sozialen Polarisierung in Spanien und vielerorts auf der Welt.