Der Jesus, der in der Kirche von Siculiana am Kreuz hängt, ist schwarz. Und die Flüchtlinge aus Ghana können es kaum fassen, dass dieser Weiße, zu dem sie in Afrika gebetet haben, in Europa ihre Hautfarbe angenommen hat. Komisch nur, dass die Weißen diesen schwarzen Jesus lieben, das schwarze Stück Holz, nicht aber die Schwarzen aus Fleisch und Blut. „Soll mir mal einer erklären“, sagt Edward zu seinen Freunden Samuel und Peter bei einem Spaziergang am Strand von Siculiana, einer Kleinstadt an der Südküste Siziliens, am äußersten Rand Europas. Das ist der Ausgangspunkt von Luca Lucchesis in  Cinemascope gedrehtem Dokumentarfilm „A Black Jesus“, den Wim Wenders produziert hat. 

Bei der alljährlichen Prozession am 3. Mai, wenn der schwarze Jesus von ausgewählten Männern durch die Straßen getragen wird, filmen die Ghanaer mit ihren Handykameras, als seien sie Touristen, die das Glück haben, bei einem exotischen Ritual dabei sein zu können. Dabei sind ihre Beweggründe ganz andere: Sie sehen in dem Gekreuzigten sich selbst. Nicht so die Bewohner von Siculiana. Das Flüchtlingszentrum ein wenig außerhalb ist ihnen ein Dorn im Auge. Bei der Demonstration gegen die Unterkunft, bei der man angesichts der Straßen voller Menschen an die Prozession denken muss, lauten die Parolen zwar, man habe nichts gegen Flüchtlinge, doch das Zentrum soll weg.

Luca Lucchesi kommt dem Dorf sehr nah, er ist in der Küche dabei, wenn ein paar alte Damen Torrone herstellen, eine Süßigkeit aus Zucker und Nüssen. Sie singen die alten Lieder, tanzen miteinander. Eine erzählt von ihrer Angst vor den schwarzen Männern, eine andere sagt, sie würde ihnen ganz normal „Guten Morgen“ wünschen. Der Regisseur besucht den Gemüsehändler, prominenter Kreuzträger seit Jugendtagen, in seinem Haus. „Ich bin kein Rassist, aber wenn es keine Arbeit für unsere Kinder gibt, können wir keine Flüchtlinge brauchen.“

Arbeitsmigration gibt es in Siculiana seit Generationen. Der eine, der von seinen 30 Jahren im Straßenbau in Köln erzählt, ist einer von vielen. Im Sommer, wenn alle, die außerhalb arbeiten, nach Hause kommen, hat Siculiana nicht 5000, sondern 15.000 Einwohner. Der Sohn des Gemüsehändlers sagt, dass er die Welt kennenlernen möchte. Dass er dafür keine Genehmigung, keinen Aufenthaltstitel, keinen Behördenbescheid braucht, und bei der Reise nicht sein Leben aufs Spiel setzen muss, hält er für sein selbstverständliches Recht. Die Parallelen zu den Flüchtlingen, die doch auch auf der Suche nach einem besseren Leben die Heimat verlassen haben, sieht keiner.

Die Stadt und das Flüchtlingszentrum sind wie Öl und Wasser

Die Stadt und das Zentrum – sie sind wie Öl und Wasser. Wenn die Männer, die für ein Kirchenfest sammeln, an der Bushaltestelle vorbeigehen, an der Flüchtlinge sitzen, dann ist es, als seien diese für sie unsichtbar. Höchstens als Bedrohung nimmt man sie wahr. Er könne seine Frau nicht allein aus dem Haus lassen, der schwarzen Männer wegen, sagt einer.

Nur eine Nonne und ein Italienischlehrer wandern zwischen den Welten, dem Zentrums und der Stadt. Der Lehrer, ein Linker, der gegen Salvini wettert, ist zugleich eine Art Rechtsberater. „Wenn sie deinen Asylantrag ablehnen, nimmst du dir einen Anwalt“, rät er Edward. Auch wenn er weiß, dass am Ende immer dasselbe Wort steht: negativo, negativo, negativo.

„Der Herr kennt keine Farben“, sagt der Priester in „A Black Jesus“

Es kommt, wie es kommen muss. Die Flüchtlinge wollen sich als Kreuzträger engagieren. Wer, wenn nicht sie? Edward lernt mit Hilfe des Lehrers den entsprechenden italienischen Satz auswendig, den er dem Priester vorträgt. Der stellt sich anschließend vor die Gemeinde der Kreuzträger und sagt: „Der Herr kennt keine Farben, der Herr kennt keine Grenzen.“ Damit ist die Teilnahme der drei Flüchtlinge beschlossene Sache. Man wüsste zu gern, was in den Köpfen der Italiener vorgeht – doch man erfährt es leider nicht.

Luca Lucchesi ist der zweite Regisseur, der das christliche Abendland in der Gestalt Italiens angesichts der Flüchtlingskrise bei seinen Werten packt, als da sind Barmherzigkeit, Mitgefühl, Brüderlichkeit. Der erste war Milo Rau mit seinem Film „Das neue Evangelium“, der im Dezember herauskam. Auch bei Rau steht ein schwarzer Jesus im Mittelpunkt, dargestellt von einem afrikanischen Flüchtling. Lucchesis Film ist raffinierter. Statt auf den sozialen Gehalt der abendländischen Kultur zu pochen, fragt er, was davon eigentlich noch da ist. Ist Religion nur noch Folklore, das Kreuzfest so beliebt, weil man da Karussell fahren kann? Und ist der Mann am Kreuz derjenige, den man um ein neues Handy bittet, oder hat man nicht von ihm auch einen Auftrag?

Nach der Prozession, als die drei Flüchtlinge schon auf dem Heimweg sind, ereignet sich der emotionale Höhepunkt des Films. Sie treffen einen anderen Kreuzträger, ein älterer Mann, der sie fragt, wie es gewesen sei. „War Jesus schwer?“ Dann schütteln sie einander die Hände. Eine Begegnung, mehr ist es nicht, aber in ihr steckt eine Hoffnung, ein möglicher Weg.

Am Ende des Films erfährt man, dass das Flüchtlingszentrum von Siculiana aufgelöst wurde.

A Black Jesus digital verfügbar ab dem 20. Mai über www.filmwelt-digital. Von dem Ticketpreis 12 Euro gehen 40 Prozent an den Kinohilfsfonds des Hauptverbands Deutscher Filmtheater.  Der Film wird auch  im Freiluftkino Kreuzberg und im Sommerkino am Potsdamer Platz laufen.