Aelrun Goette: „Mir war klar, sie denken an Zonen-Gabi und ihre erste Banane“

Die Regisseurin hat einen Film über die glamouröse Modeszene der DDR gemacht: „In einem Land, das es nicht mehr gibt“. Es ist auch ihre eigene Geschichte.

Die Regisseurin Aelrun Goette vor dem Café Sybille an der Karl-Marx-Allee in Berlin.
Die Regisseurin Aelrun Goette vor dem Café Sybille an der Karl-Marx-Allee in Berlin.Benjamin Pritzkuleit

Wir treffen uns im Café Sibylle. Kaum hat Aelrun Goette den Raum betreten, legt sie ihre Hand auf eine Wand, die mit Eisbechern und Kuchentellern bemalt ist. „Ob das original ist?“, fragt sie. Original-DDR, meint sie, aus der Zeit, in der das Café an der Karl-Marx-Allee noch eine Milchtrinkhalle war, die kurz darauf in Milchbar umbenannt wurde und dann in den Sechzigern in Café Sibylle nach der DDR- Modezeitschrift. Hier sollen sich Redakteure und Models getroffen haben. Aelrun Goette war damals nicht dort.

Das Café, das nach der Wende schloss und Anfang der 2000er-Jahre wieder eröffnet wurde, scheint trotzdem der perfekte Treffpunkt zu sein, um mit der Regisseurin über ihren neuen Film zu sprechen: „In einem Land, das es nicht mehr gibt“. Es ist ein Film über Freiheit, Schönheit, Verrat und Widerstand. Im Zentrum stehen die mondäne Modewelt dieses Landes, der DDR, mit der die dafür zuständigen Mitglieder der Regierung komplett überfordert waren, sowie die subversive Modegruppe „chic, charmant und dauerhaft“ in der Prenzlauer-Berg-Bohème, der Name eine ironische Anspielung auf die Anforderungen an Bekleidung im Sozialismus. Mode war hier insofern politisch, als man in diesen Parallelwelten ein selbstbestimmtes Leben führen konnte. In Grenzen, die der Film auch zeigt.

Da sind die Modenschauen von Exquisit, die Kette von Geschäften mit exklusiver Mode, Luxusware, gefertigt meist aus ausländischen Stoffen, da ist die Frauenzeitschrift Sibylle, ein Modemagazin, für das die besten Fotografen des Landes arbeiteten: Arno Fischer, Ute Mahler, Roger Melis, Sibylle Bergemann, Sven Marquardt, Günter Rössler. In Aelrun Goettes Film sind deren berauschenden Originalfotos zu sehen. Auf einen frauenzeitungstypischen Ratgeberteil verzichtete die Sibylle bewusst. „Wir sind hier doch nicht bei der Brigitte“, heißt es im Film. Das war das Selbstverständnis.

Aelrun Goette, geboren 1966 in Ost-Berlin, hat diesen Film 14 Jahre lang mit sich herumgetragen. Es gab Zeiten, in denen Leute ihr gesagt haben: Wer will denn das sehen, Mode aus dem Osten, was soll denn das sein? „Mir war klar, sie denken an Zonen-Gabi und ihre erste Banane und nicht an Glamour auf der Leinwand.“ Als der RBB und die Produzentin Tanja Ziegler dazukamen, drehte sich das, und die letzten vier Jahre machte Goette quasi nichts anderes als diesen Film. „Wenn man kurz vor Drehstart ist, dann ist man wie ein gedoptes Pferd, das in seiner Box steht und losrennen will. Wir waren so angeheizt, und dann kam Corona und alles stoppte. Ich war am Boden zerstört, ich dachte, das überlebe ich nicht. Ich hatte mein Wunschteam für dieses Projekt versammelt und plötzlich drohte alles auseinanderzufallen. Aber es sind alle dabeigeblieben.“ Am 6. Oktober kommt „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ ins Kino.

Aelrun Goette wurde wegen eines Schwerter-zu-Pflugscharen-Aufnähers verhaftet

Der Film beginnt im Jahr 1989 in Ost-Berlin, als Aelrun Goettes Protagonistin Suzie, gespielt von Marlene Burow, kurz vor dem Abitur von der Schule fliegt und in die Produktion muss. Auf dem Weg zu ihrem Job als Facharbeiterin im Kabelwerk Oberspree wird sie zufällig fotografiert. Das Foto landet in der Sibylle und Suzie wird Fotomodel. So wie Aelrun Goette, für die „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ deshalb ein besonderer Film ist, weil sie damit die Geschichte ihres Lebens erzählt. Auch sie wurde wegen eines Schwerter-zu-Pflugscharen-Aufnähers verhaftet, dem Symbol der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR, der sich viele unangepasste Jugendliche anschlossen. Sie war damals 16.

Sabin Tambrea spielt in „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ den Modeschöpfer Rudi.
Sabin Tambrea spielt in „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ den Modeschöpfer Rudi.Tobis/Peter Hartwig

Und wie Suzie, die eigentlich Schriftstellerin werden will, träumte auch Aelrun Goette nicht von einer Karriere als Mannequin, wie die Models damals hießen. Sie wollte Psychologie studieren, wurde aber nicht zum Abitur zugelassen. Sie sollte Zerspanungsfacharbeiterin werden, dann lernte sie Krankenschwester. Nebenbei modelte sie da schon, doch als die ersten Bilder von ihr in der Sibylle erschienen, waren die Schwestern im Krankenhaus Friedrichshain überhaupt nicht begeistert. „Sie haben dann immer die Gummihandschuhe versteckt, und ich musste jeden Morgen ohne Handschuhe die Töpfe scheuern.“ Weil sie Allergikerin ist, hatte sie irgendwann keine Haut mehr auf den Händen und wurde berufsunfähig geschrieben. Sie bekam die Zulassung als staatlich geprüftes Mannequin und erhielt den Status einer unständig Beschäftigten.

Ihre Protagonistin Suzie stanzt im Kabelwerk Oberspree weiter Löcher in Metallplatten, während sie schon als Mannequin arbeitet. Der Gegensatz zwischen dem Alltag in der Fabrik, der unförmigen schlammfarbenen Schutzkleidung, die Suzie dort trägt, und der glitzernden Modewelt mit all den schillernden Persönlichkeiten, ist so krass wie reizvoll.

Aelrun Goette: „Ich habe in dieser Welt gelernt, gerade zu gehen“

„Für mich war die Mode ein Vehikel, dem vorgefertigten Weg zu entkommen und eine Form von Freiheit zu leben“, sagt Aelrun Goette. Ein Vehikel, kein Traumziel. Die Welt, aus der sie kam, beschreibt sie als geistig geprägt. „Mein Rollenbild war die Denkerin. Natürlich wollte ich attraktiv sein. Aber ich komme aus einer Welt, in der das als oberflächlich galt.“ Sie ist dieser Zeit in der Welt der DDR-Mode trotzdem dankbar. „Die Fotos von Ute Mahler und anderen Fotografen – denen ging es nicht darum, Mode hübsch ins Bild zu setzen. Sie haben Persönlichkeiten fotografiert. Was hat Sibylle Bergemann für Zauberwesen kreiert. Starke, wunderbare Frauen. Genauso wie Ute Mahler, die ihr eigenes Frauenbild hatte. Ich habe in dieser Welt gelernt, gerade zu gehen. Und ja zum Frausein zu sagen.“

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“:  Marlene Burow als Suzie
„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: Marlene Burow als SuzieTobis/Peter Hartwig

Mindestens so wichtig wie der biografische Bezug ist für sie aber etwas anderes. Mit diesem Film möchte Aelrun Goette die Schablone öffnen, die sich in den letzten 30 Jahren auf den Osten gelegt hat, wie sie sagt. „Ich finde mich in diesem Korsett nicht wieder, in das meine Vergangenheit gezwängt wird. Und nicht nur meine, sondern auch die vieler anderer Menschen, die ich aus dem Osten kenne.“

Sie zitiert eine junge Bonner Historikerin, von der der Satz stammt, dass in Bezug auf den Osten die totalitarismustheoretische Lesart dominiere und die DDR bisher noch nicht historisch eingeordnet worden sei, sondern entweder politisch oder ideologisch. „Durch diese Schablone sehen wir Täter, Opfer oder Zeitzeugen, aber keine Individuen“, sagt Aelrun Goette. Sie hat aufgehorcht, als sie die Rede hörte, die Angela Merkel am 3. Oktober 2021 gehalten hat. Die Bundeskanzlerin berichtete von einem westdeutschen Historiker, der ihre DDR-Vergangenheit in einem Text als Ballast bezeichnete, den es abzuwerfen gelte. Merkel sagte: „Das ist kein Ballast.“

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: Sabin Tambrea, Marlene Burow 
„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: Sabin Tambrea, Marlene Burow Tobis/Peter Hartwig

Die unterschiedlichen Gesichter der DDR

Auch Aelrun Goette sagt: „Nichts von dem, was war, will ich loswerden. Meine Vergangenheit hat mich zu der gemacht, die ich heute bin.“ Für manche Widerstände sei sie dankbar, denn sie hätten die Widerstandskraft in ihr geschult, die sie heute zum Überleben braucht. „Das bedeutet nicht, dass ich mir die DDR zurückwünsche.“ Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, wäre sie wahrscheinlich irgendwann in den Westen gegangen. Schon weil sie im Osten kein Abitur machen konnte und ihre Zukunft ihr zu begrenzt erschien. Die DDR habe in ihren vier Jahrzehnten unterschiedliche Gesichter gehabt. „Wer die Sechziger und Siebziger beschreibt, wird ein anderes Bild entwerfen als der Film es zeigt, der Ende der achtziger Jahre spielt. Da gab es bereits viele Bruchstellen. „In diesen Bruchstellen waren Freiheiten möglich.“ Sie spricht von einer besonderen Atmosphäre, die damals lebendig war. „Ich bin nicht daran interessiert, das zu bewerten. Meine Aufgabe ist es, etwas vorurteilsfrei in die Welt zu werfen und dazu eine Haltung einzunehmen. Mit Offenheit und nicht urteilend.“ Und dann sagt sie einen Satz, der auch im Film zweimal fällt, wenn von der Idee des Sozialismus die Rede ist. „Das, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte, war schon ein bisschen größer als ich selber.“

Wie erschafft man dieses Land, das es nicht mehr gibt, für den Film neu? Einen Drehort mit Grandezza für die Institutionen der DDR-Modewelt hat Aelrun Goette in Zwickau gefunden: das einstige Kaufhaus Schocken. Bis zur Enteignung durch die Nazis gehörte es den Brüdern Salman und Simon Schocken, Juden. Was für eine Koinzidenz, dass auch das Modeinstitut der DDR in Berlin in einem ehemaligen jüdischen Kaufhaus residierte, dem Kaufhaus Jandorf an der Brunnen-/Ecke Veteranenstraße. Es gibt Originalstücke und Schmuck von Exquisit in dem Film, manches ist nachgenäht. Es ist alles so nah wie möglich an der Vergangenheit. Bis hin zu dem Satz, dass in den Galeries Lafayette in Paris ein Exquisit-Verkaufsstand eingerichtet werden sollte. „Ende der achtziger Jahre hat der Chef von Exquisit das verhandelt“, sagt Aelrun Goette. „So war der Osten auch.“

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: David Schütter
„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: David SchütterTobis/Peter Hartwig

Sie sind nicht an die üblichen Orte gegangen, an denen viele Filmemacher die DDR wiederauferstehen lassen. Sie waren nicht im Studio Babelsberg, nicht in der Ohlauer Vorstadt in Breslau. Sie haben die DDR woanders gefunden: in Altenburg, Zwickau, Gera. Und sie haben mit Tonnen an Archivmaterial gearbeitet. Der Film beginnt mit einer Original-VHS-Aufnahme, der Übergang geschieht unmerklich. Die Farben, die Atmosphäre bleiben einfach. Die Alltags-DDR in dem Film hat nichts Piefiges. Aelrun Goette hätte die DDR als das fahle Land der Anorakträger zeigen können, aus dem die Glamour-Insel der Modewelt umso strahlender hervorleuchtet. Hat sie aber nicht. Eher ähnelt die DDR hier der französischen Provinz in den Filmen der späten sechziger, siebziger Jahre aus Frankreich.

Wo hört Selbstverwirklichung auf, wo fängt Verrat an?

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“ handelt von der Vergangenheit. Aber die Fragen, die der Film stellt, sind aktuell. „Wie wollen wir eigentlich miteinander leben als Männer und Frauen? Wo hört Selbstverwirklichung auf, wo fängt Verrat an? Wie weit gehe ich für meine Träume, wo ist meine Grenze? Und wo ist eigentlich der Platz, an den ich gehöre?“

Im Film beantwortet jeder diese Fragen auf andere Weise. „In jeder Figur steckt ein Stück von mir“, sagt Aelrun Goette. Die Modeszene sei sehr klein gewesen. „Wir haben für Exquisit gemodelt, waren dann in der Sibylle abgebildet. Manche von uns haben auch bei Underground-Modeschauen gemodelt, manche saßen bei Heiner Müller in der Wohnung rum, viele gingen häufig ins Theater. Das war alles so vermischt. Jeder kannte jeden. Und das fasse ich zusammen.“

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: Marlene Burow
„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: Marlene BurowTobis/Peter Hartwig

Nur der exzentrische Rudi (Sabin Tambrea) ist einer realen Person nachempfunden: Frank Schäfer, der heute ein Friseurgeschäft in Prenzlauer Berg hat. „Er hat auch davon geträumt, der Schönste zu sein, hat sich als Visagist und Friseur in der subversiven Mode- und Künstlerszene der DDR getummelt“, erzählt Aelrun Goette. Rudi wird zusammengeschlagen und steht trotzdem wieder auf. Solchen starken Menschen wolle sie Ausdruck verleihen. Sie hat erst „ein Denkmal setzen“ gesagt, sich aber dann korrigiert. „Zu dem zu stehen, was man ist, unabhängig von der Echokammer, in der man sich befindet. Das ist auch für junge Leute heute eine Herausforderung. Dieses Sich-Herausbewegen aus Schutzräumen ist heute vielleicht noch schwerer als in der Zeit, in der ich jung war.“

Aelrun Goette hat Regie in Potsdam Babelsberg studiert

Schwerer, weil sie die Veränderungen, die auf Deutschland, auf Europa zukommen, für viel größer hält als das, was die DDR-Bürger in den achtziger Jahren geschultert haben. „Es gab damals den unvergesslichen Satz von Fukuyama, 1989 sei das Ende der Geschichte. Heute wissen wir: Es war nicht das Ende der Geschichte.“

Aelrun Goette entdeckte noch vor dem Fall der Mauer das Theater für sich. In Altenburg machte sie Bühnenbild und Kostüm. Und nach der Wende, während sie 1990 ihr Abitur nachholte, inszenierte sie im Theater unterm Dach in Berlin-Prenzlauer Berg ihr erstes Stück. „Butterbrot“ hieß das. Eine Komödie. Drei Männer reden übers Leben. „Theater war in der DDR ein politischer Denkraum, aber mit dem Fall der Mauer hörte das auf. Deshalb bin ich dann beim Film gelandet, weil ich dachte, dort liegt die erzählerische Zukunft.“ Filmschule sei dann ganz zwangsläufig gewesen. Nach zwei Jahren Philosophiestudium, von dem sie, wie sagt, heute noch profitiert, studierte sie Regie an der Filmhochschule in Potsdam Babelsberg. 2003 machte sie mit dem Dokumentarfilm „Die Kinder sind tot“ auf sich aufmerksam. Er handelt von einer jungen Frau, die ihre beiden Söhne tagelang in ihrer Wohnung in einer Plattenbausiedlung in Frankfurt an der Oder zurückließ, während sie bei ihrem Freund war. Die Kinder verdursteten.

„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: Claudia Michelsen
„In einem Land, das es nicht mehr gibt“: Claudia MichelsenTobis/Peter Hartwig

Zurück zum Film: Im Sommer 89 bewegte viele DDR-Bürger die Frage: Gehen oder bleiben? Suzie sitzt in Rudis Wohnung am Fenster und denkt nach. „Entweder du bist frei, dann bist du es überall. Oder du bist es nicht, dann nützt dir der Westen auch nichts“, sagt Rudi. Das Thema Freiheit zieht sich durch den ganzen Film, es zieht sich durch Aelrun Goettes Leben. „Als ich 20 war, war ich wild und wütend und wollte Grenzen überschreiten. Seit ich Mutter bin, habe ich erfahren, dass Freiheit auch in der Bezogenheit lebt. Dass Ungebundenheit nicht unbedingt Freiheit bedeutet, und Kinder zu haben einen nicht zwangsläufig unfrei macht. Ich wünsche mir die DDR um kein Jota zurück, aber ich habe dort trotzdem etwas über Freiheit gelernt, das ich heute für das Leben gebrauchen kann. Und auch etwas über den Preis, den es zu zahlen gilt, der einen aber auch stärker werden lässt und mutiger. Und über die Angst. Angst ist in jeder Gesellschaft eine Herausforderung. Wie geht man damit um?“ Aelrun Goette hat keine fertigen Antworten auf diese Fragen. Ihr Film ist ein Gesprächsangebot.