Berlin - Mehr als 60.000 Besucher zählte die Sommer-Berlinale mit ihrem Wetterglück unter freiem Himmel. Die Filmfestspiele nannten dies einen „grandiosen Neustart“ für das Kino. Doch draußen, von Vogelzwitscher und Windhauch begleitet, schaut es sich anders als im geschlossenen Raum, wo die neue Luftfilteranlage hoffentlich nicht rauscht. Der 1. Juli ist das Datum für den tatsächlichen Neustart, für die geplante Wiederauferstehung der Institution Kino. 

Im Moment ist jeder Filmstart mit guten Kartenverkaufszahlen aus den USA hierzulande eine Meldung wert. Erst hat „A Quiet Place 2“ 48 Millionen Dollar an einem Wochenende eingespielt, das war Ende Mai. Einen Monat später brachte es „Fast and Furious 9“ auf 68 Millionen Dollar. Das war ein Erfolg, auch wenn in Vor-Corona-Zeiten die Siebenfache der Maßstab an der Spitze war. Die Kinos sind bescheidener geworden, zumal ihre Branche dem digitalen Wandel genauso unterliegt wie Musikbusiness oder Medien.

Ablenkung Fußball-Europameisterschaft

Der Fachinformationsdienst Mediabiz verbreitet Optimismus mit der Statistik  aus unserem nordwestlichen Nachbarland. In den Niederlanden sind am vergangenen Wochenende bereits die Zahlen des „schlechtesten Wochenendes vor Corona“ verdoppelt worden. So kann man auch rechnen. Allerdings: „Zum ,mittleren‘ Wochenende als echtem Meilenstein fehlten nur noch 40 Prozent an Besuchern.“ Das Wörtchen „nur“ klingt hier ungewohnt euphorisch. Doch auch in den Niederlanden gelten Zulassungsbeschränkungen und Abstandsregeln im Kino. Und bis zum Achtelfinalspiel am Sonntag gehörte dort außerdem das Fußball-Gucken zur Freizeitbeschäftigung.

Ab 1. Juli wird sich zeigen, ob das monatelange Streamen das Sehverhalten des Publikums verdorben hat. Oder ob es möglich ist, den Zauber wieder herzustellen, den das gemeinsame Schauen im dunklen Raum begleitet. Vielleicht kommen nicht alle zurück, aber so wie nicht jeder Mensch die Zeitung gerne online liest, gibt es Filmsüchtige, die das Kino dem privaten Abspielen vorziehen.