„Avatar: The Way of Water“: Einfach mal die Luft anhalten

Dreizehn Jahre lang hat James Cameron an der Fortsetzung von „Aufbruch nach Pandora“ gearbeitet. Die Erwartungen sind riesig – ihre Erfüllung steht noch aus.

Aus den Wäldern ins Wasser: Die Familie Sully muss sich anpassen. 
Aus den Wäldern ins Wasser: Die Familie Sully muss sich anpassen. 20th Century Studios

Es ist ja generell so eine Sache mit dem geistigen Eigentum – und in der Kultur erst recht. Nach justiziablen Kriterien allerdings lässt sich festhalten: Von den 39 erfolgreichsten Kinofilmen aller Zeiten basieren nur zwei nicht auf dokumentierten geistigen Vorleistungen anderer – zum Beispiel in Form von Romanen, Comics oder Vorgängerfilmen. Diese beiden Filme stehen, sortiert nach den weltweiten Einspielergebnissen, auf Platz eins und Platz drei. Sie heißen „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ und „Titanic“ und wurden von demselben Mann erdacht und inszeniert: James Cameron.

Früher bekannt als der „furchterregendste Mann“ in Hollywood, was nach heutigem Kenntnisstand durchaus als Übertreibung gelten darf, leierte Cameron den Produzenten bei 20th Century Fox so viel Budget aus den Taschen wie niemand vor ihm und gab es mit beiden Händen aus, um Kinogeschichte zu schreiben. Nicht mit Profitrekorden, die zumindest im Fall von „Titanic“ eine große Überraschung waren – prognostiziert wurden Verluste –, sondern mit filmtechnischen Innovationen unter anderem beim Motion Capturing, dem digitalen Animieren von Wasser und im Bereich der 3D-Technik.

James Cameron: „Filmemachen ist Krieg“

Mit erzählerischen Experimenten hat sich Cameron bislang dagegen nicht hervorgetan, er gehört zur Gattung der visionären Tüftler. Das verbindet ihn mit George Lucas und Stephen Spielberg, die er zum gemeinsamen Staunen ans Set von „Avatar“ einlud. „Filmemachen ist Krieg“ sagte er mal, „eine große Schlacht zwischen Geschäft und Ästhetik.“ Bisher hat Cameron all seine Gefechte gewonnen. Nun steht das nächste bevor, auf einem Schlachtfeld, das sich seit dem Megaerfolg von „Aufbruch nach Pandora“ deutlich verändert hat.

Dreizehn Jahre hat Cameron sich Zeit gelassen mit der Fortsetzung, dem zweiten Teil von insgesamt fünf, wenn es nach dem Regisseur geht. Langweilig wurde es ihm in diesen Jahren nicht – unter anderem tauchte er als erster Mensch allein in einem U-Boot auf den Grund des Mariannengrabens, zum mutmaßlich tiefsten Punkt der Weltmeere. Seine Faszination für die Natur durch Technik anderen begreifbar zu machen, dieses Ziel verfolgt Cameron mit einer Vehemenz wie kein Zweiter. Davon lebte „Aufbruch nach Pandora“ und davon lebt nun auch „The Way of Water“.

Nicht nur auf der Erde, sondern auch auf Pandora sind über zehn Jahre vergangen, seit menschliche Siedler dort landeten, um einen besonderen Rohstoff zu erbeuten. Teil der Crew war damals auch der Veteran Jake Sully (Sam Worthington), der seinem Beruf eine Lähmung abwärts der Hüfte zu verdanken hatte. Umso bereitwilliger ließ er für die neue Mission sein Bewusstsein in einen fremden Körper übertragen, der die Fähigkeiten des alten bei Weitem überstieg. Als Vertreter der Na’vi, der indigenen Bevölkerung Pandoras, lernte er die neue Welt und ihre Kreaturen kennen. In eine davon, Prinzessin Neytiri (Zoe Saldaña), verliebte er sich auch (Pocahontas ließ grüßen), schoss an ihrer Seite schließlich die Besatzer vom Mond und entschied sich selbst für ein dauerhaftes Leben im blauen Körper.

Die friedlichen Jahre, die folgten, spiegeln sich nun in den Gesichtern von vier glücklichen Kindern. Drei davon hat Neytiri geboren, eins bargen die Eltern aus dem toten Avatar der im letzten Film ebenfalls zu den Na’vi übergelaufenen Wissenschaftlerin Dr. Grace Augustine. Augustine wurde von Sigourney Weaver gespielt, nun schlüpft die 73-Jährige mithilfe von Motion Capturing in die Rolle der Teenager-Tochter Kiri. Die Identität des Vaters ist ein Mysterium, die Tatsache, dass Kiri einen besonderen Bezug zur Na’vi-Gottheit Eywa zu haben scheint, gibt Raum für Spekulation.

Motion Capture machts möglich: Sigourney Weaver spielt die Teenager-Tochter ihrer Figur aus „Avatar – Aufbruch nach Pandora.
Motion Capture machts möglich: Sigourney Weaver spielt die Teenager-Tochter ihrer Figur aus „Avatar – Aufbruch nach Pandora.20th Century Studios

Ein fünfter Schützling ist der Menschenjunge mit dem Spitznamen Spider (Jack Champion), Sohn des von Neytiri erledigten Oberbösewichts Colonel Miles Quaritch. Weil Babys nicht im kryonischen Schlaf auf die Erde zurückgeschickt werden können, musste Spider auf Pandora bleiben und wuchs mit den Sully-Kindern auf, deren Mutter davon allerdings wenig begeistert ist.

Die Rückkehr der Himmelsmenschen

„Das ist die Sache mit dem Frieden. Er kann innerhalb von einer Sekunde vorbei sein“, heißt es nach wenigen Minuten aus dem Off, womit Cameron einmal mehr beweist, dass original und originell verschiedenes bedeuten. Wieder sind „Himmelsmenschen“ im Anflug, wieder ohne Rücksicht auf die heimische Flora und Fauna. Schon ihre Landung avanciert zum Inferno. In die Asche treten Soldaten in Avatarform, einer davon gespickt mit dem Bewusstsein des besiegten Colonel Quaritch. Der sagt immer noch Sätze wie „Man kann Marines töten, aber wir stellen uns einfach in der Hölle neu auf“ oder „Why so blue?“, weil „blue“ auf englisch sowohl blau als auch traurig bedeuten kann. Seine ebenfalls blauen Kameraden klopfen sich dann auf die Schenkel, Mordpläne quittieren sie mit Fistbumps. Mit ihren Na’vi-Sinnen ausgestattet, die für Pandora gemacht sind, tragen manche von ihnen draußen allen Ernstes Sonnenbrillen.

Die Soldaten sehen nicht nur aus wie Comicfiguren, sondern benehmen sich auch so, jedenfalls dem Klischee entsprechend. Dass das auch bei einer großen Fülle von Charakteren anders geht, lässt sich ironischerweise ausgerechnet im Comic-Kinouniversum von Marvel beobachten, in dem es die Autorinnen und Autoren regelmäßig verstehen, auch die kleinsten Nebenfiguren mit prägnanten Charakteristika auszustatten, sodass diese entweder inhaltlich oder komödiantisch etwas zur Geschichte beitragen. Gewollt komisch wird es in „The Way of Water“ übrigens in keiner einzigen Szene.

Als Jake Sully realisiert, dass er seine Familie nicht mehr schützen kann und ihre Anwesenheit die gesamte Waldbevölkerung in Gefahr bringt, entscheidet er sich zur Flucht. Auf dem Rücken ihrer drachenähnlichen Begleiter machen sich die Sullys also auf die weite Reise zum Stamm der Metkayina, der im Einklang mit dem Meer lebt. Dort gewährt man ihnen Zuflucht, wenn auch nicht gerade herzlich. Besonders die schwangere Herrscherin reagiert abwehrend. Sie wird von Kate Winslet gespielt, was man anders als bei Saldaña, Worthington oder Weaver wissen muss, um es zu sehen.

Wieder vereint mit ihrem „Titanic“-Regisseur: Kate Winslet spielt eine übellaunige Herrscherin.
Wieder vereint mit ihrem „Titanic“-Regisseur: Kate Winslet spielt eine übellaunige Herrscherin.20th Century Studios

3D ist seit „Aufbruch nach Pandora“ aus der Mode gekommen

Spätestens nach dieser Ankunft darf man sich mit hinter der 3D-Brille geweiteten Augen zurücklehnen und Camerons Leistung auf sich wirken lassen. Gemeinsam mit den Sully-Kindern entdecken die Zuschauer die pandorische Unterwasserwelt, die sich von unsrer heimischen nur wenig unterscheidet. An der Seite von fluoreszierenden Nesseltieren oder auf dem Rücken von prähistorisch anmutenden Schwimmgefährten schweben die Na’vi durch die Weiten des Ozeans, lernen, ihre Herzfrequenz zu kontrollieren, um Atem zu sparen. „The Way of Water has no beginning and no end“, erfahren sie, und bald spüren sie es, wie auch die Zuschauer. Der hyperrealistische Effekt, der sich bei einer höheren Framerate als den gängigen 24 Bildern pro Sekunde einstellt, hier sind es 48, verstärkt die Faszination noch, und viele Menschen, die zum Beispiel die 3D-Filme von Wim Wenders nicht gesehen haben, werden wohl zum ersten Mal seit dreizehn Jahren wieder einen Mehrwert in der Brille erkennen.

Als Cameron „Aufbruch nach Pandora“ drehte, gab es auf der Welt circa 6000 3D-fähige Projektoren, heute sind es 110.000. Und doch ist die Technik schon wieder aus der Mode gekommen. Vielleicht weil zu viele Filme mit suboptimalen Ergebnissen nachträglich konvertiert wurden, vielleicht weil Besuchern der Aufpreis auf die Nerven ging – doch „Avatar“ scheint in den Köpfen des Publikums weiterhin untrennbar damit verbunden zu sein. Als der erste Film im vergangenen Jahr noch mal in die Kinos kam, wollten ihn 97 Prozent der Zuschauer in 3D sehen. Es gehört wohl zum Event dazu, das „Aufbruch nach Pandora“ zweifellos war und „The Way of Water“ nun wieder werden soll. Für den Disney-Konzern, der 20th Century Fox 2017 für über 71 Milliarden Dollar gekauft hat, hängt viel davon ab.

Ungeachtet des Erfolges von „The Way of Water“ ist relativ sicher, dass der dritte Film 2024 in die Kinos kommen wird, weil er schon größtenteils abgedreht ist. Ob noch zwei weitere, geplant für 2026 und 2028, das Licht der Leinwand erblicken, wird sich an den postpandemischen Kinokassen entscheiden. Dabei könnte auch eine Rolle spielen, ob es Cameron gelingt, seine Truppen in den kommenden Schlachten vermehrt auch an Fronten jenseits der Ästhetik zu schicken. Pfade dorthin legt er zum Beispiel, wenn er einen Avatar den menschlichen Schädel zerquetschen lässt, der einst sein jetziges Bewusstsein beheimatete, oder wenn das Verhältnis hinterfragt wird, das dieser Avatar zu dem biologischen Kind des verstorbenen Menschen hat. Sollte Cameron diese Pfade ausbauen und darauf für seinen Formwillen Inhalte finden, die über die Entdeckung von neuen Welten hinausgehen, wäre das nicht nur für die Zuschauer, den Regisseur oder Disney, sondern auch für die Kinos ein bedeutender Gewinn.

Avatar: The Way of Water, Spielfilm, 193 Minuten, ab 15. Dezember im Kino