Veranstaltungsreihe im Wolf-Kino: Filmemacher sprechen über Fassbinder

Das Verhältnis der Deutschen zu Rainer Werner Fassbinder ist ambivalent. Sechs Filmemacher erklären nun an je einem seiner Werke, was sie daran reizt.

Regisseur Rainer Werner Fassbinder 1979 am Set von „Die dritte Generation“
Regisseur Rainer Werner Fassbinder 1979 am Set von „Die dritte Generation“imago/Everett Collection

Rainer Werner Fassbinder gehört längst zu den global wirksamen Markenzeichen deutscher Kultur. Wohin auch immer man gerät: Der Mann mit der schwarzen Lederjacke ist schon da. Im Gespräch unter internationalen Cineasten wird einem Deutschen immer irgendwann die Frage nach Fassbinder gestellt. Besonders in Paris und New York (übrigens auch in Moskau) füllten Retrospektiven immer wieder große Kinosäle. Künstler von Weltrang beziehen sich vernehmlich auf ihn, zuletzt François Ozon mit „Peter von Kant“.

In seiner Heimat allerdings erscheint Fassbinders Präsenz merkwürdig zwiegespalten. Einerseits gehört das Oeuvre des vor 40 Jahren Verstorbenen zweifelsfrei zum kulturellen Kanon, und international schmückt sich Deutschland gern mit dem Münchener Enfant terrible. Doch heimische Kinobetreiber wissen längst um das eher verhaltene Echo auf Wiederaufführungen des Meisters. Und wie sieht es mit lebendigen Spuren seines Werkes im zeitgenössischen Film aus? Wer steht heute in der Tradition seines skalpellscharfen Blicks – dieser einzigartigen Mischung aus Sozialanalyse und ästhetischer Überhöhung?

Höhepunkt der Reihe: „Die dritte Generation“

Jede Auffrischung des verschütteten Erbes ist willkommen, und genau das unternimmt jetzt das Neuköllner Wolf-Kino unter dem Motto „Political Fassbinder“ (Wobei die Überschrift  etwas tautologisch ausfällt: Denn was wäre an diesem Regisseur nicht politisch?). Die aktuelle Reihe kombiniert sechs Arbeiten Fassbinders mit sechs gegenwärtigen Sichtweisen von aktiven Persönlichkeiten aus der Welt des Kinos. Diese referieren als „Paten“ jeweils ihre Bezüge zur Auswahl und treten nach den Vorführungen mit den Zuschauern in Austausch. So wird Julian Radlmaier („Blutsauger“) über den RAF-Kompilationsfilm „Deutschland im Herbst“ (1978) sprechen, die Musikerin und Regisseurin Susanne Heinrich über das Nachkriegsdrama „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) und Burhan Qurbani („Wir sind jung. Wir sind stark.“) über „Angst essen Seele auf“ (1974).

Höhepunkt und Abschluss bildet die unterschätzte Terrorismus-Parodie „Die dritte Generation“: eine gnadenlose Analyse abstrakter ideologischer Maximen und deren Missbrauchspotenzial durch konkrete Machtinteressen. Als Fassbinder im Frühjahr 1979 in Cannes seine Arbeit vorstellte, schlug ihm aus weiten Teilen des linken Spektrums Unverständnis bis schroffe Ablehnung entgegen. Auch in Deutschland wollte kaum jemand das romantische Bild vom militanten Widerstand in Frage gestellt wissen, jedenfalls nicht auf diese radikale Weise. Die „Zeit“ nannte den Film „konfus“, der katholische „film-dienst“ empfand ihn als ein „unausgegorenes Denkspiel aus Larmoyanz und Schabernack“. Und das deutsche Fernsehen brauchte fast 20 Jahre, bis es sich an eine Ausstrahlung heranwagte. Vorgeschlagen zur Neubewertung hat ihn nun Juliane Lorenz, die „Stellvertreterin Fassbinders auf Erden“. Niemand anderes als sie hat den Film 1978/79 in West-Berlin montiert! Damit wird die Wiederbegegnung mit „Die dritte Generation“ auch zu einem Erfahrungsaustausch aus erster Hand.

Political Fassbinder. Filmreihe, Wolf-Kino Neukölln, noch bis 18. Dezember