Igor Levit über den Film „No Fear“: „An Normen verschwende ich keine Gedanken“

In Regina Schillings Dokumentarfilm über den Pianisten Igor Levit finden sich Szenen voller Bromance – aber auch ein Schock-Moment mit Wolfgang Schäuble.

Filmstill aus „Igor Levit - No Fear“
Filmstill aus „Igor Levit - No Fear“zero one Film

Im Dokumentarfilm „Igor Levit – No Fear“ von Regina Schilling erleben wir den Starpianisten knapp zwei Stunden lang kurzweilig, sehr persönlich, nah am Piano, aber auch als politischen Aktivisten. Wir wollten von Igor Levit wissen, wie das bei den Dreharbeiten war – zumal er im Film auch mal „ich bin depressiv“ sagt. Unser Musikredakteur hat bei Igor Levit angerufen.

Herr Levit, der Dokumentarfilm über Sie heißt: „Igor Levit – No Fear“. Ist „no fear“, also „keine Furcht“, ein Imperativ? Und wenn ja: Wovor soll man keine Furcht haben?

Es ist einer der Imperative. Furcht und Ängste haben ja alle vor irgendwas. „No Fear“ ist ein Motto von Nina Simone: „Ich sag dir, was Freiheit ist: keine Furcht.“ Diese Maxime hat mich Zeit meines Lebens sehr geprägt. Und die Musikerin Nina Simone sowieso.

Eine besondere Form von Furcht – das Lampenfieber – spürt man gelegentlich trotzdem im Film. In einer Szene scheint der Schweiß in großen Mengen auf die Tasten zu tropfen. Kann man dann auf den Tasten ausrutschen?

Nein! Aber wissen Sie: Ich erinnere mich an so was gar nicht. Manchmal komme ich ins Schwitzen, manchmal nicht. Manchmal bin ich ziemlich aufgeregt, manchmal nicht. Aber an solche Bilder denke ich nicht beim Spielen. Das ist dann einfach so. Das sind dann so unwichtige Details im Rahmen des Musikmachens. Weder stört es noch nehme ich es überhaupt wahr.

Im Film sieht man auch das sehr innige Verhältnis mit dem Tonmeister, der Ihre Platte aufnahm.

Ja, Andreas ist ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben.

Sie kuscheln sich auch mal an ihn und spielen mit den Fingern auf seinem Arm. Eine schöne Zärtlichkeit. Eine Freundschaft jenseits klassischer Männerklischees.

Das ist für mich eine nicht-existente Kategorie; was immer das heißen soll – „Männlichkeitsklischees“. Sehen Sie’s mir nach, wenn ich das sage: Das ist mir ein bisschen zu sehr Social-Media-Talk. Ich habe enge Verhältnisse zu Menschen in meinem Leben. Ich gebe mich dem ganz natürlich hin. Und wie das ausschaut für andere – darüber denke ich am allerwenigsten nach. An Normen und Klischees verschwende ich keine Gedanken. Ich umarme Andreas nicht mit dem Ziel, ein Klischee aufzulösen. Ich umarme Andreas, weil ich Andreas umarme.

Ich fühlte mich überrannt.

Igor Levit

War es während der Dreharbeiten leicht, die Kamera gedanklich auszublenden?

Es gab Tage, an denen ich gesagt habe: „Ihr nervt alle, geht mal wieder weg!“ Auch das ist okay. Aber an den allermeisten Tagen waren die Kameraleute um die Regisseurin Regina Schilling so wunderbar feinfühlig, so bei mir, dass es überhaupt kein Problem war. Im Gegenteil: Es war wunderschön. Und auch an den Tagen, an denen es genervt hat, war es schön: Weil wir herzlich und offen miteinander umgegangen sind.

In manchen Momenten kommt Frustration zum Ausdruck. Einmal sagen Sie gar: „Ich bin depressiv“.

Es gab Momente, wo ich sehr tief unten war. Absolut. Aus Gründen, die in mir waren oder aufgrund von Dingen, die ich in der Welt sah. Aber ich bin kein depressiver Mensch. Ich leide nicht an Depressionen. Aber wenn dem so wäre, würde ich damit auch offen umgehen.

Woran sind Sie denn verzweifelt?

Das waren teils politische, teils private Ereignisse. Das, was uns allen passiert. Das, was wir alle erleben. Und mit einigen bin ich ja sehr offen umgegangen im Film. Etwa das Drama, das Thomas Kemmerich, der damalige Fraktionsvorsitzende der FDP in Thüringen, veranstaltet hat mit der AfD. Das war ein Bruchmoment, der gesessen hat. Das hat mir die Schuhe ausgezogen, hat mich auseinandergebrochen als Jude, was der Kemmerich veranstaltet hat. Es war dramatisch für mich. Ich fühlte mich überrannt.

Einen richtigen Schockmoment im Film gibt es auch bei der Veranstaltung „70 Jahre Grundgesetz“: Sie berichten im Beisein von Wolfgang Schäuble auf dem Podium davon, dass ein Mann Ihnen mal ins Gesicht sagte, die Existenz Ihres Volkes sei in diesem Lande nicht mehr vorgesehen gewesen. Herr Schäuble reagiert auf eine Weise, die fast so wirkt, als fände er diese Aussage nicht so empörend. Wie haben Sie das erlebt?

Alles, was ich Ihnen dazu sagen möchte, ist: Die Szene spricht für sich.

Igor Levit – No Fear. Regie: Regina Schilling, 118 Min., Kinostart: 6.10.