Berlin - Kaum war ich Ende der 1980er-Jahre nach Berlin gezogen, lernte ich das Videodrom kennen. Wir lebten damals in derselben Straße: ich im Hinterhof, die Videothek in einer ehemaligen Eckkneipe in der Mittenwalder Straße in Kreuzberg. Ich fand es toll, dass man drinnen rauchen durfte, und aufregend wegen der vielen verbotenen Filme, die dort in den Regalen standen. Samstagabends musste man manchmal Schlange stehen, um einen Film auszuleihen. Dass das Videodrom nicht nur eine coole Videothek in der Nachbarschaft war, sondern eine Schatztruhe, ja ein Archiv mit einem riesigen Filmbestand und Mitarbeitern mit einem ungeheuren Filmwissen, wurde mir erst mit der Zeit klar.

Mehr als 30.000 Filme gibt es im Videodrom. Wenn ein Film nicht auf DVD veröffentlicht wurde, haben sie die VHS-Kassette behalten.  Manche dieser Filme sind angeblich noch nie ausgeliehen worden. Für jede normale Videothek wäre das ein Grund, sie auszusortieren. Nicht aber für das Videodrom. Hier geht es nicht nur ums Geld, es geht um das Bewahren von Filmgeschichte.

Tageseinnahmen nicht über 30 Euro

Doch nun steht dem Videodrom zum zweiten Mal binnen drei Jahren finanziell das Wasser bis zum Hals. Staatliche Förderung oder Corona-Hilfen bekommt eine Videothek nicht, denn sie ist ja ein privatwirtschaftlicher Betrieb, der sich auf dem Markt behaupten oder eben untergehen muss. Per Mail wandten sich die Betreiber nun an ihre Stammkundschaft. „In den vergangenen Monaten hatten wir oft Tageseinnahmen, die über 20/30 Euro nicht hinausgingen, doch viel schlimmer als diese finanzielle Misere ist dann manchmal auch das Gefühl, dass wir vielleicht nicht mehr gebraucht werden (oder vergessen wurden).“

Die Mail hat mir eine Kollegin weitergeleitet, denn ich bin längst keine Stammkundin mehr, sondern Teil des Problems. Will ich einen Film sehen, lasse ich mich durch die Streamingportale treiben oder leihe etwas bei Amazon aus. So wie die meisten Menschen. In den vergangenen Jahren haben deshalb viele Videotheken schließen müssen. Dass die Filmauswahl anders als im Videodrom im Netz klein ist, dass die Algorithmen einen in einer Blase halten wollen, dass manche Filme im Netz gar nicht vorhanden sind, habe ich festgestellt, aber keine Konsequenzen daraus gezogen. Das soll sich ändern. Dass das Videodrom zumachen muss, will ich mir nicht vorstellen. Es gehört zu Berlin.