Berlin - An diesem Montag beginnt der erste Teil der Internationalen Filmfestspiele Berlin, und man wird nichts davon merken in der Stadt. Eine unsichtbare Berlinale – das ist ein Widerspruch in sich selbst, geht es doch bei einem Filmfestival ums Sehen. Und um den Wettbewerb, wie der Name der wichtigsten Sektion der Berline Filmfestspiele es schon sagt. Das Problem ist nur, dass dieser Wettbewerb vom 1. bis zum 5. März unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Keine Festivalatmosphäre, kein Glanz, kein Glamour. Keine Galapremieren, zu denen jeder Zutritt hat, sofern er ein Ticket ergattert. Und vor allem: Kein Applaus, kein Jubel, keine Buhs und kein Raunen im Berlinale-Palast. Keine erregten Diskussionen darüber, welcher Film es denn nun wert ist, den Bären zu gewinnen. Kein Film,  über den plötzlich alle reden. Denn es gibt die Gemeinschaft nicht, in der so etwas entstehen könnte, draußen vorm Kino, abends in einer Bar, auf einer der wilden Berlinale-Partys oder vor dem Imbisswagen in der Voßstraße. Das Berlinale-Adrenalin, dieses schwer zu greifende Festival-Elixier, das aus so vielen Elementen besteht – es erzeugt sich nicht dieses Jahr und das gilt nicht nur für den März-Teil des Festivals, es gilt auch für das Summer Special, das – hoffentlich – vom 9. bis zum 20. Juni in Berlin stattfindet.

300 Kinos haben am Vorabend der Berlinale geleuchtet

Das Festival findet statt in einer Zeit erstarkender Streaming-Dienste und geschlossenen und teilweise in ihrer Existenz bedrohten Kinos. 300 von ihnen haben geleuchtet am Vorabend des Festivals, nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland. Es war eine Solidaritätsaktion und ein Appell an die Politik. Zum Kino International kamen Christian Bräuer, der Chef der Yorck-Kinos und Vorstand der AG Kino, und der Regisseur Christian Schwochow, dessen Film „Je suis Karl“ bei der Berlinale seine Weltpremiere feiert. „Berücksichtigt uns in den Stufenplänen!“ Das ist Christian Bräuers Appell an die Ministerpräsidenten, die sich am Mittwoch wieder treffen. Und: „Ich hoffe, dass die Kultur vor der Gastronomie öffnen kann. “ Schnelltests für Kinobesucher kann er sich nicht vorstellen. „Dann würde Kultur zu einem Luxusgut.“ Eher hält er eine App für praktikabel, die zeigt, ob jemand geimpft ist. An den Fenstern des erleuchteten Kino-Foyers klebten Berlinale-Bären.

Aber ist diese März-Berlinale ein Zeichen für den Neuanfang des Kinos? Sie ist vor allem eine Veranstaltung für das Filmgeschäft, ihr Herz ist der European Film Market (EFM), hier werden Filme präsentiert und verkauft. Und was die Zahl der angemeldeten Besucher und Filme angeht, ist es auch dieses Jahr so, als gäbe es kein Corona. Ein positives Zeichen. Der Markt glaubt offenbar an die Zukunft.

Berlinale für alle

Talents: Die öffentlichen Veranstaltungen der Berlinale Talents sind allen zugänglich. Man kann zum Beispiel an einem Live-Webinar mit Welket Bungué teilnehmen, dem Hauptdarsteller aus „Berlin Alexanderplatz“, in dem es um die politische Kraft des Körpers geht. Die Wettbewerbs-Jury stellt sich der Diskussion, auch der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul und die französische Filmemacherin Céline Sciamma. Eine Veranstaltung widmet sich dem Thema Zensur. www.berlinale-talents.de
World Cinema Fund: Ebenso öffentlich zugänglich ist das Programm des World Cinema Fund. „Decolonising Cinema“ ist das Thema des WCF Day am 5. März von 14 bis 17.30 Uhr. Filmprojekte, die sich um WCF-Gelder bewerben, kommen oft aus Ländern, die einmal Kolonien waren. Beim WCF Day geht es unter anderem darum, wie diese Geschichte die Filmkultur des jeweiligen Landes geprägt hat und wie sie heute dargestellt wird. facebook.com/berlinale und youtube.com/berlinale

All dies wäre, was das allgemein interessierte Publikum angeht, trotzdem kaum der Rede wert. Doch einem winzigen Teil der Öffentlichkeit, den Jurys der einzelnen Sektionen und ein paar Hundert Journalisten, werden in diesen fünf Tagen vom 1. bis zum 5. März auch die Berlinale-Filme präsentiert, und am Freitag steht fest, wer den Goldenen Bären gewonnen hat und auch die anderen Preise, die das Festival zu vergeben hat. Zum ersten Mal ein genderneutraler Silberner Bär etwa, für die beste Schauspielleistung. In der Vergangenheit waren eine Schauspielerin und ein Schauspieler mit dieser Trophäe ausgezeichnet worden.

Das Publikum wird die Filme frühestens vier Monate später sehen können, dann schon im Wissen, welche Filme preisgekrönt sind. Es haut also mit der Dramaturgie nicht hin. Ein Drehbuchschreiber hätte sich mit dieser Zerstörung des Spannungsbogens disqualifiziert. Der Bär ist aber nicht nur ein Preis, er ist auch ein Ausweis, mit dem sich ein Film auf seinem Weg durch die Festivals, zu den Käufern und letztlich auch den Kinogängern qualifiziert und diesen Ausweis, wollte der Künstlerische Leiter der Berlinale Carlo Chatrian keinem seiner Filme bis Juni vorenthalten. Deshalb hat er diesen Kompromiss geschlossen und sein Festival zweigeteilt. Deshalb wird er nicht müde zu sagen, dass dies keine optimale Berlinale ist, aber die bestmögliche unter diesen Umständen.

Zwei Filme entziehen sich dem Berlinale-Screening-Room

Während die Jurys die Filme im Kino sehen, sitzen die Journalisten an ihren Laptops. Filme, die für die große Leinwand gemacht sind, werden also auf winzige Bildschirme gezwungen, auch das ist ein Aspekt des Kompromisses. Zwei deutsche Wettbewerbsfilme machen dabei nicht mit. Es sind Dominik Grafs „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ und Daniel Brühls Regiedebüt „Nebenan“, zwei Berlin-Filme. Sie wurden unter strengen Hygienevorschriften schon vergangene Woche in Kinos in Berlin, München und Hamburg einigen Kritikern gezeigt. Das kann man auch als Protest gegen die Organisation der März-Berlinale verstehen und als Votum für die große Leinwand – ohne Kompromiss. Bei dem Besuch dieser Vorführungen, nach einem Vierteljahr ohne Kinobesuche, wurde einem deutlich bewusst, dass für diesen Ort gemachte Filme ihre Aura tatsächlich nur hier entfalten können.