50 Lebensjahre reichen: Die Animationsdystopie „White Plastic Sky“

Tibor Bánóczki und Sarolta Szabó setzen sehr liebevoll eine ökotechnologische Weltordnung ins Bild, die näher liegt, als es uns recht sein kann.

Nóra und Stefan (Tamás Keresztes, Zsófia Szamosi) in dem ungarischen Zeichentrickfilm „White Plastic Sky“
Nóra und Stefan (Tamás Keresztes, Zsófia Szamosi) in dem ungarischen Zeichentrickfilm „White Plastic Sky“Salto Films, Artichoke, Proton Cinema

Der Kritiker fühlt sich in zweierlei Hinsicht von dem dystopischen Animationsfilm „Müanyag Égbolt“ („White Plastic Sky“) abgeholt. Erstens in seinem gebrochenen Glauben an Kunststoffverglasungen, der mit der Explosion des Aquadoms in Berlin in Scherben gegangen ist, und zweitens in der Tatsache, dass er 50 Jahre alt ist. Das nämlich ist das Alter, in dem sich die Bewohner von Budapest in der gar nicht fernen Zukunft, also in hundert Jahren, einem kleinen, vollautomatisch ausgeführten Eingriff unterziehen. Die Welt ist vergiftet, überleben kann man nur unter einer Käseglocke, außerhalb der sich die Wüste ausbreitet und der Himmel seine katastrophischen Wetter- und Farbenspiele feiert.

Das durchkontrollierte Leben in diesem Dom ist nicht unangenehm, wenn man von der Tatsache absieht, dass jegliche Abweichung von der Ordnung geahndet wird. Es gibt ausreichend Wohn- und Parkraum, elektrifizierten Individualverkehr, die Restaurants verbreiten eine teppichgedämpfte Clubatmosphäre, die an die 1960er-Jahre erinnert, es gibt schmackhafte Geleekugeln, die man wie Eier aufschlägt, sodass sich ihr Aroma in kleinen Nebelwolken verteilt. Man kann Kreuzfahrten unternehmen, die dafür benötigten Schiffe stehen in VR-Spaces auf den Dächern der Wolkenkratzer. Es gibt sogar Bäume, allerdings nur als abendliche Lichtinstallation. Per Durchsage werden die Bewohner animiert, nicht zu lange mit der Familienplanung zu warten, wenn man seine Enkel noch erleben möchte. Fünfzig Jahre sind schneller vorbei, als man denkt.

60 Stunden für den Abschied

Mit besagtem Eingriff werden denen, die das Alter und damit das Ende der ihnen zustehenden Lebensspanne erreicht haben, Baumsamen ins Herz gepflanzt. Es bleiben einem noch 60 Stunden, um Abschied zu nehmen, dann wird man eingesammelt, sediert und zu den Plantagen verbracht, wo man sozusagen als Humus dient und einem ein Baum aus dem Körper wächst mit dem eigenen Fingerabdruck als Blattmaserung.

In diesem Setting wird eine eher konventionelle Problem- und Liebesgeschichte erzählt: Ein Elternpaar, Nóra und Stefan,  verliert den Sohn, die Mutter wird depressiv, stellt sich mit nur 32 Jahren vorzeitig für die Baumbesamung zur Verfügung, der Mann will das nicht akzeptieren und kämpft mit allen Heldenmitteln gegen das scheinbar Unvermeidbare. Innerhalb des überschaubaren Plots wird ordentlich auf der Weltende-Metapher und ihrer Aussichtslosigkeit herumgekaut.

Die Figuren wurden von echten Schauspielern (u.a. Tamás Keresztes als Stefan und Zsófia Szamosi als Nóra) verkörpert und dann mit der Rotoskopietechnik nachgezeichnet, und zwar von Hand. Das gibt einen schönen, verfremdenden Effekt, denn die Individualität der Schauspieler und ihres Ausdrucks scheint durch die informationsreduzierte Grafik. Diese Individualität kommt sehr sichtbar aus dem Alltag unserer Gegenwart, man hat ja keine Ahnung, wie man auch in der Gestik und Mimik dem Zeitgeist unterworfen ist. In dem wirklich bildverliebten und betörenden Setting der Weltuntergangsszenarien mit genussvoll ausgereizten Lichtarchitekturen außerhalb des Doms und den ideen- und detailreich bestückten Ausstattungsdesigns in seinem Innern wirken die Figuren allerdings ein bisschen unterzuckert.

Müanyag Égbolt (White Plastic Sky). Berlinale Encounters. Buch und Regie: Tibor Bánóczki, Sarolta Szabó, Ungarn. Vorführungen: 18.2., 16.15 Uhr Cubix 7 und 21.30 Uhr Cubix 9; 19.2., 10.30 Uhr Cubix 5; 25.2., 13 Uhr, Akademie der Künste