Berlin - Die Bedingungen sind nicht einfach, doch Auszeichnungen für die besten Filme der Sektion für das junge Publikum wird es zur Sommer-Berlinale auch geben. Die Schauspielerin Jella Haase hat mitentschieden über den Großen Preis der Internationalen Jury für den Besten Film im Wettbewerb Kplus, er geht an „Sommerflirren“ von Han Shuai, und über den Großen Preis für den Besten Film im Wettbewerb 14plus, den „The Fam“ von Fred Baillif erhält. Wir sprachen mit ihr über die Juryarbeit.

Jella Haase, auf der Berlinale 2020 waren Sie in zwei Filmen zu sehen, in „Berlin Alexanderplatz“ im Wettbewerb und bei Generation 14plus in „Kokon“. 2021 gehörten Sie zur Jury der Sektion Generation. Wie haben Sie den Rollentausch vom eigenen Schauspiel zur Beurteilung von Filmen erlebt?

Ich habe mich so sehr gefreut, als die Anfrage kam, eine große Ehre. Für mich schließt sich ein schöner Kreislauf damit, schon mein erster Film, „Lollipop Monster“, lief vor zehn Jahren auf der Berlinale. Ich mag die Sektion Generation sehr – deren Chefin Maryanne Redpath ist ein in sich ruhender Geist, so liebevoll, zugewandt, und sie hat eine schöne Sicht auf Filme.

Wie konnten Sie die Juryarbeit gestalten? Der erste Teil der Berlinale im März lief ja zur Hoch-Zeit der Pandemie.

Es war relativ absurd. Ich kam von den Proben an der Volksbühne, aus einer ganz anderen gedanklichen Welt. Dann waren wir drei, Melanie Waelde, Mees Peijnenburg und ich, in einem Hotel untergebracht. Die Filme, fünf am Tag, haben wir in einem leeren kalten Kino geschaut. Auch drumherum, am Potsdamer Platz, wirkte die Stadt wie ausgestorben, aber wir hatten das lang vermisste Glück, vor einer großen Leinwand zu sitzen.

Imago
Zur Person

Jella Haase wurde 1992 in Berlin-Kreuzberg geboren. 2011 wurde sie mit dem Bayerischen Filmpreis als Beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet.
Bekannt wurde sie vor allem für ihre Rolle der Chantal in dem Film „Fack ju Göthe“. Bei der Berlinale 2016 wurde sie als deutscher Shooting Star geehrt. Bis zum Ende der Spielzeit 2020/2021 gehörte sie dem Ensemble der Berliner Volksbühne an.

Fünf Filme am Tag? Mir reichen eigentlich drei, auch in Berlinale-Zeiten.

Ach, ich dachte auch erst, dass mich das überfordert. Man kommt dann doch gut rein ins Stadium des Dauersehens.

Ihre beiden Co-Juroren sind Regisseure, Melanie Waelde außerdem Drehbuchautorin. Hatten Sie den Eindruck, dass Sie als Schauspielerin anders sehen?

Jeder nimmt einen Film über sein Gefühl auf. Und bei einem guten Film vergesse ich alles um mich herum. Innerhalb solch einer Jury gehört es dann dazu, dass man dann über seinen eigenen Zugang und die eigenen Empfindungen spricht. Das hat aber zunächst nichts mit dem Beruf zu tun. Der drängt sich erst in den Vordergrund, wenn ein Film nicht richtig gelungen ist: Dann fragt man sich, wie dieses oder jenes gemacht wurde. Oder wenn der Film den einen berührte, den anderen nicht, haben wir über das Warum gesprochen, und es kam die professionelle Erfahrung ins Spiel.

Haben Sie streiten müssen?

Nein, jeder von uns hatte zwar einen anderen Liebling, aber die obere Spitze war ziemlich schnell klar. Und wir sind immer zum Konsens gelangt.

Nun haben Sie Filme beurteilt, die für Kinder- und Jugendliche gedacht sind: Mussten Sie sich an Ihr inneres Kind erinnern?

Nein, wir wollten weder speziell aus Erwachsenen-Perspektive gucken noch überlegen, was uns auffallen würde, wenn wir noch jünger wären. Wir haben mit dem Herzen geschaut. Und was die starken Filme auszeichnete, war, dass es eine Aufrichtigkeit im Erzählen gab, da war nichts für Kinder versüßt. Es ging in diesen Filmen sehr viel um das Empfinden von jungen Mädchen, die in unterschiedlichen Gesellschaften ihren Weg suchen. Es gab Filme aus Korea, der Ukraine und China, ein beeindruckendes Spektrum.

Sie erwähnten die Volksbühne, zwischen deren Proben Sie zur Jury gingen. Durch Corona hatten Sie kaum Zeit, sich auf der Bühne zu zeigen. Wie geht es da jetzt weiter?

Ich bin so glücklich, dort meinen Weg gemacht zu haben. Auch wenn wir nicht so viel zeigen konnten, haben wir trotzdem viel geprobt und gespielt. Diese zwei Jahre waren so reich, so angefüllt von neuen Erfahrungen. Ich habe mich getraut, auf eine Bühne zu gehen. Das war wie eine Schauspielschule für mich. Viele gute Regisseure und Regisseurinnen habe ich kennengelernt und vor allem ganz tolle Spielerinnen. Ein Kollege sagte neulich, er habe in zwei Jahren Volksbühne so viel erlebt wie in zwanzig Jahren an einem anderen Theater – gerade durch Corona. Ich bin frohen Mutes, dass es für mich auch am Theater weitergehen wird, ich habe Lust darauf.

Hat die MeToo-Debatte an Ihrem Haus um Klaus Dörr und seine Methoden diesen Eindruck nicht beschädigt?

Wir mussten uns an der Volksbühne erst einmal als Ensemble finden. Aber dann habe ich einen starken Halt erlebt. Es ist vielleicht immer so, dass man in Krisenzeiten näher zusammenrückt.

Gläserner Bär für den Besten Film Generation: „Beans“ von Tracey Deer (Kanada), Neue Bühne Hasenheide 15.6., 17.30 Uhr
Gläserner Bär für den Besten Film Generation 14plus: „Stop-Zemlia“ von Kateryna Gornostai (Ukraine), Freiluftkino Rehberge, 9.6., 21.30 Uhr, Freiluftkino Pompeji, 10.6., 21.45 Uhr, Deutsch eingesprochen