Der rumänische Regisseur Radu Jude ist für seinen Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Eine Lehrerin muss sich aufgrund ihres  versehentlich ins Netz geratenen Heimpornos vor dem Tribunal der Elternschaft verantworten – ein beißender Kommentar zum postkommunistischen, postfaschistischen Rumänien. Der Regisseur ist in Bukarest, als wir uns zum Zoom-Interview treffen.

Herzlichen Glückwunsch, Radu Jude. Bedeutet Ihnen der Goldene Bär etwas?

Kommt auf den Blickwinkel an. Einerseits ist so ein Preis extrem wichtig und ermutigend. Aber ich habe auch Filme gemacht, die nicht so erfolgreich waren, und halte sie nicht für schlechter.

Sie kommen nach Berlin, um ihn entgegenzunehmen?

Ja, schon. Wenn ich auch ein bisschen unter dem Hochstapler-Syndrom leide.

Radu Jude hat Selbstzweifel?

Sie sind nicht wirklich schlimm.

Ihr Film ist der einzige aus dem Wettbewerb, der nicht verbirgt, dass er unter Corona-Bedingungen gedreht worden ist, die Leute tragen Masken.

Wichtig ist doch nur die Filmidee, alles andere war mir egal. Ein Film sollte ohnehin ein Zeitdokument sein. Damals haben die Leute angefangen, Masken mit speziellen Designs oder politischen Botschaften zu machen. Die Masken haben also auch einen anthropologischen Aspekt. Ich habe eine benutzt, auf der heißt es: Gott ist bei uns. Die haben Nonnen in einem orthodoxen Kloster gemacht.

Ihr Film ist einer über die rumänische Gesellschaft. Kann man ihn einen Heimatfilm nennen?

Vielleicht ist Weltanschauung ein besseres Wort. Oder Zeitgeist.

Und wie düster dieser Zeitgeist ist! Wie aggressiv die Menschen miteinander umgehen. Ist es wirklich so in Bukarest?

Unglücklicherweise ja. Zum Beispiel parken die Autos überall die Gehwege zu. Unter Ceausescu hatte kaum jemand ein Auto. Es hat Jahre gedauert eines zu bekommen, Benzin war knapp. Dann kam die Revolution, und das Auto wurde zum Statussymbol. Jeder wollte eines haben. Und jetzt ersticken wir einander gegenseitig. Anders als zur Zeit der Diktatur könnten wir das morgen ändern. Aber wir tun es nicht. Jeder kümmert sich nur um sich selbst, um seine individuellen Bedürfnisse. Der öffentliche Raum existiert nicht mehr.

Silviu Ghetie/Micro Film 2021
Szene aus „Bad Luck Banging or Loony Porn“


Ist das eine Reaktion auf die Diktatur?

Am Anfang war es das bestimmt. Und wahrscheinlich stimmt das immer noch. Die Konsumorientierung und die neoliberalen Werte des Westens hatten es hier jedenfalls sehr leicht. Als 1995 der erste McDonald’s in Bukarest aufgemacht hat, war auch ich glücklich. Wer von meinen Freunden das Geld hatte, hat dort seinen 18. Geburtstag gefeiert. Ein paar Jahre später dachte ich: Wie konnte ich so naiv sein? Aber jetzt sind 30 Jahre vergangen, und wir stopfen immer noch Fastfood, Autos und anderen Dreck in uns rein.

Als Ihre Protagonistin zu einem auf dem Gehweg parkenden Autofahrer sagt, sie werde die Polizei informieren, beschimpft er sie als Informantin. Das ist doch ein Wort aus der Zeit der Securitate, der rumänischen Geheimpolizei in der Ceausescu-Zeit, oder?

Damals gab es viele Informanten und sie waren verhasst. Und wenn jetzt jemand eine Anzeige erstattet, zum Beispiel auch gegen rassistische, sexistische oder schwulenfeindliche Kommentare  – dann ist es nicht selten, dass die Angezeigten ihn als Informanten beschimpfen. So als sei er ein Securitate-Informant. Das ist sogar mir schon passiert. Wir leben aber jetzt in einer Demokratie, und ich habe das Recht, die Polizei zu rufen.

Gibt es Fridays for Future in Rumänien?

Wir haben nicht mal eine grüne Partei. Es gibt junge Leute, die  progressiv und gebildet sind, aber sie sind in der Minderheit. Rumänen sind nicht dümmer als andere, aber das Bildungssystem ist schlecht. Einigermaßen gute Schulen gibt es nur in den großen Städten. Kleinere Städte oder das Land hat man aufgegeben, dabei leben hier zwei Drittel der Bevölkerung. Vier oder fünf Millionen Rumänen arbeiten im Ausland. In deutschen Schlachthäusern oder auf Spargelplantagen, manchmal unter sklavereiähnlichen Bedingungen. Ihre Kinder nehmen sie entweder mit oder sie bleiben allein in Rumänien zurück, ohne Aufsicht, ohne Zuneigung. Manchmal gehen sie nicht in die Schule. Aus mancher Perspektive ist das eine humanitäre Katastrophe, auch wenn es für viele in ökonomischer Hinsicht die Rettung ist.

Was für eine Schule ist das, die man im Film sieht?

Es ist eine dieser alten staatlichen Schulen, die als elitär gelten. Die Eltern tun alles, um ihr Kind dort unterzubringen, auch wenn es illegal ist.

Wie die Mutter im Film, die sich als Roma ausgibt?

In jeder Sekundarschule gibt es für Roma zwei oder drei Plätze. Das ist positive Diskriminierung für eine marginalisierte Gruppe. Und Eltern so weiß wie Milch besorgen gefälschte Zertifikate, damit ihre Kinder auf diese Plätze kommen.

Zur Person

Radu Jude, geboren 1977 in Bukarest,  absolvierte sein Regiestudium an der Media University. Sein Debüt „The Happiest Girl in the World“ (2009) wurde mit dem CICAE-Preis des Berlinale Forum 2009 ausgezeichnet. Mit seinem dritten Langfilm „Aferim!“ (2015) gewann Radu Jude den Silbernen Bären für die Beste Regie im Wettbewerb der Berlinale.
Den Goldenen Bären wird der Regisseur am 13. Juni im Freiluftkino auf der Museumsinsel entgegennehmen. Dort wird um 21 Uhr sein Film gezeigt.
Am 8. Juli kommt der Film in die deutschen Kinos.

Ein Thema Ihres Films ist das repressive Verhältnis zur Sexualität. Das hat mich deshalb gewundert, weil die  DDR  der BRD nicht nur  hinsichtlich des Sexualstrafrechts voraus war, sondern auch die ostdeutsche Sexualität als unverklemmter galt.

Das ist interessant. Ich beneide die Ostdeutschen. Wir hatten keine sexuelle Revolution in Rumänien. Während der kommunistischen Diktatur war alles, was mit Sexualität zu tun hatte, verboten. Abtreibung war verboten. Nach der Revolution spaltete sich die Gesellschaft in zwei Gruppen. Die eine tat weiter so, als existiere Sexualität nicht, die anderen wendeten sich der Pornographie zu. Es gab gleich nach der Revolution Magazine, die die Sexualität als etwas Dämonisches, Schmutziges darstellten. Das hat gar nichts mit der Kirche zu tun, sondern mit der Unterdrückung während der kommunistischen Zeit. Man sieht das auch am Verhältnis zu LGBT. Die Akzeptanz wächst nur  ganz langsam. Wer sich für LGBT-Rechte einsetzt, wird als Kommunist beschimpft. Oder als Anhänger der Frankfurter Schule. Dabei wurden die LGBT während der Diktatur ins Gefängnis geworfen.

In Deutschland hat gerade der Ostbeauftragte für Empörung gesorgt, als er sagte, ein Teil der Ostdeutschen sei für die Demokratie verloren. Wie ist das im postkommunistischen Rumänien?

Unsere kommunistische Diktatur war nationalistisch, xenophobisch, und stand, was ihre Werte anging, dem Faschismus der 1940er-Jahre nahe. Ich habe ein paar Filme über die Beteiligung Rumäniens am Holocaust gemacht. Während der kommunistischen Diktatur wurde darüber nicht gesprochen. Rumänien wurde als rein und unschuldig dargestellt. Aber nach 1989 wollten die Menschen an die goldene Zeit vor dem Kommunismus anknüpfen. Die Faschisten wurden wieder zu Helden, nur weil sie keine Kommunisten waren. Hunderte Straßen wurden nach Marschall Antonescu benannt, der Verbündete Hitlers. Es gibt bis heute ein paar Antonescu-Straßen. Diese Vergangenheit ist vielleicht noch toxischer. Seit vergangenem Jahr haben wir eine faschistische Partei im Parlament, die Allianz für die Einheit aller Rumänen. Sie ist ein Sammelbecken für nationalistische Ideen und Fremdenfeindlichkeit, ist gegen die EU, gegen die europäischen Werte. Und sie wächst sehr schnell. Aber sie sind die einzigen, die sich an die armen Leute wenden. Unsere linke Partei, das ist die frühere, sehr korrupte Apparatschik-Partei. Wir haben keine richtige linke Partei, die mit den Arbeitern spricht.

Im Film zitieren Sie Siegfried Kracauer, der die Leinwand mit dem Schild Athenes verglichen hat, in dem sich Medusa spiegelt, sodass Perseus, der sie nicht ansehen konnte, ohne zu Stein zu erstarren, ihr den Kopf abschlagen kann. Ist das die Aufgabe des Filmemachers, die Schrecken sichtbar zu machen?

Ich glaube schon, dass das Kino ein Werkzeug ist, auf die Realität zu blicken. Dass es uns Dinge klarer sehen lässt. Die meisten sehen Kino als ein Mittel, um Geschichten  zu erzählen. Aber ich glaube, es geht darüber hinaus. Das Kino beobachtet. Wie durch ein Mikroskop.