Berlin - Erfolgreich ins Kino gehen, das wusste der begeisterte Cineast Kurt Scheel, ist nicht einfach. Der 2018 gestorbene Herausgeber der Zeitschrift Merkur war in den Altenwerder Lichtspielen an der Elbe aufgewachsen, sie gehörten seinen Eltern. Aber er kannte trotz dieser unverwechselbaren Sozialisation im verdunkelten Saal die Schmach, allein ins Kino zu gehen, das Stigma, unter all den Pärchen ein Gezeichneter zu sein. „Wenn doch wenigstens das verdammte Licht endlich ausginge, auf dass die Dunkelheit des Kinos dich endlich verschluckte und das Geflüster und Geturtel der anderen, der Glücklichen, aufhörte!“

Allein vor der großen Berlinale-Leinwand

Diese Szene findet sich in Scheels Buch „Ich & John Wayne“, das nun beim Wiederlesen wie eine Gebrauchsanweisung zur Errettung des Kinos erscheint. Die Vorstellung, vor der großen Leinwand allein zu sein, löst dieser Tage weniger Ängste aus, sondern klingt beinahe wie ein seliges Versprechen aus längst vergangener Zeit, wenn da nicht so hässliche Worte wie Hygienekonzept wären und sich nicht umgehend Bilder von ausgebauten Sitzreihen aufdrängten.

Als Projektionsfläche intimer Wünsche und kollektiver Träume ist das Kino zuletzt arg beschädigt worden, und es bedarf schon einer großen Portion Optimismus, wenn Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter der Berliner Filmfestspiele, zuversichtlich in die Zukunft des Festivals blickt, das er im vergangenen Jahr zusammen mit Mariette Rissenbeek übernommen hat, kurz bevor die Corona-Pandemie den gesamten Kultur- und Veranstaltungsbetrieb stilllegte. Wenn die Entwicklung es zulasse, so Chatrian, könne das geplante Sommerevent ein „superschönes Festival“ werden. Die Filmschaffenden könnten dann womöglich sogar entspannter sein, da die Arbeit ja bereits getan sei.

Chatrian spielte damit auf die kuriose Zweiteilung des Festivals an, das in dieser Woche mit Filmvorführungen beginnt, die entweder via Stream oder in Kinosälen für wenige Professionelle unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt werden. Weil der Glamour von Cannes und Venedig im kalten Winter-Berlin kaum zu erreichen war, hielt man sich stets an die Formel von der Berlinale als Publikumsfestival. Die treuen Berliner Besucher kompensierten seit jeher mit Filmbegeisterung, was ihnen an Stil und Selbstdarstellungsbedürfnis fehlte. Im Gegenzug wurden sie von Filmregisseuren, Schauspielern und Filmhändlern für ihre unbestechliche Bereitschaft geliebt, mit Enthusiasmus und Kennerschaft auf das Gezeigte zu reagieren. Mehr Berlin-Euphorie als zu Zeiten der Berlinale schien kaum möglich.

Opfer-Konkurrenz in der Pandemie

Die Pandemie hat die gewohnten Routinen des Festivals jäh gestoppt, und es bleibt selbst über ein möglicherweise glückendes Sommerfestival hinaus die Befürchtung, dass die Zeit kultureller Aktivität, die ihren Charme und ihre Energie aus ausgelassenen Menschenmengen bezieht, vorbei sein könnte. Derzeit jedenfalls fehlt das Vorstellungsvermögen und der Glaube, dass es schon bald einen unbeschwerten Aufenthalt im Kino oder im Konzertsaal geben könnte.

Was hier als pessimistische Gefühlslage anklingt, hat in vielen anderen Bereichen der kulturellen Produktion leider bereits eine materielle Entsprechung erfahren. Kinos droht der wirtschaftliche Zusammenbruch, kleine Veranstalter stehen vor der Insolvenz oder machen – weniger dramatisch ausgedrückt – einfach nicht wieder auf.

Angesichts der desaströsen Lage ist es erstaunlich, wie gelassen die Betroffenen bleiben. Fast scheint es so, dass selbst die lauteren Klagen ungehört verpuffen. Die Corona-Krise hat nicht zuletzt auch eine Opfer-Konkurrenz hervorgebracht. Es gibt einfach zu viele Leidtragende, und noch haben gewiss viele die Hoffnung, einen Ausweg aus der unverschuldeten Lage zu finden. Kreativität ist die Basis des Geschäfts von Künstlern und Veranstaltern, und nicht wenige hoffen, dass der reitende Bote mit froher Botschaft den Weg auch in ihre Inszenierung finde.

Tatsächlich aber wird man sich damit vertraut machen müssen, dass die Zerstörungseffekte der Pandemie sich insbesondere auch auf künstlerische und kulturelle Produktionsformen erstrecken, die nicht zuletzt auch von wirtschaftlichen Mischformen der Beschäftigung gelebt haben. Die Berlinale ist ein mit staatlicher Förderung unterhaltenes Branchenereignis, dass möglicherweise anpassungsfähig genug sein wird, sich in der Krise zu erneuern. Für die Produzenten, Hersteller und Verleiher sieht das schon ganz anders aus. Die Frage nach dem besten Film wird diesmal zweitrangig sein. Vielmehr geht es darum, ob und wie es gelingen kann, sich über den Kinosaal hinaus den öffentlichen Raum zurückzuerobern.