Die Mutter schimpft, weil Murat nicht zum Essen kommt. Das gehört sich nicht. Warum wissen die kleinen Brüder nicht, wo er ist? Das ist die erste Szene des neuen Films von Andreas Dresen: In einer türkisch-deutschen Mischsprache, dem Slang der Familie Kurnaz in Bremen, wechselt die Stimme der Mutter zwischen Heiterkeit und Strenge. Fünf Jahre später sieht sie den Sohn erst wieder, so lange saß Murat Kurnaz in US-amerikanischen Gefängnissen, erst im afghanischen Kandahar, dann in Guantánamo auf Kuba. Ohne Gerichtsverhandlung, ohne Urteil. Und Andreas Dresen zeigt nun in seinem Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ im Berlinale-Wettbewerb, welchen Löwenanteil die Mutter an seiner Freilassung hat.

Der Film nach den realen Ereignissen, unterteilt in Kapitel, die in unterschiedlich weiten Etappen die Tage zählen von eins bis 1786, setzt mit seinen zwei Hauptfiguren zwei Schwerpunkte, die zugleich ein gemeinsames Kraftfeld bilden: Meltem Kaptan spielt die Mutter mit Zorn und Herzlichkeit, getrieben von dem Willen, ihr Kind zu schützen. An ihrer Seite steht der Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke, der oft von ihrem Eifer überrumpelt wird, aber auch an den Punkt kommt, da er ihr Mut machen muss.

Rabiye Kurnaz: mal schmeichelnd, mal schrill

19 Jahre alt war Murat, als er auf Anraten eines Freundes nach Karatschi in Pakistan flog, um dort besser den Koran kennenzulernen. Es sind die Tage kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Während Rabiye am Bügelbrett steht, spricht Wolfgang Thierse im Bundestag von der deutschen Einheit und den internationalen Gefahren. Ohne ihre Scheu vor Behörden oder Politikern zu zeigen, zieht Rabiye in den Kampf, als sie von seiner Verhaftung erfährt. Sie agiert mal mit einem schrillen Redeschwall, dann versucht sie es wieder mit Schmeicheleien etwa dem Staatsanwalt gegenüber oder türkischen Politikern.

Die Schauspielerin lässt spüren, dass diese Frau sich vom Herzen leiten lässt. Der Regisseur und seine Stamm-Drehbuchautorin Laila Stiehler geben ihr Humor und Lebensfreude mit. Sie lassen sie ulkige Sprüche reißen – „Du siehst aus wie eine deutsche Frisöse“, sagt sie zu ihrer geschminkten Schwester – und Weisheiten zitieren. „Du musst ein Onkel in Ankara haben, sagt man bei uns“, erklärt sie, als es darum geht, in der Türkei etwas zu erreichen. „Und, haben Sie einen“, fragt Bernhard. Sie antwortet lächelnd: „Findet sich.“ Der Film zeigt auch, dass sie sich selbst manchmal zu dieser Lockerheit zwingen muss. Staunend streift sie durch Washington, wo der Supreme Court die Guantánamo-Kläger vorlässt. Da gehen sie und der Anwalt schon wie Freunde miteinander um.

Der Fall ergreift die Journalisten und Zuschauer

Alexander Scheer spielt den Anwalt in perfekter Maske und mit norddeutschem Akzent. Ein wenig steif ist dieser Mann, doch auf der Fahrt ins Weserstadion hängt er sich auch einen Fan-Schal von Werder Bremen um. In der Arbeit treibt ihn die Überzeugung, dass Gerechtigkeit ein universeller Wert ist, der sich nicht ins Verhältnis setzen lässt etwa zur Vorsicht nach dem Terror von Mohammed Atta & Co. Haft ohne Urteil ist für ihn grundsätzlich falsch, Folter erst recht. Als Bernhard Docke vor der deutschen Presse von den unmenschlichen Haftbedingungen spricht, schweigt Rabiye Kurnaz neben ihm versteinert. Aber einige Journalisten greifen sich an die Augen.

Andreas Dresen entwickelt seinen Film chronologisch, ohne Rückblenden oder Nebenhandlungen. Die Geschichte ist stark genug für eine große Erzählung über den Stand der Menschenrechte am Anfang des 21. Jahrhunderts und über deutsche Politiker sowie BND-Funktionäre, denen Kurnaz als in Deutschland aufgewachsener Türke weniger wert war als ein Staatsbürger. „Du meinst, meine eigene, von mir gewählte rot-grüne Regierung verhindert, dass er wieder freikommt“, fragt Docke den Staatsanwalt – gegen den üblichen Typ des Raubeins mit Charly Hübner besetzt.

Die Sympathie der Filmemacher gehört der Frau, deren Alltag darin besteht, für die Familie zu sorgen, im Ernstfall kämpfend. Das überträgt sich in den Saal. Dresen/Stiehler haben Meltem Kaptan eine Rolle auf den Leib geschrieben, mit der sie sich für einen Darsteller-Bären empfiehlt.

Im Wettbewerb: Weitere Vorstellungen 13.2., 14.2., 15.2. und 18.2.