Berlin - Es gibt eine Szene in Aliaksei Paluyans Film „Courage“, da sitzt Maryna Yakubovich mit ihrem Mann in ihrer Küche in Minsk. Sie sprechen über die Zukunftsaussichten ihres kleinen Sohnes. Vielleicht wird einer von ihnen verhaftet, überlegen sie. Oder sie hören auf, sich für die Demokratie zu engagieren und schicken ihren Sohn später in Minsk in die Schule, wo er lernt, dass Alexander Lukaschenko der Vater seines Landes ist. Sie sprechen auch über eine dritte Option, das Exil.

Es scheint dann aber noch eine vierte Option zu geben, als im August 2020 nach den als manipuliert geltenden Präsidentschaftswahlen in Belarus die Menschen auf die Straße gehen und Lukaschenko auffordern, seinen Posten zu räumen. Es sind Hunderttausende, unter ihnen Maryna Yakubovich. Sie tragen die rot-weiße Flagge, die nach dem Zerfall der Sowjetunion zur Nationalflagge von Belarus erwählt worden ist, und die Alexander Lukaschenko 1995 abschaffte. Rot und weiß, das sind jetzt die Farben der Opposition. „Hau ab, hau ab“, rufen die Demonstranten. Sie zeigen das Siegeszeichen. Diese Bilder gehen um die Welt. „Wir sind so viele“, sagt Maryna Yakubovich in „Courage“. „Wir machen Geschichte“, fügt ihr Kollege Pavel hinzu. Das Ziel scheint so nah. Dann kommen die Wasserwerfer, Tränengas, Knüppel. Sich verzweifelt wehrende Menschen werden in Polizeiwaggons gezerrt. Und Aliaksei Paluyan fliegt nach Berlin, um dieses Filmmaterial in Sicherheit zu bringen. Die geplante Rückkehr findet nicht mehr statt.

Das Exil ist der Preis für diesen Film

Wir treffen uns nun in den Räumen des Filmverleihs Rise and Shine, der sein Büro in einem umfunktionierten Fabrikgebäude an der Schlesischen Straße in Kreuzberg hat, im letzten der vielen Höfe. Dahinter kommt die Spree. Maryna Yakubovich, Aliaksei Paluyan und Pavel Haradnitski, ein weiterer Filmprotagonist, sind gekommen, um ihren Dokumentarfilm auf der diesjährigen Berlinale vorzustellen. Es sitzen alle um den großen Tisch bei Rise and Shine, jemand kocht Kaffee, stellt ein paar Kekse auf den Tisch, eine Flasche Wasser. Und Maryna Yakubovich erzählt von der dritten Option.

Den dritten Geburtstag ihres kleinen Sohnes am 27. Mai 2021 will die Familie noch in Minsk feiern, zusammen mit den Großeltern. Die Entscheidung zu gehen, ist bereits gefallen. Ihre Tickets für den Flug nach Kiew haben sie gekauft. Dann wird am 23. Mai die Ryanair-Maschine vom Himmel geholt, in der der Journalist Roman Protassewitsch sitzt. Sie wissen, dass sie nicht mehr warten können. Am 25. Mai nehmen sie den letzten Flug von Ukranian International Airways. „Das Exil ist der Preis“, sagt Aliaksei Paluyan. 

Pavel Haradnitski, ein 38-Jähriger mit blonden Haaren, einem schwarzen T-Shirt, ist schon seit April in Kiew. Er ist bei einem Pop-Konzert, das er in Minsk spielte, verhaftet worden. Jemand im Publikum hatte eine weiß-rote Flagge entrollt, ein Foto gemacht. Per Skype habe ihn ein Richter zu 15 Tagen Haft verurteilt. Das war zwei Wochen, nachdem „Courage“ Anfang März während des Berlinale-Branchenevents zu sehen war. Ob es einen Zusammenhang gibt? „Der Film war mit Geoblocking für Belarus gesperrt“, sagt Aliaksei Paluyan. Dafür hat er gesorgt. Aber er stellt sich diese Frage auch.

35.000 Menschen sind seit August 2020 in Belarus festgenommen worden. „Es werden Leute verhaftet, die weiße Socken mit roten Streifen tragen“, sagt Maryna Yakubovich. Pavel Haradnitski flog am 23. April, zusammen mit seiner Frau, einer Psychologin, die jetzt online arbeitet und damit das Geld verdient, sowie mit der Katze und dem Hund. Nur die Kamerafrau ist ins Minsk geblieben, für Aliaksei Paluyan ein ständiger Grund zur Sorge.

Noch haben sie kein Heimweh, noch genießen sie das Gefühl der Sicherheit. „Ich hatte es schon fast vergessen“, sagt Maryna Yakubovich. In Minsk habe sie wegen der ganzen Polizisten überall nicht einmal mehr auf dem Spielplatz entspannen können. „Immer Druck, Druck, Druck“, sagt Pavel Haradnitski. In Belarus stand er auf der schwarzen Liste, hatte praktisch Berufsverbot, in Kiew hat er nun die erste Filmrolle bekommen. Sie gehören jetzt zu der Exilgemeinde von Belarussen in der Ukraine, darunter sind viele Künstler, die sich sonntags auf dem Maidan treffen.

Der Regisseur von „Courage“ wäre fast in Bernau geboren worden

Die drei kennen sich seit langem. Aliaksei Paluyan berichtet, wie er als Informatik-Student in Minsk in diese Theatervorstellung in einer Wohnung geriet, ohne Stühle, ohne Tickets. Es war eine Aufführung des Freien Theaters Belarus, zu dem Maryna Yakubovich und Pavel Haradnitski gehören. Frei ist dieses Theaters aber nur im Untergrund. Es war diese Arbeit, die der Film ursprünglich würdigen wollte, die heimlichen Proben, geleitet von einem Regisseur, der per Skype aus dem Exil in London zugeschaltet ist, die heimlichen Vorstellungen, die Tabu-Themen der Stücke: die Todesstrafe oder das Verschwinden Oppositioneller.

Aliaksei Paluyan ist der Jüngste von ihnen, er ist erst 31 Jahre alt. Fast wäre er in Bernau geboren worden, erzählt er. Seine Eltern arbeiteten dort für die Sowjetische Armee, der Vater Lehrer, die Mutter Ärztin. Für die Geburt kehrte die Mutter nach Russland zurück, zwei Wochen später fiel die Mauer, und es gab keine Rückkehr mehr. Seit 2012 lebt er jetzt doch in Deutschland. Er kam, um an der Kunsthochschule Kassel Film zu studieren, „Courage“ ist seine Abschlussarbeit. Es ist der erste belarussische Film, der jemals auf der Berlinale gezeigt worden ist. Und es ist eine so leidenschaftliche und parteiische Leinwandarbeit, wie man sie lange nicht gesehen hat. Ein Kunstwerk, das Teil des Kampfes ist, ein zutiefst politischer Film, getrieben von der Frage, was Kunst unter repressiven Bedingungen leisten kann.

Tränen fließen in Kreuzberg

Im Westen hat die Entführung Roman Protassewitschs die Aufmerksamkeit wieder auf Belarus gelenkt, sie kommt nun dem Film zugute. Das ist einerseits toll, andererseits finden sie es frustrierend. Roman Protassewitschs Entführung war ein Schock, aber seit vergangenem August seien viele unfassbare Dinge in Belarus passiert, sagt Maryna Yakubovich, nur dass sie in Europa weniger Aufsehen erregt haben. Sie berichtet von Witold Aschurok. Der Oppositionspolitiker starb Ende Mai in einer Strafkolonie an einem Herzstillstand, wie die Behörden mitteilen. Daran glaubt keiner der drei.

Es wird jetzt sehr emotional in diesem Kreuzberger Büro, als Marina Yakubovich von den Demonstrationen am Frauentag im März spricht, vom Protestmarch der Rentner, vom Marsch der Invaliden. „Alte Männer sind geschlagen worden, Frauen! Sie haben Blendgranaten gegen Rentner eingesetzt.“ Sie weint und Aliaksei Paluyan springt auf und holt Taschentücher. „Wir haben alles getan in Belarus. Wir haben geschrien: Bitte helft uns. Keiner hat uns gehört.“ Die Enttäuschung über die Gleichgültigkeit in Europa ist groß. Nur jetzt, da ein Flugzeug betroffen gewesen sei, in dem auch Westeuropäer saßen, sei die EU wieder aufgewacht, sagt Aliaksei Paluyan. So, als wären sie allein es nicht wert, diese zehn Millionen Menschen in seinem Land. „Sind belarussische Menschen nicht wichtig?“

AP/Michael Sohn
Der Regisseur von „Courage“ Aliaksei Paluyan auf dem Berlinale-Teppich.

Er wird nicht müde, die geografische Nähe zwischen Berlin und Minsk zu betonen: nur gut 900 Kilometer, eine Flugstunde entfernt. Europa ist die Hoffnung, die Messlatte, die Folie, auf der sich das, was dort passiert, die Verhaftungen, die politische Unterdrückung, abzeichnet.

Aliaksei Paluyan nennt die EU einen zahnlosen Tiger, die angekündigten Sanktionen nach Protassewitschs Entführung zu lasch. „Sie müssen die Banken vom Swift-System ausschließen“, sagt er. Der Ausschluss vom internationalen Zahlungssystem würde das Land schwer treffen, Belarus würde zu einem Klotz am Bein Russlands, auch das ist wichtig. Und die Auswirkungen auf die Belarussen? „Sie sind bereit für die Sanktionen, sie sind bereit zu leiden.“ Das sagen alle drei einstimmig. „Wenn die EU jetzt nicht hart reagiert, ist das ein Signal an Lukaschenko, dass er machen kann, was er will.“

Swetlana Tichanowskaja ist nach Berlin gekommen

Am Freitagnachmittag, bevor ihr Film seine Weltpremiere im Freiluft-Kino auf der Museumsinsel hat, nehmen sie an einer Veranstaltung in der Hessischen Landesvertretung teil. Die hessische Filmförderung hat den Film unterstützt, und zu der Pressekonferenz kommt ebenfalls Swetlana Tichanowskaja, die vielleicht belarussische Präsidentin wäre, wenn bei den Wahlen im vergangenen Jahr alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Stattdessen floh sie nach der Wahl nach Litauen, ihr Mann sitzt im Gefängnis.

Swetlana Tichanowskaja nutzt die neue Aufmerksamkeit für ihr Land, sie ist seit Donnerstag in Berlin, hat mit Politikern gesprochen, für Sanktionen geworben. Jetzt ergreift sie Aliaksei Paluyans Hände, bevor sie beide auf dem Podium Platz nehmen. Große Blumensträuße stehen zu beiden Seiten: tiefrote Pfingstrosen und weiße Löwenmäulchen. Es trifft sich gut, dass die hessischen Landesfarben dieselben sind wie die Farben des belarussischen Protests.

Swetlana Tichanowskaja ist diplomatischer als der Filmregisseur. Sie lobt Deutschland als wichtigsten Partner der belarussischen Demokratiebewegung. Nun seien Sanktionen, besonders Wirtschaftssanktionen, gegen einzelne Personen wichtig, gegen alle, die Lukaschenko unterstützen. Sie erzählt, dass sie mit ihrem Mann nur über einen Rechtsanwalt kommunizieren könne,  und am Schluss appelliert sie: „Bitte schreiben Sie den politischen Häftlingen Briefe, zeigen sie belarussische Kunst, hängen sie unsere Fahne ins Fenster.“

dpa/Michael Sohn
Swetlana Tichanowskaja (hinten), Oppositionsführerin von Belarus, hält vor der Vorführung des Films „Courage. Kunst und Demokratie in Belarus“ bei den 71. Internationalen Filmfestspielen Berlin ein Porträt ihres Mannes.

Im Garten der Landesvertretung gibt Swetlana Tichanowskaja anschließend Fernsehinterviews. Jetzt kann man sehen, wie schwer bewacht sie ist. Fünf Bodyguards in blauen Anzügen mit schmalen Sonnenbrillen lassen sie nicht aus den Augen.

Maryna Yakubovich und Pavel Haradnitski nähern sich ihr nicht. Sie ist die Frau, die sie gewählt haben. „Aber wir dürfen auf kein Foto mit ihr“, sagen sie. Sie haben Angst, sie könnten ihre in Minsk lebenden Eltern gefährden. Aliaksei Paluyan zeigt diese Zurückhaltung nicht, doch seine Eltern leben ebenfalls in Belarus. Über die Gefahr, der er sie aussetzt und sich selbst, möchte er nicht sprechen. Stattdessen spricht er von der Schuld, die er fühlt, da er in Sicherheit lebt.

Am Abend bei der Weltpremiere auf der Museumsinsel bekommt jeder Zuschauer das Bild eines politischen Gefangenen in die Hand, auf dessen Rückseite die Adresse des Gefängnisses steht, an das man schreiben kann. Es war Aliaksei Paluyans Idee. Bevor der Film startet, halten die Zuschauer diese Bilder in die Höhe. Auch Swetlana Tichanowskaja ist hier. Sie hält das Bild ihres Mannes.

Als der Abspann läuft, erheben sich die Ersten im Publikum, es gibt Standing Ovations, minutenlang. Aliaksei Paluyan erzählt überwältigt von dieser Premiere, als wir tags darauf telefonieren. Kaum ein Bild sei zurückgelassen worden.

„Courage“ kommt am 1. Juli in die deutschen Kinos. Am 17. Juni um 21. 45 Uhr gibt es eine Preview im Freiluft-Kino Alte Münze, Moltkenmarkt 2