Berlin - Es läuft einem eiskalt den Rücken hinunter, als der Onkel der Filmemacherin den Missbrauch an ihr rechtfertigt. Es sei doch nichts wirklich Schlimmes passiert damals, sagt er nonchalant, schließlich habe er „ihn nicht reingesteckt“. Nicht nur hat der Mann kein Schuldbewusstsein, er hat noch nicht einmal einen Begriff von dieser Art Schuld. Olga Lucovnicova zeigt uns das in „Nanu Tudor“ (My Uncle Tudor) mit einer Gelassenheit, die eigentlich nur haben kann, wer sich den Schmerz über die Jahre zum Komplizen gemacht hat. Sie inszeniert diese beinharten zwanzig Minuten, die in Kindheit wie Heimat führen, dort aber keine Erlösung finden, als ein federleicht schwebendes Gespinst aus Impressionen – Lichtreflexe auf Wandteppichen, Erinnerungsfetzen ältlicher Kaffee-Tanten, Sommerhitzen-Mattigkeit, verwunschen-staubige Ecken, schließlich der Onkel – und erhält für ihr mutiges, schonungsloses Werk den Goldenen Bären für den Besten Kurzfilm.

Auch Dasha Nekrasova bedient sich im Umgang mit dem Thema eher unkonventioneller Mittel, leise zurückhaltend geht die amerikanische Filmemacherin und Schauspielerin dabei jedoch nicht vor. Uraufgeführt in der Sektion Encounters und ausgezeichnet mit dem GWFF-Preis für den Besten Erstlingsfilm dreht „The Scary of Sixty-First“ den hässlichen und dubiosen Fall des Mädchenhändlers Jeffrey Epstein durch die Genre-Mangel. Epstein war am 10. August 2019, wenige Wochen nach seiner Verhaftung, in seiner Zelle tot aufgefunden worden. Sein so deklarierter Selbstmord löste einen Justizskandal aus und zahlreiche Verschwörungstheorien schossen ins Kraut, die von den Mächtigen und von den Reichen erzählten und davon, wie diese immer wieder davonkommen. Dass nun die Freundinnen Noelle und Addie ausgerechnet Epsteins berüchtigtes Manhattaner Apartment zum Schnäppchenpreis ergattern, dient Nekrasova als Ausgangsidee für ein wagemutiges Unterfangen, das die spezifischen Merkmale New Yorker unabhängigen Filmschaffens mit den unzimperlichen Mustern des italienischen Giallo verbindet. Das ergibt eine wilde Mischung aus pseudo-sensiblem Gequatsche und drastischen Visionen von Sex und Gewalt, an der die aufrechte Wut überzeugt, die sich darin artikuliert.

Demgegenüber vermeint man es bei dem Panorama-Beitrag „Yuko no tenbin“ (A Balance) von Yujiro Harumoto endlich doch noch mit traditionellem Erzählkino zu tun zu haben. Dann aber sieht sich die Protagonistin, Dokumentarfilmerin Yuko, die ein TV-Feature über einen der Übergriffigkeit angeklagten Lehrer recherchiert, mit einem Male ihrem eigenen, gleichfalls schuldig gewordenen Vater gegenüber. Zusehends verstrickt sie sich nun selbst in einem engmaschig gewebten Netz aus gesellschaftlichen Sanktionen und moralischer Korruption. Und Harumoto gelingt ein virtuos zwischen Drama, Thriller und Krimi changierendes, schneidend scharf analysierendes Beispiel der Sozial- und Medienkritik.

NANU TUDOR (im Rahmen von Berlinale Shorts I, 11.6. & 12.6.). YUKO NO TENBIN (Panorama, 17.6.). THE SCARY OF SIXTY-FIRST (Encounters, 19.6. & 20.6.).