Berlin - Es läuft einem eiskalt den Rücken hinunter, als der Onkel der Filmemacherin den Missbrauch an ihr rechtfertigt. Es sei doch nichts wirklich Schlimmes passiert damals, sagt er nonchalant, schließlich habe er „ihn nicht reingesteckt“. Nicht nur hat der Mann kein Schuldbewusstsein, er hat noch nicht einmal einen Begriff von dieser Art Schuld. Olga Lucovnicova zeigt uns das in „Nanu Tudor“ (My Uncle Tudor) mit einer Gelassenheit, die eigentlich nur haben kann, wer sich den Schmerz über die Jahre zum Komplizen gemacht hat. Sie inszeniert diese beinharten zwanzig Minuten, die in Kindheit wie Heimat führen, dort aber keine Erlösung finden, als ein federleicht schwebendes Gespinst aus Impressionen – Lichtreflexe auf Wandteppichen, Erinnerungsfetzen ältlicher Kaffee-Tanten, Sommerhitzen-Mattigkeit, verwunschen-staubige Ecken, schließlich der Onkel – und erhält für ihr mutiges, schonungsloses Werk den Goldenen Bären für den Besten Kurzfilm.

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