Berlin - Am 12. Mai feierte die Kunstwelt den 100. Geburtstag von Joseph Beuys. Die Künstler-Ikone der Nachkriegszeit ist mittlerweile zum Mythos avanciert. Der Dokumentarfilm „Beuys“ von Regisseur Andres Veiel stellt sich diesem Mythos, versucht, hinter die Maske des Künstlers zu blicken. Wer war der Mann hinter dem merkwürdigen Kostüm: Filzhut, Anglerweste, Jeans? Was wollte Beuys, der für Begeisterung, Belustigung, aber auch für reichlich Verwirrung sorgte?

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Der Film versammelt Archiv-Interviews, Nachrichtenszenen und Videomaterial aus Beuys’ Kunst-Aktionen und Vortragstouren und setzt den 1986 verstorbenen Künstler in den Mittelpunkt. Man versteht, dass Beuys sich kontinuierlich zum Objekt seiner eigenen Kunst machte. Ob er sich etwa drei Tage lang in einer Galerie mit einem Kojoten einsperren ließ, oder ob er als Professor bei der Kunstakademie Düsseldorf (getreu der Theorie „Jeder Mensch ist ein Künstler“) Hunderte Studienbewerber in seine Klasse einlud. Sein weltbekannter Filz-Fedora, den er angeblich nach einer Kriegsverletzung als Schutz für seinen Kopf benutzte, war Beuys’ Markenzeichen.

Faszination durch Selbstmythologisierung

Der Film lässt uns auch Teil werden von Momenten, in denen der Künstler sich verletzlich zeigte. Etwa, wenn seine engsten Mitarbeiter zu Wort kommen, allen voran Caroline Tisdall. Doch nicht jedes Geheimnis wird gelüftet: Beuys schwieg etwa zeitlebens zu der Frage, ob es wirklich stimmte, dass er, wie er behauptete, nach einem Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg durch Krim-Tataren mit Fett und Filz eingerieben und dadurch gerettet wurde. Heute sind es genau jene Formen der Selbstmythologisierung, die Beuys’ Faszination ausmachen.

Warum meldete er sich 1941 als Freiwilliger bei der Luftwaffe? Lässt sich womöglich sogar Antisemitismus in einem seiner bekanntesten Werke erkennen? Veiels Film versucht nicht, das Publikum mit einer konkreten Antwort zu überzeugen. Stattdessen wird die Haltung der Zuschauenden herausgefordert.

Beuys erklärt sich in einem Moment zum radikalen Erneuerer; dann zu einem „sozialen Bildhauer“. Der letzte Teil des Films widmet sich seiner Gründungsrolle bei den Grünen, seinem Werk „7000 Eichen“. Auch das Scheitern des Künstlers wird dabei thematisiert: Beuys’ Kandidatur für den Bundestag blieb letztlich erfolglos, die letzte Eiche wurde 1987 von seinem Sohn gepflanzt. „Ich muss so sprechen, dass ich weiß, es liegt eine Frage in den Menschen vor … die ich versuche, mit ihnen gemeinsam zu lösen“, sagt er als Schlusswort im Film. Ein Zitat, das die Kunstlegende noch heute treffend beschreibt.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Beuys läuft in der ARD-Mediathek bis zum 28. Mai.

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