„Blond“ bei Netflix: Marilyn Monroes Leben als grandios inszenierter Albtraum

Kein klassisches Biopic, sondern ein surreal anmutendes Gesamtkunstwerk, das sich unerwartet zu einem „MeToo“-Film entwickelt: „Blond“ hallt lange nach.

Ein kurzes Glück findet Marilyn Monroe (Ana de Armas) in der Ehe mit Arthur Miller (Adrian Brody). 
Ein kurzes Glück findet Marilyn Monroe (Ana de Armas) in der Ehe mit Arthur Miller (Adrian Brody). Netflix

Wie nähert man sich künstlerisch einem der bedeutendsten Filmstars des vergangenen Jahrhunderts, einer Ikone, um deren Leben sich weiterhin unzählige Mythen ranken? Nun, da „Blond“ nach seiner Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Venedig ins Programm von Netflix aufgenommen wurde und so ein breites Publikum erreicht, streiten sich Kritik und Fans längst leidenschaftlich darüber, ob es sich bei diesem Film um ein Werk handelt, das seiner schillernden Protagonistin, Marilyn Monroe, wirklich gerecht wird. Ob es ihrer tatsächlichen Biografie entspricht, ihr Wirken angemessen zusammenfasst, und die Person dahinter korrekt abbildet. Angesichts der Tatsache, dass kein Mensch beurteilen kann, wer die Berühmtheit im Innersten gewesen ist und somit die Deutungshoheit über ihr Seelenleben besitzt, eigentlich eine irrwitzige Debatte.

Obwohl er sich stark an den biografischen Eckdaten der Schauspielerin orientiert, hat Filmemacher Andrew Dominik („Killing Them Softly“) kein klassisches Biopic geschaffen. „Blond“ lässt sich besser als feinziseliertes Melodram begreifen. Als überaus kunstvolles Porträt eines Lebens, das die Leerstellen innerhalb dessen, was der Öffentlichkeit über Marilyn Monroe (Ana de Armas) bekannt ist, mit surrealistisch in Szene gesetzten Interpretationen ausfüllt.

Alkoholkranke Mutter, kontrollsüchtige Männer

Basierend auf der vielbeachteten gleichnamigen Romanvorlage von Joyce Carol Oates, bewegt sich der Film entlang Monroes beruflicher Stationen, stellt diesen die jeweilige private Situation gegenüber, verknüpft beides eng miteinander und schafft so eine eigene Erzählung, die sich schlussendlich wie ein langer, böser Traum anfühlt. Dieser setzt mit einer Kindheit ein, die alles andere als glücklich verlief. Im Los Angeles der 1930er-Jahre wächst Norma Jeanne Baker bei ihrer schwer alkoholkranken, zu Gewaltausbrüchen neigenden Mutter (Julianne Nicholson) auf, die ihrer Tochter die Schuld an ihrer Einsamkeit gibt. Der Kindsvater, ein vermeintlicher Filmstar, habe sich von ihr getrennt, sobald er von der Schwangerschaft erfuhr.

Diese frühe Erfahrung von Zurückweisung, so legt Regisseur und Drehbuchautor Andrew Dominik nahe, ist Bakers zentraler Beweggrund, die Bühnenpersona Marilyn Monroe zu kreieren und in dieser Rolle endlich Zuneigung zu erfahren. Eine oberflächliche, aber verhältnismäßig leicht zu erlangende Zuneigung, die in erster Linie über ihre weiblichen Reize funktioniert. Ihr Renommee als Sexsymbol, darum kreist „Blond“ während seiner episch anmutenden Spielzeit von über zweieinhalb Stunden immer wieder, öffnet ihr die Türen zu den bedeutendsten Studios Hollywoods, später sogar zum Weißen Haus, wird ihr allerdings auf der Suche nach persönlichem Glück zum Verhängnis.

Als die Schauspielerin erste berufliche Erfolge erzielt, ist da niemand, der mit ihr die kindlich anmutende Freude, ihren Unglauben darüber, dass sie auf der großen Leinwand zu sehen ist, ehrlich teilt. Die Personen in ihrem Umfeld suchen ihre Nähe ausschließlich aufgrund ihres Appeals, weil sie etwas von ihr, aber nahezu niemals sie selbst wollen, den Menschen dahinter.

Zunächst sind da Charles Chaplin Jr. (Xavier Samuel) und Edward G. Robinson Jr. (Evan Williams), mit denen sich Marilyn Monroe zu einem Trio Infernale zusammenschließt, das sich – durch die gemeinsame Erfahrung verbunden, ein Dasein im Schatten des abwesenden Vaters zu fristen – ewige Treue schwört. Letztlich sind die beiden verhältnismäßig erfolglosen Söhne bekannter Schauspieler allerdings in erster Linie daran interessiert, Kontrolle über das aufstrebende Starlet zu erlangen, ebenso wie ihr späterer Ehemann und Ex-Athlet Joe DiMaggio (Bobby Cannavale), der sie nach dem Dreh der ikonischen Szene im wehenden Plisseekleid über einem U-Bahn-Schacht aus Billy Wilders „Das verflixte siebte Jahr“ mit dem Gürtel verprügelt.

Trio Infernal: Cass Chaplin (Xavier Samuel), Marilyn Monroe (Ana de Armas) und Evan Eddy G. Robinson Jr. (Evan Williams).
Trio Infernal: Cass Chaplin (Xavier Samuel), Marilyn Monroe (Ana de Armas) und Evan Eddy G. Robinson Jr. (Evan Williams).Matt Kennedy/Netflix

Klare feministische Grundhaltung

So lässt sich aus Dominiks Film nicht nur ein klares Muster in seiner Interpretation von Marilyn Monroes Leben, sondern auch eine klare Anklage herauslesen: gegen die Männer, die sich von ihrem sexuell aufgeladenen Image angezogen fühlen, es aber gleichsam verwenden, um sie herabzuwürdigen, sie als „Schlampe“ zu diskreditieren. Insbesondere, wenn sie sich weigert, sich vollends von ihnen vereinnahmen zu lassen. Die klare Kritik an dieser unheilvollen misogynen Dynamik, die bis heute fortexistiert, macht „Blond“  – trotz expliziter Gewaltdarstellungen, mitunter sexuell-missbräuchlicher Natur – zu einem Film mit klar erkennbarer feministischer Grundhaltung.

Den steten Wandel zwischen neugeschöpfter Hoffnung und deren gnadenloser Enttäuschung unterstreicht die Kamera Chayse Irvins durch einen ebenso ständigen Wechsel zwischen schwarz-weißen und kolorierten Bildern sowie dem Spiel mit Bildgrößen. Im Zusammenspiel mit der träumerisch-entrückt anmutenden musikalischen Untermalung entsteht so eine surreale Atmosphäre, die den gesamten Film durchzieht. Gemeinsam mit „Bad Seed“-Bandmitglied Warren Ellis kreierte Nick Cave eine akustische Kulisse aus obskuren Chorgesängen und sanften Synthesizer-Klängen, die wie ein einziges langes Vorspiel auf seinen auch textlich zur Stimmung des Films passenden Song „Bright Horses“ wirken. Dieser ist schließlich als instrumentale Version in der als sorgenfreiste Episode in Marilyn Monroes Vita dargestellten Sequenz, während der tatsächlich von Liebe geprägten Ehe mit Arthur Miller (Adrien Brody), zu hören.

Doch auch diese findet ein jähes Ende, als die zweite Schwangerschaft der zu Weltruhm aufgestiegenen Schauspielerin erneut unglücklich endet. In der Darstellung dieses traurigen Vorfalls zeigt sich am eindrücklichsten, wie herausragend sich alle Bestandteile der Inszenierung – auch die brillante Ausstattung des Films – zu einem durchdachten ästhetischen Gesamtkunstwerk zusammenfügen.

In einem Moment sitzt Marilyn Monroe umgeben von Rosensträuchern im heimischen Garten, führt ein Zwiegespräch mit dem ungeborenen Baby in ihrem Bauch, das sie bittet, es nicht erneut abzutreiben. Sie versichert ihm seine Liebe, dass dieses Mal alles anders wird.

Kurz darauf begibt sie sich in einem mit Rosen bedruckten Kleid zum Strand, stolpert und fällt. Die verwackelte Handkamera eilt auf sie zu, als wolle sie zur Hilfe kommen. Marilyn Monroe indes hält sich den Bauch, die Rosen beginnen zu bluten. Einen Augenblick später ergießt sich ein Blitzlichtgewitter über sie, das Bild wird erneut farblos. Wenig später liegt sie niedergeschlagen in einem Zimmer, dessen Wände mit einer Rosentapete tapeziert sind.

Marilyn strahlt, Norma Jean löst sich auf

Von hier an beginnt ihr endgültiger Abstieg, geprägt von Medikamentenmissbrauch, Alkoholexzessen und einer erniedrigenden Affäre mit Präsident John F. Kennedy (Caspar Phillipson), die in besonders verstörenden Szenen sexueller Nötigung und ihrer Folgen mündet.

Der Film wechselt immer wieder zwischen Aufnahmen in Farbe und schwarz-weiß.
Der Film wechselt immer wieder zwischen Aufnahmen in Farbe und schwarz-weiß.Netflix

Das Einzige, was Norma Jeane Baker nun noch am Leben hält, ist das, was sie erst an diesen Abgrund getrieben hat: die alles überstrahlende Marilyn Monroe, ihr Geist, den sie sich herbeiwünscht, wenn ihr tatsächliches Ich in Auflösung begriffen ist.

Ana de Armas („Knives Out“) spielt beide Versionen der Protagonistin mit Verve, stellt ungemeines schauspielerisches Talent unter Beweis, wenn sie die verschiedenen Facetten der zerbrechlichen Privatperson – die auffällig viele Aussagesätze mit einem fragenden „Oder“ versieht und ihre Partner meist mit „Daddy“ anspricht – sowie der vor Selbstbewusstsein strotzenden Leinwandheldin nuanciert zum Ausdruck bringt.

„Blond“ erweist sich so nicht nur als große filmische Kunst, sondern auch als provokanter „MeToo“-Film, der davon erzählt, wie eine Frau, allein auf ihr Image als Sexsymbol reduziert, von den Männern in ihrem Leben zerrieben wird.

Wertung: 5 von 5 Punkten

Blond. Spielfilm, 166 Minuten, Netflix