Es war ein Facebook-Kommentar, der Michal Weits dazu brachte, sich mit der Geschichte ihres Urgroßvaters Josef Weits zu beschäftigen, den sie nur als Helden kannte. In Israel wird Josef Weits als Vater der israelischen Wälder verehrt, er leitete einst die Land- und Forstabteilung des Jüdischen Nationalfonds, ließ Millionen von Pinien pflanzen. Michal Weits war stolz auf ihn. Doch der Kommentar lautete: „Kriegsverbrecher“.

Die Urenkelin ging der Beschuldigung nach, aus ihren Recherchen ist der Dokumentarfilm „Blue Box“ entstanden. Er enthält höchst unangenehme Wahrheiten über die Geschichte Israels und über die Rolle, die ihr Urgroßvater dabei spielte. Im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals Berlin-Brandenburg wird er in Berlin und Potsdam gezeigt – in Anwesenheit der Regisseurin.

Die 39-Jährige war die Erste in ihrer Familie, die das Schweigen zwischen den Generationen brach und Josef Weits’ Tagebücher zur Hand nahm. Die 5000 Seiten enthalten höchst Beunruhigendes, Entlarvendes. „Unter uns muss klar sein: Es gibt keinen Platz für beide Völker in diesem Land“, schrieb Weits. „Die einzige Lösung ist ein Israel ohne Araber. Kein einziges Dorf, kein einziger Stamm darf bleiben.“ Michal Weits erzählt am Telefon, kurz vor ihrer Abreise nach Berlin, sie habe in der Schule gelernt, die Pioniere seien in ein leeres, vernachlässigtes Land gekommen. „Niemand hat uns die Wahrheit gesagt.“ Nun zeigt ihr Film, dass es ganz anders gewesen ist.

Josef Weits, geboren Ende des 19. Jahrhunderts im Russischen Reich, wanderte als Anhänger des Zionismus mit 18 nach Palästina aus. 1910 lebten hier rund 650.000 Araber und 80.000 Juden. Der Titel des Films „Blue Box“ geht auf die blaue Spendendose zurück, ein Symbol des Zionismus. Sie stand einst in fast jedem jüdischen Haushalt auf der Welt. Mit dem Geld kaufte der Jüdische Nationalfonds Land von den Arabern in Palästina. Dabei kam Josef Weits die Schlüsselrolle zu. Er sollte so viel Land wie möglich kaufen, um dort jüdische Siedlungen zu errichten. Die Besitzer lebten oft weit weg, in Beirut, Kairo oder Aleppo. Am liebsten waren ihm die, denen es egal war, was mit ihren Pächtern passiert.

Michal Weitz zeigt in „Blue Box“ Bildmaterial, das noch nie zu sehen war

Michal Weits hat unglaubliches Archivmaterial gefunden, das zum Teil noch nie zu sehen war. Aufnahmen von Arabern, die das Land bebauen und es dann, die Habseligkeiten auf Esel geladen oder sie auf dem Kopf transportierend, verlassen. Manche von ihnen bitten Josef Weits vor ihrem Abschied noch zum Essen. Der schreibt in sein Tagebuch: „Die Stimme meines Gewissens schrie: Vertreibst du jetzt mit Gewalt diese Menschen, die jahrelang das Land bestellt haben?“ Er bringt die Stimme zum Schweigen, indem er sich sagt: „Mein Volk steht an erster Stelle.“ – „Er wusste, dass diese Wunde niemals heilen würde“, sagt einer der Enkelsöhne.

Bald aber verkaufen die Araber kein Land mehr an Juden, sie richten ihrerseits einen Fonds ein, der Geld für den Landkauf sammelt. Es beginnen die arabischen Aufstände, die Briten teilen das Land in zwei Teile, und Josef Weits versteht, dass es jetzt um die Grenzen des jüdischen Staats geht. Fieberhaft treibt er den Siedlungsbau voran.

Norma Productions
Josef Weits (2. v. l.) beim Landkauf in Palästina

Dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Mit dem Sieg über Hitler kommen die Nachrichten über den Holocaust, es kommen die Überlebenden. „Das Land Israel zu errichten, wird unsere Rache sein“, schreibt Weits. Der Unabhängigkeitskrieg zwischen Juden und Arabern bricht 1948 aus, die jüdische Armee erobert arabische Dörfer. Josef Weits: „Die Araber fliehen wie Mäuse.“ Michal Weits zeigt Aufnahmen von Kolonnen von Menschen, die das Land verlassen, sie zeigt Bilder aus den Flüchtlingslagern. 1949 leben 650.000 Juden in Israel und 156.000 Araber. Israel konfisziert das Land der Araber, Weits bereist die verlassenen Dörfer. Er sieht die  Gelegenheit, nennt sie ein Wunder. Ben Gurion schlägt er vor, die Dörfer zu zerstören oder Juden dort anzusiedeln, um die Rückkehr der Araber zu verhindern. Die Aufnahmen von Bulldozern, die die Gebäude zusammenschieben, sind bedrückend. „Es gibt da ein ernsthaftes moralisches Problem“, sagt Michal Weits im Gespräch mit ihren Onkeln. Einer lacht auf: Sie urteile von einem ganz anderen Standpunkt aus. Ihr Vater sagt: „Opa wollte sich um sein eigenes Volk kümmern.“ Dann bricht er das Gespräch ab.

„Wir dürfen diese Geschichte nicht länger verleugnen“

Als die Uno den Arabern das Recht auf Rückkehr zuspricht, verkauft Israel das Land an den Jüdischen Nationalfonds, der nicht der internationalen Gesetzgebung unterliegt. Weits bittet Ben Gurion, die Araber wenigstens mit Geld zu entschädigen, sonst werde die Feindschaft ewig währen. „Er hat die Zukunft vorausgesehen“, sagt seine Urenkelin.

Wenn sie heute durch Israel fährt, sieht sie das Land mit anderen Augen: Wo Feigenkaktusse wuchern, stand meist einst ein arabisches Dorf, die Ruinen am Straßenrand stammen nicht etwa aus alten Zeiten und sogar die Bäume, die ihr Urgroßvater pflanzen ließ, dienten auch dazu, eine Rückkehr in die Vergangenheit unmöglich zu machen. „Sie sind wie Soldaten, die Wache halten.“ Was all dies für die Gegenwart Israels bedeutet? „Wir dürfen diese Geschichte nicht länger verleugnen“, sagt Michal Weits. „Das ist der erste und größte Schritt, den wir tun müssen.“

Blue Box Regie: Michal Weits, 80 Min. Vorführungen: 15. Juni, 21 Uhr,  OmeU, Passage Kino/ 16. Juni, 17 Uhr, Jüdisches Theaterschiff MS Goldberg/ 17. Juni, 21 Uhr, OmdU, Filmmuseum Potsdam/ 18. Juni, 16 Uhr, Delphi Lux, OmdU. An den ersten drei Terminen gibt es nach dem Film ein Gespräch mit der Regisseurin Michal Weits