Die Geschichte von Cooper Raiff, der „Cha Cha Real Smooth“ inszeniert hat, werden Filmhochschüler einander noch lange mit verträumtem Blick auf Partys erzählen; oder ihren Eltern, die ob mangelnder Aussicht auf Erfolg ihren jungen Cineasten den Geldhahn zudrehen wollen.

Raiff war 20, als er einen 50-minütigen Film, den er in seinem College-Wohnheim gedreht hatte, bei YouTube hochlud und auf Twitter mit den Worten „Ich wette, du wirst nicht auf diesen Link klicken“ postete. Im Tweet markierte er den Filmemacher Jay Duplas, der die Wette gewinnen wollte und tatsächlich klickte. Was er sah, gefiel ihm. Duplas ermutigte Raiff, einen Langfilm aus der Geschichte zu machen und der nahm das Lob sogleich zum Anlass, das Studium zu schmeißen.

Vom Essenslieferanten zum gefeierten Jungregisseur

Fortan verdingte er sich als Essenslieferant für Uber und wuppte nebenbei sein Debüt: für nur 15.000 Dollar, die er von Freunden und Familie zusammensammelte. Das Ergebnis war „Shithouse“, ein Coming-of-Age-Film für die Generation TikTok, der das dringende Bedürfnis auslöst, seine Mitmenschen mal so richtig zu herzen, allen voran Cooper Raiff, der selbst die Hauptrolle des hochliebenswerten Außenseiters an der Uni spielt. „Shithouse“ gewann wichtige Festivalpreise und es dauerte nicht lange, bis Produzenten Interesse an dem nun 22-jährigen Filmemacher anmeldeten. Doch Raiff lehnte große Namen ab, bis sein Agent so richtig schwitzte. Endlich kamen zwei Menschen auf ihn zu, die ihm behagten: Ro Donnelly, ein ehemaliger Netflix-Produzent, und die Schauspielerin Dakota Johnson („Fifty Shades of Grey“). Die beiden hatten kürzlich eine Produktionsfirma gegründet und waren angefixt von Raiffs noch völlig unausgereifter Idee für seinen nächsten Film.

Eine Woche später schickte er den beiden das halbe Drehbuch und bald begann die Produktion mit Raiff und Johnson in den Hauptrollen. Der Autorenfilmer spielt hier wieder, was er kennt, diesmal den lieben Uni-Absolventen Andrew, der in einem Fastfood-Restaurant arbeitet und wieder bei seiner Mutter und ihrem neuen Mann wohnt, während er nach einem Job im sozialen Sektor sucht. Eines Abends begleitet er seinen jüngeren Bruder zu einer Bar Mitzvah, der Feier zur religiösen Mündigkeit, die im Judentum Mädchen mit zwölf und Jungs mit dreizehn Jahren erreichen. Dort trifft er Domino (Dakota Johnson) mit ihrer autistischen Tochter Lola (Vanessa Burghardt).

Andrew ist von der jungen Mutter sofort fasziniert, die älteren Mütter auf der Party wiederum von Andrew, dem es gelingt, noch die letzte Schnarchnase auf die Tanzfläche zu treiben und den Abend für alle zum Erfolg zu machen. Das spricht sich schnell rum in der jüdischen Mami-Community und nun wollen alle Andrew als Anheizer buchen – die kommenden Wochenenden sind Bar-Mitzvah-technisch längst ausgebucht. Andrew freut sich über das Geld und die Gelegenheit, Domino öfter zu sehen. Ein trauriges Ereignis schweißt die beiden bald zusammen, und auch zu Tochter Lola, die mit den meisten Menschen nicht viel anfangen kann, hat er einen besonderen Draht. Dass Domino verlobt ist, will er nicht recht ernst nehmen, was man ihm kaum verdenken kann, nachdem sie ihm schon bei der zweiten Begegnung auf den Schoß steigt.

Mit psychischer Gesundheit haben hier nur Frauen Probleme

Es gibt verschiedene Gründe, warum dem Werdegang des Filmemachers in diesem Text so viel Raum gewidmet wird. Erstens: Er ist spannend und gibt Aufschluss zu seinem Werk. Zweitens: Er ist interessanter als „Cha Cha Real Smooth“. Cooper Raiff geht zwar komplexe Themen an: Domino kämpft mit Depressionen, ihre Tochter ist wie gesagt autistisch, Andrews Mutter bipolar. Dass der Film diese Umstände nicht übermäßig problematisiert, kann man ihm als Erfolg gegen Stigmatisierung anrechnen oder als verharmlosend kritisieren – was allerdings in jedem Fall nervt, ist, dass hier ausschließlich Frauen mit derartigen Diagnosen zu kämpfen haben und nur der herzensgute Jungmann ihnen das gebeutelte Gemüt aufzuhellen vermag. Man muss hier freilich keine böse Absicht unterstellen und die augenscheinliche Unbedarftheit des Filmemachers trägt in vielen Szenen auch zum unbestreitbaren Charme des Films bei, vor allem, wenn es um die typischen Coming-of-Age-Themen geht.

Nachdem „Cha Cha Real Smooth“ dieses Jahr beim Sundance-Festival den Publikumspreis gewann, kaufte ihn Apple für 15 Millionen Euro für die firmeneigene Streaming-Plattform ein, vielleicht in der Hoffnung, damit an den Erfolg von „Coda“ anknüpfen zu können, der in einem ähnlichen Ton erzählt ist und als erste Streaming-Produktion aller Zeiten den Oscar für den besten Film gewann. Das wird Raiff Cooper mit seinem zweiten Film eher nicht gelingen. Aber er ist ja noch jung.

Wertung: 3 von 5 Punkten

Cha Cha Real Smooth, Spielfilm, 107 Minuten, Apple TV+