Berlin - Der Schauspieler Daniel Brühl (43) hat zum ersten Mal Regie geführt und ist mit seinem Berlin-Film „Nebenan“ gleich im Wettbewerb der Berlinale gelandet. Neben Peter Kurth ist er zudem einer der beiden Hauptdarsteller, ein erfolgreicher Filmstar namens Daniel, der in einer tollen Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg lebt und einen unheimlichen Nachbarn hat. Bruno, ein abgehängter Ostler, wie es scheint. Wir treffen uns auf der Terrasse des Hotel de Rome – mit passendem Blick über Berlin.

Berliner Zeitung: Herr Brühl, Sie sind mit Ihrem Regiedebüt gleich im Berlinale-Wettbewerb gelandet. Gratuliere. Sind Sie von jetzt an beides, Regisseur und Schauspieler?

Daniel Brühl: Man wird sehen. Regie zu führen, war jedenfalls die bereicherndste berufliche Erfahrung bisher. Verantwortlich zu sein für jeden einzelnen Schritt, das ist irrsinnig anstrengend und irrsinnig befriedigend. Nachdem das also nicht traumatisch war, würde ich nicht ausschließen, es noch mal anzugehen. Es wird wieder eine Zusammenarbeit mit Daniel Kehlmann geben.

Es gibt schon das nächste Projekt?

Es ist noch zu früh, um darüber zu reden. Aber wir hatten so viel Spaß an der gemeinsamen Arbeit, dass wir das gern noch mal machen würden. Und den Wunsch, mal Kapitän auf dem Schiff zu sein, gab es schon länger. Ich habe nur immer nach einer Idee gesucht, und ich wusste, dass man gerade beim ersten Film darauf achten sollte, dass man eine persönliche Geschichte findet. Aus einer Welt, in der man sich sehr gut auskennt.

Und mit sich selbst kennen Sie sich ja sehr gut aus.

Dass ich die Hauptrolle spiele, die auch noch Daniel heißt, soll nicht als Eitelkeit oder Größenwahn wahrgenommen werden. Ich wusste einfach, dass ich das Thema Gentrifizierung so am besten erzählen kann. Weil es um eine Person geht, die eine wunderbare Angriffsfläche bietet, für jemanden wie Daniels Nachbarn Bruno. Daniel steht in der Öffentlichkeit, bei ihm ist vermeintlich alles perfekt. Was passiert, wenn der auf so jemanden wie Bruno trifft, der ihn auseinandernimmt wie eine Zwiebel, Schicht für Schicht, sodass am Ende wenig von diesem Gockel bleibt – das hat uns interessiert.

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Zur Person

Daniel César Martín Brühl González wurde 1978 in Barcelona geboren, er wuchs in Köln auf. Mit 16 spielte er in einem Fernsehfilm mit, 2003 wurde er durch seine Rolle des Alexander Kerner in „Good Bye, Lenin“ international bekannt. In Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ spielte er einen Nazi-Kriegshelden, 2016 war er in „The First Avenger: Civil War“ in der Rolle des Helmut Zemo zu sehen. Auch in der Disney+-Serie „The Falcon and the Winter Soldier“ spielt er Zemo.
„Nebenan“ ist Daniel Brühls Regiedebüt. Der Film startet am 15. Juli in den deutschen Kinos.

Sie heißen ja nicht nur in Wirklichkeit Daniel, Sie leben auch wirklich im Prenzlauer Berg, wo der Film spielt. Gibt es da noch mehr biografische Anknüpfungspunkte?

Ja, klar. Ich liebe es, mich über mich selbst lustig zu machen. Ich wollte das aufs Korn nehmen, all diese delikaten, pikanten Fragen, die man mir selbst auch stellen könnte, als jemand, der sehr privilegiert lebt und für den es gut gelaufen ist im Leben.

Sind Ihnen solche Fragen in der Realität mal gestellt worden?

Sicher. Zum Teil sind Sätze in den Film eingeflossen, die so gefallen sind.

dpa/Jens Kalaene
Der Schauspieler Peter Kurth (l.) und Daniel Brühl bei der Premiere von „Nebenan“ im Berlinale-Freiluftkino auf der Museumsinsel.

Nämlich?

„Sie sind nicht derjenige, der sich was erspielt.“ Also als Schauspieler. Das habe ich mal auf einer Party gehört, die ich dann schnell verlassen habe.

Und was die Gentrifizierung angeht?

Das begleitet mich, seit ich mit Anfang 20 aus Köln weggezogen bin. Ich hatte das Glück, dass es für mich beruflich früh sehr gut losging. Das erlaubte mir, besser leben zu können als mein Umfeld. Die Wohnung im Prenzlauer Berg, wo ich unbedingt hin wollte, konnte ich mir dann halt auch leisten. Und es ist immer noch ein großartiges Viertel. Deshalb bin ich aus dem Prenzlauer Berg auch nie rausgekommen. Ich bin zwar dreimal umgezogen, aber in einem Umkreis von 200 Metern. Auch in Barcelona, was ja meine zweite Heimat ist, bin ich in eines der Viertel gezogen, wo jeder leben will.

Leben Sie wirklich mit einem schlechten Gewissen im Prenzlauer Berg?

Nicht immer. Das hat sich nach über 20 Jahren gelegt. Aber es gibt immer noch Situationen, in denen es mich beschäftigt. Ich habe drei Nachbarn aus dem Osten in meinem Haus, die mich anders als Bruno aber mögen, glaube ich. Da herrscht ein herzliches Miteinander. Ich spüre trotzdem, dass ich woanders her bin.

Aber es gibt ja einen Unterschied zwischen Woanders-her-Sein und Sich-unwohl-Fühlen.

Ich weiß, dass ich nicht schuld bin, aber ich sehe mich schon als Teil dieses Gentrifizierungsprozesses. Zum Glück habe ich eine Erziehung genossen, durch die ich mir solcher Dinge bewusst bin. Ein politisch-soziales Bewusstsein haben mir meine Eltern schon mitgegeben. Es ist ganz wichtig, dass man sich seines Privilegiertseins gewahr ist. Ich kommuniziere das auch ehrlich. Zum Beispiel bei der Eröffnung meiner Tapas-Bar in Kreuzberg, wo es anfangs ein bisschen Gegenwind gab. Da gab es Graffitis: Good-bye, Daniel. Und: Deine fetten Jahre sind vorbei. Ich habe dann das Gespräch gesucht mit den Leuten, die meinten, ich will da einen Schickimicki-Laden aufmachen.

Sie haben ja den Vergleich zwischen Berlin und Barcelona, wie fällt der aus?

Es gibt in beiden Städten Ecken, in denen es der Gentrifizierungsprozess noch nicht geschafft hat, die DNA des Viertels zu brechen und zu verändern. Wo es noch ein Miteinander von unterschiedlichen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten gibt. In London oder New York würde so jemand, wie ich ihn spiele, gar keine Nachbarn anderer Couleur haben. Der Film ist eine Bestandsaufnahme von Berlin. Wer weiß, ob es in fünf Jahren auch noch so ist.

Ist das der Lauf der Welt, dieser Prozess?

Dieser völlig entfesselte Kapitalismus und Neoliberalismus? Damit ist in den USA und England ganz anders umgegangen worden. New York hat nichts mehr mit dem New York der Achtziger zu tun. London, wo ich häufig bin, ist absolut durchgentrifiziert. Man muss wahnsinnige Summen besitzen, um dort im Zentrum leben zu können. In Berlin ist der Prozess zum Glück langsamer, und es gibt immer wieder Versuche, das zu unterbinden. Für Berlin wäre die Durchgentrifizierung ein großes Problem, denn es lebt von dem Edge, dem anarchistisch-subversiven Element, auch in kultureller Hinsicht. New York hat noch die Wolkenkratzer und andere Highlights, und London wird immer eine wunderschöne Stadt sein. Berlin ist eine Perle auf den zweiten Blick.

Gibt es noch so eine Eckkneipe in Ihrer Nachbarschaft, wie die in dem Film?

Ja, auch wenn einige verschwunden sind. Ich bin da auch hier und da mal reingegangen. Zum Fußballgucken. Ich finde das spannend, wenn man da so eine Echtheit spürt.

dpa
Peter Kurth (l.) und Daniel Brühl in einer Szene aus „Nebenan“.

Die irre Wohnung aus Beton, in der Sie gedreht haben, ist ja ein Extrembeispiel der Gentrifizierung. Gibt es die wirklich?

Die gibt es wirklich. Ich konnte gar nicht glauben, dass es die gibt. Ich lebe wirklich in einer schönen Wohnung, aber es ist nicht diese Ansage.

Zu der Gentrifizierungsdebatte kommt ja in Berlin das Ost-West-Ding, das ist auch Thema Ihres Films. Bruno ist dieser vom Leben gebeutelte Ostler, der den Film-Daniel observiert, als habe er das bei der Stasi gelernt.

Mit all diesen Elementen wollten Kehlmann und ich spielen. Dass der Humor bösartig und dunkel wird, und der Film solche Thriller-Elemente bekommt. Ost-West ist etwas, das mich seit „Good Bye, Lenin!“ beschäftigt. Ich war damals komplett grün hinter den Ohren. Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema des Films und die Zusammenarbeit mit Katrin Sass und all den anderen Schauspielern aus dem Osten habe ich als Westdeutscher ein neues Land entdeckt. Ein komplett anderes Land. Ich war mit Biografien konfrontiert, die einfach so anders waren als meine eigene.

In welcher Hinsicht?

Die Schule, das Aufwachsen, der Kindergarten, die Reisebeschränkungen, das Essen, die Musik – alles. Die Kontraste sind ja immer noch da. Dass das eine einseitige Übernahme des Ostens durch den Westen war, hat man mittlerweile auch verstanden. Und dass es viele Leute gibt, die sich abgehängt fühlen. Ich kann das in Prenzlauer Berg auch ständig beobachten. Mal sehen, wie lange noch.