Müde Mutanten: Warum David Cronenbergs neuer Film eine Enttäuschung ist

Der Regisseur ist zu seinen Bodyhorror-Wurzeln zurückgekehrt: „Crimes of the Future“ kommt leider so gemächlich wie aus der Zeit gefallen daher.

Sinister und irgendwie auch nicht so richtig überzeugend: Viggo Mortensen als Saul Tenser in David Cronenbergs Tumor-Schwarte „Crimes of the Future“.
Sinister und irgendwie auch nicht so richtig überzeugend: Viggo Mortensen als Saul Tenser in David Cronenbergs Tumor-Schwarte „Crimes of the Future“.Weltkino

Die Erwartungen waren riesig, als David Cronenberg im Frühjahr 2022 seinen neuen Film „Crimes of the Future“ bei den Filmfestspielen in Cannes präsentierte. Stehende Ovationen ließen hoffen, dass der Meister des Bodyhorrors nach recht mediokren Ausflügen ins Mainstreamkino („A Histroy of Violence“, „Maps to the Stars“) endlich wieder zurückfand zu alter Form und seinem ureigenen Themenkanon – der Deformation des menschlichen Körpers und seinem Neuarrangement als bizarr-erotisches und funktionales Vehikel in einer dystopischen Zukunft.

David Cronenberg konnte es selbst kaum glauben und fragte nach der Vorführung, ob die Standing Ovations ernst gemeint seien. Er hatte doch noch kurz zuvor prognostiziert, dass die Zuschauer das Kino schon nach den ersten Minuten verlassen würden. Dass sie das nicht taten, heißt aber noch lange nicht, dass der Beifall sich auf Cronenbergs aktuellen Film bezog. Vielleicht würdigten sie bereits das Lebenswerk des kanadischen Ausnahmeregisseurs. Oder waren einfach Ausdruck der Freude darüber, dass der Film vorbei war. Denn „Crimes of the Future“ ist ein seltsam zäher Film, so matt wie ermattend.

Niemand ist mehr Herr über seine eigene Hülle

In einer zeitlich nicht näher definierten Zukunft durchläuft die Menschheit hier eine Art beschleunigte Evolution, das sogenannte Accelarated Evolution Syndrome, das verschiedene körperliche und mentale Veränderungen zur Folge hat. Hauptsächlich sind dies Mutationen, mit denen die einen besser, die anderen weniger gut zurechtkommen. Das Ganze spielt in einer an die leeren und postapokalyptischen Landschaften J.G. Ballards erinnernden Umgebung, in einer kaputten Stadt am Meer, in deren Bucht havarierte Kreuzfahrtschiffe liegen.

„Crimes of the Future“ beginnt vielversprechend, mit einer recht verstörenden Szene in eben jener Bucht, in der ein Kind spielt, das sich von Plastik ernährt, was in der Zukunft sicherlich von Vorteil ist. Doch der erste Eindruck trügt, fortan erzählt der Film in allzu gemächlichem Tempo die zerfranste Geschichte des Künstlers Saul Tenser (Viggo Mortensen) und seiner Freundin Caprice (Léa Seydoux), die die Metamorphosen Tensers in Performances verarbeiten. Das Paar wird von zwei Parteien verfolgt: Zum einen von der Beamtin eines nationalen Organ-Archivs, Timlin (Kristen Stewart), und zum anderen von einer Art Guerilla-Bewegung, die versucht, aus den Mutationen Tensers Erkenntnisse über die evolutionäre Zukunft der Menschheit zu ziehen.

Also alles wie gehabt im Cronenberg’schen Kosmos, der Regisseur bedient sich wie auch zuletzt beim famosen „eXistenZ“ (1999 mit Jennifer Jason Leigh und Jude Law) des Bodyhorrors als Mittel zur mal mehr, mal weniger subtilen Gesellschafts- und Technologiekritik. Organe mutieren, Menschen ohne Augen haben 20 Ohren und niemand ist mehr Herr über seine eigene Hülle.

Bot „eXistenZ“ noch einen satirischen und zugleich verstörenden Ausblick auf die Zukunft der Gaming-Industrie und die Möglichkeiten des menschlichen Körpers als Schnittstelle zwischen Spiel und Spieler, so wirkt „Crimes of the Future“ seltsam kraftlos. Gar altbacken und mitunter unfreiwillig komisch, wenn der von seinen Tumoren und Mutationen gepeinigte Saul Tenser von einer Art Rüttelstuhl ungelenk hin und her geschaukelt wird, um die Nahrungsaufnahme zu erleichtern. Das gezimmerte Set wirkt in Zeiten der Digitalisierung fast nostalgisch, ist schlecht ausgeleuchtet und kommt somit ein wenig albern daher. Ein Umstand, der auch schon Cronenbergs Adaption von William S. Burroughs „Naked Lunch“ ruiniert hat. Das war allerdings vor über 30 Jahren und die Filmtechnik noch längst nicht so fortgeschritten.

So schleppt man sich durch „Crimes of the Future“, zähe anderthalb Stunden voll müder Mutationen, ein paar ganz netten Schockmomenten und einem Plot, der auch nicht so richtig rundläuft. An diesem Film wird deutlich, dass Cronenbergs Sohn Brandon seinem Vater im selben Genre längst den Rang abgelaufen hat. Dessen fantastisches Debüt „Antiviral“ setzte 2012 da an, wo David Cronenberg Ende der 90er aufhörte: bei der Frage, was wir unseren Körpern abringen können, um uns auf ein immer bizarrer werdendes Leben vorzubereiten. Brandon Cronenberg beantwortete diese Frage mit einem so kalten wie schrecklich distanzierten Film, der das Spätwerk des Vaters dagegen komplett aus der Zeit gefallen wirken lässt. „Crimes of the Future“ ist eine Enttäuschung.

„Crimes of the Future“, Spielfilm, 108 Minuten, ab 10. November im Kino