Die große Party zum 75-jährigen Jubiläum der Deutschen Film AG, kurz Defa, in Potsdam-Babelsberg musste zwar ausfallen, aber die ARD-Mediathek bietet anlässlich dieses Datums eine großzügige Werkschau mit ausgewählten Filmen.

Wer ihn noch nicht kennt, sollte sich in der Rubrik „Filme aus dem Panzerschrank“ unbedingt „Spur der Steine“ anschauen, bei dem Frank Beyer Regie führte. Manfred Krug spielt darin einen Revoluzzer in der Gestalt eines Baubrigadiers, und er ist dabei so sexy, so körperlich und cool, dass es einen umwirft. Drei Tage nur lief der Film 1966 im Kino, bevor er bis 1989 im „Giftschrank“ verschwand.

Eine Empfehlung ist auch „Berlin, Ecke Schönhauser“. Das Drehbuch schrieb Wolfgang Kohlhaase, man merkt es an den Dialogen. Gedreht wurde im Jahr 1956 – ohne Genehmigung, Ende August 1957 war Uraufführung im Berliner Kino Babylon. Es sind vorlaute und doch verunsicherte Halbstarke, die sich an dieser Berliner Kreuzung unter der U-Bahnbrücke treffen, zerrissen zwischen den neuen sozialistischen Idealen und der verlockenden Konsumwelt West-Berlins. Ekkehard Schall spielt einen Jungen namens Dieter. „Warum kann ich nicht leben, wie ich will, warum habt ihr lauter fertige Vorschriften? Wenn ich an der Ecke stehe, bin ich halbstark, wenn ich Boogie tanze, bin ich amerikanisch. Wenn ich das Hemd über der Hose trage, ist das politisch falsch.“ Dieser Film wurde in der DDR fast verboten, in der BRD ganz. Der „Interministerielle Ausschuss für Ost-West-Filmfragen“ stellte sich gegen die Aufführung des Films in der Bundesrepublik. Der Grund, möglicherweise: die Darstellung eines Notaufnahmelagers für Flüchtlinge in West-Berlin, in dem ein Jugendlicher stirbt.

Dann „Sterne“ (1959), die Geschichte eines deutschen Unteroffiziers, der während des Zweiten Weltkrieges in Bulgarien stationiert ist und sich dort, in einem Durchgangslager, in eine griechisch-jüdische Lehrerin verliebt. Als sie nach Auschwitz geschickt wird, kann er sie nicht retten. „Sterne“ gilt als einer der ersten deutschen Filme, die den Holocaust thematisieren. Das Exposé schrieb der bulgarische Autor Angel Wagenstein, Regie führte Konrad Wolf. Und auch hier ist die Geschichte hinter dem Film beachtenswert. Bulgarien lehnte den Film ab, doch dann wurde „Sterne“ zum Festival nach Cannes eingeladen. Frankreich hatte aber die DDR zu dem Zeitpunkt noch nicht diplomatisch anerkannt, das geschah erst 1973. Also musste Bulgarien den Film einreichen. Die internationale Presse feierte ihn, er bekam den Preis der Jury und durfte dann doch noch in Bulgarien gezeigt werden.

Und, ja, es laufen auch Goijko-Mitic-Filme: „Ulzana“, „Apachen“ oder „Chingachgook, die große Schlange“ und Märchenfilme wie „Dornröschen“ oder „Die Geschichte vom kleinen Muck“ aus dem Jahr 1953 – und natürlich Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula“.

Mit Blick auf die aktuelle Pandemie-Lage beginnen die Defa-Stiftung und der Filmpark Babelsberg derzeit vorsichtig mit den Planungen für einen Familientag für frühere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Defa-Betriebe am 3. September 2021 im Filmpark. Interessierte können unter familientag@defa-stiftung.de oder per Post (Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin) Kontakt aufnehmen.

Sämtliche Filme unter diesem Link: www.ardmediathek.de/defa_fuenfundsiebzig/  Das Zeughauskino zeigt zudem eine Auswahl von sieben besonders bemerkenswerten DDR-Genrefilmen sowie eine Dokumentation als kostenlose Online-Retrospektive.