„Heimatkunde unterstützt den Prozess der Identitätsbildung“, liest ein Teilnehmer aus dem Programm im Arbeitskreis Bildung der AfD. Im zustimmendem Gemurmel unterbricht Götz Frömming sich selbst: „Wobei, das ist gefährlich“, sagt er. „Deutsche sind die ja schon. Wenn wir vom Schaffen der Identität sprechen, dann können die Schlaumeier sagen, wir schaffen eine neue multikulturelle Identität.“ Das ist ein typischer Moment aus dem Dokumentarfilm „Volksvertreter“. Der Berliner Filmemacher Andreas Wilcke lässt einen dabei zugucken, wie die AfD versucht, sich im politischen Geschäft mit all seinen Fallstricken zurechtzufinden.

Götz Frömming, einst Lehrer, ist einer der vier Bundestagsabgeordneten, die Andreas Wilcke („Die Stadt als Beute“) drei Jahre lang begleitet hat. Er ist schon dabei, als sie kurz nach der Bundestagswahl im Jahr 2017 ihre Hausausweise beim Portier des Abgeordnetenhauses in Berlin besorgen und ihre Räume beziehen. Frömming reißt das Fenster in seinem noch kahlen Büro auf: „Erst mal den Mief der Jahrhunderte herauslassen“, sagt er. Ob ihm bewusst ist, dass er da mit einem Slogan der Studentenbewegung spielt? „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ bezog sich allerdings kritisch auf die Nazi-Zeit und deren 1000-jähriges Reich.

Andreas Wilcke darf den AfDlern beim Verfassen von Reden zuhören, beim Ringen um den richtigen Begriff, dabei, wie sie die Reden proben, den Faden verlieren, neu ansetzen, wie sie die sozialen Medien bedienen, wie sie Wirkung zu erzielen versuchen. „Können Sie von mir mal ein Foto machen“, bittet Frömming einen Anhänger beim „Neuen Hambacher Fest“ im Mai 2018. „Ich muss jetzt immer twittern.“ 120 Drehtage stecken in diesem Film. Der Filmemacher ist zu mehr als 40 Stammtischen und Bürgerdialogen gefahren.

„Politik ist Theater“, erklärt der frisch gewählte Bundestagsabgeordnete Norbert Kleinwächter frisch gewählten Kreistagsabgeordneten in Falkenberg, Brandenburg. Bei Reden zähle der Inhalt nur mit zwei Prozent. Wichtiger sei, wie etwas gesagt werde. Und Wilckes Kamera läuft und läuft. In „Eine deutsche Partei“, dem AfD-Film von Simon Brückner, der auf der Berlinale Premiere hatte, äußert auch mal jemand ein Problem mit den Aufnahmen. Bei Wilcke verhalten sich alle so, als sei der Filmemacher gar nicht zugegen. Oder er hat entsprechende Szenen nicht in den Film aufgenommen.

Man fragt sich, warum die vier Andreas Wilcke derart nah haben herankommen lassen. Vielleicht war die  Partei nach der Bundestagswahl im Siegesrausch. Unglaubliche 13 Prozent erzielte die AfD damals. Und bald stiegen sie in den Umfragen auf 18, 19 Prozent. In so einer Situation ist man wohl großzügig und fühlt sich vor allem unverletzlich.

Wilcke filmt, als der damalige außenpolitische Sprecher Armin-Paul Hampel in einem Flüchtlingslager nach Leuten sucht, die sagen, dass sie nach Deutschland wollen. Das sind längst nicht alle, auch wenn Hampel es später so darstellen wird. Hampel ist der einzige der vier, der heute nicht mehr im Bundestag sitzt. Wilckes Kamera läuft, als einer beim Bürgerdialog in Herzberg die AfDler als Nazis bezeichnet, und es ganz positiv meint. Kleinwächter fordert ihn auf, den Saal zu verlassen. Es ist eines der wenigen Beispiele für die Zerreißproben, mit denen diese Partei zu kämpfen hat.

Leute wie Höcke und Gauland, die im Fokus der medialen Berichterstattung über die AfD stehen, kommen bei Wilcke nur nebenbei vor. AfD-Anhänger werden an der Art, wie der Film ihre Partei darstellt, nicht unbedingt etwas Schlechtes finden. Weil Andreas Wilcke nicht kommentiert, sondern beobachtet, hängt die Wahrnehmung des Films stark von der eigenen Perspektive ab.

Kritiker werden jedoch genug Entlarvendes finden, genug, was diese Partei demontiert. Und vielleicht wird sich auch mancher Sympathisant von der Eitelkeit dieser Volksvertreter abgestoßen fühlen. Vor allem ist dieser Film eine Studie über die übergroße Bedeutung der Außenwirkung in der Politik. Dazu, dass es weniger um den Inhalt geht, als um die Darstellung, das Wording. Wie man weiß, trifft das nicht nur auf die AfD zu.

Volksvertreter Deutschland 2022, Dokumentarfilm, Regie: Andreas Wilcke, 94 Minuten. Am 27. Mai hat der Film um 19.30 Uhr im Kino Babylon Mitte in Anwesenheit des Regisseurs Premiere.