Der Schöpfer von „Solo Sunny“: Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ist gestorben

Das Kino verdankt ihm prägende Defa-Filme wie „Berlin – Ecke Schönhauser“ oder „Ich war neunzehn“. Nun ist Wolfgang Kohlhaase mit 91 Jahren gestorben.

Wolfgang Kohlhaase (1931–2022) bei einem Gespräch in seinem Garten im vergangenen Jahr
Wolfgang Kohlhaase (1931–2022) bei einem Gespräch in seinem Garten im vergangenen Jahrdpa

Die Frau ist zu laut, um überhört zu werden. Sunny schließt die Türen hinter sich nicht vorsichtig. Sie singt nicht weiter, wenn ihr Publikum dabei die Soße vom Teller kratzt. Und sie will unbedingte Liebe, ohne Vorbehalt und Lüge. Fast jeder, der sich für Kino interessiert, kennt Sunny, und wer sie bislang nicht kennt, der hat tatsächlich etwas versäumt. Sunny ist die starke, verletzliche, bis an die Schmerzgrenze aufrichtige Antiheldin aus Konrad Wolfs Defa-Film „Solo Sunny“. Und sie ist ein Geschöpf von Wolfgang Kohlhaase.

Ohne diesen Mann würde sie nicht existieren; er hat sie geschaffen mit der Kraft seiner Worte, aus der Fülle seiner Erfahrung. Sunny ist vielleicht die schönste, kraftvollste Figur dieses großen Drehbuchautors: kein Spatz von Paris, aber von Ost-Berlin, zu Hause in einer Hinterhofwohnung im Prenzlauer Berg, unter deren Fenstern die S-Bahn vorbeirattert; eine Sängerin mit Kodderschnauze, aber auch von großer Ernsthaftigkeit, sogar mit Ambitionen. Was nur bedeutet, dass sich diese Frau ernst nimmt als Mensch, dass sie weiß, was sie kann und will.

Lebensklugheit, Lakonie, Witz in den Geschichten

Dass Sunny ewig leben wird, ist ein Trost jetzt, da ihr Schöpfer gegangen ist. Am Mittwoch, dem 5. Oktober starb Wolfgang Kohlhaase, wie die Akademie der Künste mitteilte, deren Mitglied er seit 1972 war. Das ist ein großer Verlust für die Filmbranche und Deutschland als Ganzes, auch wenn der Tod für einen Künstler relativ ist; immer wieder weist dieser ja über das Letztgültige hinaus mit dem, was er schafft. Und Wolfgang Kohlhaase gelang hier ein Paradox: Er wies mit seinen Geschichten aus dem kleinen Leben über eben diesen Alltag hinaus, der das Leben doch im Würgegriff zu haben scheint. Wirklichkeitsnähe – das ist es, was seine Figuren und Geschichten auszeichnet. Lebensklugheit, Lakonie, Witz. Sätze wie der, den Sunny eines Morgens einem Mann für nur eine Nacht an den Kopf wirft: „Is ohne Frühstück!“ Sprich: Hau endlich ab.

Das Drehbuch sei das Notieren einer Geschichte zum Zwecke ihrer Verfilmung, definierte Wolfgang Kohlhaase einmal. Er verstand sich als Filmautor; vom Autorenkino soll er nicht viel gehalten haben. Vielleicht störte er sich auch nur am Begriff, denn was er schuf in der DDR in der Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Gerhard Klein, Frank Beyer oder Konrad Wolf – das war Autorenkino. Eine Liebe zum Neorealismus und Berliner Humor wurden Kohlhaase des Öfteren bescheinigt, der am 13. März 1931 in Berlin-Adlershof als Sohn eines Maschinenschlossers geboren wurde und die Welt der kleinen Leute und ihrer großen Glückssuche in den Hinterhöfen des Lebens gut kannte.

Die Grundübung der „Denkbeschränkung“, so seine Worte, absolvierte Kohlhaase unter Hitler beim Deutschen Jungvolk, als er marschieren lernte. Bereits während der Schulzeit begann er zu schreiben und wurde 1947 Volontär und Redakteur bei der Jugendzeitschrift Start, dann Mitarbeiter der FDJ-Zeitung Junge Welt. Zum Film gelangte er eher zufällig und aus Neugier. Von 1950 bis 1952 arbeitete er als Dramaturgie-Assistent bei der Defa in Potsdam-Babelsberg. Seit 1952, also sehr zeitig, war Kohlhaase freischaffender Drehbuchautor und Schriftsteller. Er zählte zu den wenigen DDR-Künstlern, die auch nach dem Mauerfall von 1989 und nach der Wiedervereinigung noch die verdiente Anerkennung erfuhren.

„Solo Sunny“ bekam bei der Berlinale 1981 in West-Berlin den Goldenen Bären

Das lag wohl kaum daran, dass er als Drehbuchautor an einigen der besten Defa-Filme mitgewirkt hatte wie „Berlin – Ecke Schönhauser“ oder „Ich war neunzehn“. Beispiele anderer, nicht weniger bedeutender DDR-Künstler zeigen,  wie aggressiv dieses Erbe nur zu oft missachtet wurde, als Folge eines Generalverdachts: „Kommunisten“ könnten keine Kunst schaffen. Gewiss, „Solo Sunny“ wurde bei der Berlinale 1981 in West-Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Doch dass im Fall Kohlhaase der Anschluss auch beruflich gelang, hing wesentlich damit zusammen, dass dieser Autor lange vor dem Mauerfall exzellent vernetzt war im Westen. 1985 etwa schrieb er gemeinsam mit dem Regisseur Bernhard Wickie das Drehbuch zu „Die Grünstein-Variante“.

Und es hatte wohl mit zwei anderen Regisseuren zu tun. Mit der bundesdeutschen Regielegende Volker Schlöndorff arbeitete Wolfgang Kohlhaase lange an dem Drama „Die Stille nach dem Schuss“ über das Exil einer RAF-Terroristin in der DDR. Und er schrieb Filme für Andreas Dresen, der nun einerseits als Vollender humanistischer Defa-Traditionen und andererseits – hier ähnlich dem Maler Neo Rauch – als Repräsentant einer neuen, unbelasteten Generation Ost galt. Beide, Dresen und Kohlhaase, verband eine ähnliche Sicht auf die Menschen, auf Freundschaft und Partnerschaft. Der Begriff „Christenkommunisten“ fiel mitunter ebenso ironisch wie anerkennend in Kritikerrunden – und meinte den nunmehr utopisch wirkenden Glauben an das Verbindliche, Solidarische im Zwischenmenschlichen.

Preise und Ehrungen regnete es das ganze Leben lang für Wolfgang Kohlhaase, solche, die inzwischen vergessen sind, wie der Nationalpreis der DDR, und solche, die immer noch verliehen werden, wie das Bundesverdienstkreuz oder der Ernst-Lubitsch-Preis. 2011 erhielt er von der Deutschen Filmakademie die Lola für sein Lebenswerk. Selbst seine Dankesrede dafür enthielt noch Musterbeispiele an Esprit: „Ich bin nicht nur erfreut, sondern auch ermutigt. Und das braucht man in jedem Alter.“ Man hätte ihm noch mehr gewünscht, vom Alter. Den Mut hatte er ja schon.

Seine Lebenszeit in der DDR sah Wolfgang Kohlhaase indes mit einer Milde, die an Dankbarkeit grenzt. Nie ließ er sich dazu überreden, das Experiment Sozialismus im Nachhinein zu verurteilen. Auch hier blieb er vorbehaltlich, überaus vorsichtig mit den Formulierungen in seinem Resümee, vielleicht auch nur treu dem eigenen Lebensmotto „Wer weeß, wofür et jut is“. Dass er an einem Denkversuch beteiligt gewesen war, so sah er die DDR nach deren Untergang: an einem Versuch, die Zeit seiner Kindheit, die Nazizeit, das Leben seiner Eltern als Vorgeschichte seines eigenen Lebens mit einem sehr kritischen Blick zu sehen, und mit dem Wunsch, man könne zu den Erinnerungen und vielleicht auch zu bestimmten Veränderungen beitragen.

Lange sah Kohlhaase die DDR als großes Abenteuer

Diese Hoffnung erhielt sich bei ihm über den Mauerbau vom August 1961 hinaus, den er eigener Auskunft zufolge nicht als gravierenden Einschnitt erlebte. Sie muss nach dem 11. Plenum der SED im November 1965 aber sehr viel geringer geworden sein, als in der Kulturpolitik eine neue Eiszeit anbrach: Romane, Theaterstücke und auch Filme wurden verboten, von den Letzteren mehr als die halbe Jahresproduktion. Auch das Filmprojekt „Berlin um die Ecke“ wanderte 1965 in den Tresor. Kohlhaase blieb nicht mehr ganz so identifiziert mit dem Versuch einer Alternative zur bisherigen deutschen Geschichte und suchte ein neues Arbeitsfeld als Novellist. Lange hatte er die DDR eigenen Worten zufolge als großes Abenteuer betrachtet; nun ging es um die kleineren Schritte im winzigen Land der „ärmeren Sieger“. Die Geschichten gingen ihm nicht verloren, wohl aber einige Möglichkeiten, sie auf bestimmte Art öffentlich zu erzählen.

Bis zum Ende war er mit der Tänzerin und Choreografin Emöke Pöstenyi verheiratet. Es gäbe noch so viel zu sagen. Etwa, dass man in der Begegnung mit ihm nicht den Eindruck gewann, diesem Mann wirklich nahekommen zu können. Kohlhaase war kein Kumpeltyp. Er wahrte Abstand, ließ Vorsicht walten, tarierte die Zwischentöne gründlich aus, revidierte auch Gesagtes als Missverstandenes – im Bewusstsein für das feine Sensorium der Sprache. Er wollte sich nicht einspannen lassen, weder von den Siegern der Geschichte noch von den sogenannten Verlierern. Verloren haben wir nun alle – eine bedeutende gesamtdeutsche Stimme.