Dieser Berliner Mädchenbande möchte man nicht in der U-Bahn begegnen. Die vier sind laut, sie legen ihre Schuhe auf die Sitze, lassen Musik aus ihren Handys laufen. Jazz (Jeanne Goursaud) verdient ihr Geld mit Tabledancing, Fanta (Jobel Mokonzi) geht noch zur Schule und hilft ihrer Mutter manchmal beim Putzen oder wenn es darum geht, ob sie die Elektrizitätsrechnung wirklich sofort bezahlen müssen oder noch warten können, bevor ihnen der Strom abgestellt wird. Rasaq (Roxana Samadi) ist Zahnarzthelferin, sie wohnt bei den Eltern, wie auch Hajra (Soma Pysall). Nur dass sie gleich zu Beginn der sechsteiligen Serie ausrastet, einem Späti-Besitzer die zuvor geklaute Flasche Wodka an den Kopf wirft und im Jugendknast landet. Alles Stoff für ein Sozialdrama, aber das ist nicht Özgür Yildirims Ding.

Sein Ding ist es, die Geschichte aus den Augen seiner Protagonistinnen zu erzählen. So war es auch in der Serie „4 Blocks“, die er ab der zweiten Staffel inszeniert hat. Nun ist das „4 Blocks“-Erfolgsteam – Yildrim sowie Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf, von denen das Konzept kommt – von Neukölln nach Wedding gewechselt. „Es gibt genug Beispiele, in denen Filmemacher die Perspektive der Zuschauer einnehmen und auf eine Welt herunterschauen“, sagt Özgür Yildirim. Der herablassende Blick von oben und außen interessiert ihn nicht. Abgesehen davon, dass er überzeugt ist, dass dieser keine authentischen Bilder hervorbringt. Özgür Yildirim kennt die Innenperspektive vom Blick aus seinem Fenster, dort, wo er aufgewachsen ist, im armen, migrantisch geprägten Stadtteil Hamburg-Dulsberg als einziger Sohn eines türkischen Gastarbeiters. Was er da gesehen hat? „Schlägereien,  Messerstechereien, Raubüberfälle.“ So erzählt er es, als wir uns Anfang der Woche zu einem virtuellen Interview treffen, da sitzt er in seinem Arbeitszimmer in Ahrensburg, einer Stadt bei Hamburg.

Keine HipHop-Musik in „Para – wir sind King“

Einen Teil der Qualifikation für seine harten Berliner Serien hat er also in Hamburg-Dulsberg erworben. Das gilt auch für sein Ohr für die Sprache der Straße, die Kanak-Sprak, die seine vier Heldinnen sprechen. Das titelgebende Para gehört zu deren Vokabular. Es stammt aus dem Türkischen, heißt Geld und kommt in jedem zweiten Deutsch-Rap-Song vor. In der Serie läuft aber gar kein HipHop, sondern Pop, Elektro. Eine bewusste Entscheidung, gerade nicht die Musik einzusetzen, die man erwartet hätte.

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Der Regisseur Özgür Yildirim 

Gedreht haben sie letztes Jahr zu Corona-Zeiten, nicht nur in Wedding, sondern auch in Kreuzberg, in Mitte. In Wedding zu arbeiten, sei nicht so einfach, sagt Özgür Yildirim. „Wenn man dreht, muss man alles unter Kontrolle halten können. Aber in Wedding hat man sofort Trubel um sich herum, alle wollen wissen, was gedreht wird, ob sie mitmachen können.“ Er mag das, sagt, es das auch leichter gemacht hat, den Spirit des Bezirks einfangen, weil die Menschen so nah an uns dran und so echt waren. Aber vielleicht ist der Trubel auch der Grund, warum man nicht so viel von der Nachbarschaft sieht. Viel wurde in Innenräumen gedreht. Leider. 

Was die Geschichte angeht: Die vier jungen Frauen bauen gleich von Beginn an Mist. Zufällig stolpern sie über den Drogenvorrat eines örtlichen Dealers und greifen zu. „Habt ihr nich’ mal Bock auf’n bisschen Gönnung?“, sagt Hajra, als sie ihre Freundinnen davon zu überzeugen versucht, den Stoff zu Geld zu machen. „Einmal im Leben Para machen.“ Das kann nicht gut ausgehen.

Aber es ist Sommer in Berlin und der Wedding erstrahlt in warmen Farben. Die vier gehen feiern, shoppen und halten zusammen. Das macht Spaß. Mit schnellen Schnitten wird die Geschichte vorangetrieben, werden Ungereimtheiten überspielt. Die vier sind unvernünftig, aber irgendwie auch emanzipiert, jedenfalls in dem Sinn, dass sie sich nichts gefallen lassen und zu Mitteln greifen, die man von Frauen nicht erwarten würde.

Özgür Yildirims erster Film war ein Gangsterfilm

Als Kind habe er gern Horrorfilme geguckt, erzählt Özgür Yildirim. Er habe gewusst, dass das Blut in Wirklichkeit Ketchup ist, sich aber trotzdem gefürchtet. Dass man sich der Täuschung bewusst ist und trotzdem mitgeht – das ist für ihn bis heute die große Magie des Films. Mit neun hat er angefangen, Horror-Kurzgeschichten zu schreiben, hat mit 13 in den Gelben Seiten nach einem Verlag gesucht, mit 14 Kurzfilme gedreht. Mit einer Hi-8-Kamera. Nach Abitur und Zivildienst hat er sich bei der Filmschule, die heute Hamburg Media School heißt, beworben, der Leiter heißt Hark Bohm. Eigentlich hätte er dafür ein abgeschlossenes Studium gebraucht. Bei ihm machten sie eine Ausnahme.

Özgür Yildirims erster Film „Chico“ war ein Gangsterfilm und ein bisschen scheint er jetzt auf das Genre festgelegt. Damit hat er kein Problem. „Hierzulande denkt man oft in Schubladen, die amerikanische Filmmentalität dagegen sieht in dem, was man kann, eine Stärke, die man auszubauen versucht.“ Und er macht ja nicht nur das eine. Er hat mehrere „Tatorte“ gedreht, und auch „Para“ ist eigentlich kein Gangsterfilm. Aber er spielt in dem Milieu und das Moralinsaure fehlt ihm genauso wie „4 Blocks“.

Eine der schönsten Szenen ist zugleich eine der traurigsten: Mit dem Geld, das sie beim Dealen verdienen, checken die vier für ein paar Stunden in ein Hotel ein. Sie singen, feiern, nehmen ein Schaumbad. Man fühlt sich an Céline Sciammas Film „Mädchenbande“ erinnert. Ihre Träume erstrecken sich auf ein Hotelzimmer, diese paar Quadratmeter. Mehr nicht.

Para - Wir sind King, sechsteilige Serie ab 22. April auf TNT Serie, Regie: Özgür Yildirim, Drehbuch: Hanno Hackfort, Luisa Hardenberg und Katharina Sophie Brauer