Angela Merkel: Die zwei Körper und drei Tränen der Kanzlerin

Ein Dokumentarfilm über die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel kombiniert Höhepunkte einer politischen Karriere und zeigt sie als Mensch im Amt.

Angela Merkel auf ihrer ersten Urlaubsreise nach Amerika kurz nach der Wende.
Angela Merkel auf ihrer ersten Urlaubsreise nach Amerika kurz nach der Wende.dpa/Progressfilm/Martin Athenstaedt

Dreimal ist in dem abendfüllenden Dokumentarfilm „Angela Merkel. Die Freiheit der Macht“ von Tränen die Rede, die die ehemalige Kanzlerin in ihrer politischen Karriere vergossen haben soll. Dreimal könnte man glatt ein bisschen mitweinen.

Einmal weint sie im Kabinett ihres Förderers Helmut Kohl als junge Frau und politische Anfängerin, die so schnell Bundesministerin geworden ist. Das legen ihr die anwesenden Herren umgehend als Schwäche aus – und setzen damit möglicherweise den Grundstein von Merkels Machtstrategie, die darauf beruhte, dass man sie unterschätzte. Dann sieht man sie beim letzten Besuch des scheidenden US-Präsidenten Barack Obama weinen, der sich hinterher bei seinem Sicherheitsberater erkundigt hat, ob das da wirklich Tränen waren. Und schließlich beim Großen Zapfenstreich im Dezember 2021 anlässlich ihrer Amtsniederlegung, als sie da ganz allein auf einem Kunstlederstuhl in der winterlichen Weite sitzt und die Militärkapelle Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“ aufspielt.

Aber ist das überhaupt eine Träne der Rührung, fragt man sich, als die Spiegelneuronen schon längst angesprungen sind, oder handelt es sich lediglich um eine reflexhafte Feuchtigkeitsabsonderung infolge des Kältereizes? Einmal nickt sie kurz, so als wolle sie „und sie sah, dass es gut war“ sagen. Oder ist es doch nur ein Da-bin-ich-also-gelandet-Nicken?

Zeit für einen ruhenden Blick

Wenn man von der unermesslichen Fleißarbeit absieht, mit der die Filmemacher um Eva Weber das dokumentarische Material ausgewertet haben – sie sichteten laut eigenen Angaben 3629 Archivausschnitte, 1925 Fotos, 128 Audioclips, 55 Filme und 43 Interviews –, macht der Film gar nicht viel: Er kombiniert aussagekräftige Ausschnitte, in denen Merkel um Selbstauskünfte gebeten wird, diesen Bitten geschickt und schlagfertig ausweicht und sich dabei als ziemlich klug und sympathisch darstellt, was ja dann doch eine Selbstauskunft ist. Dazu kommen ehrerbietige Statements von Zeitgenossen aus dem politischen Betrieb wie Tony Blair, Hillary Clinton, Condoleezza Rice, Thomas de Maizière oder Martin Schulz – und kaum weniger ehrerbietige von Journalisten.

Der Film, für den man nun wahrlich nicht ins Kino muss, zumal er vor allem aus Fernsehbildern besteht und demnächst dort auch gesendet wird, arbeitet mit dem Blick des Zuschauers, er rollt ihm eine Projektionsfläche aus, die viel Interpretations- und Identifikationsspielraum lässt. Die beiden Entitäten namens Angela Merkel, also der Mensch und die Amtsträgerin, werden verschmolzen. Dafür war im Einerlei der geteilten Gegenwart mit den Katastrophen und Routinen des politischen Alltags keine Zeit. Jetzt, fast ein Jahr nach ihrem Abgang am 8. Dezember 2021, kann man den Blick einmal ruhen lassen, aber nicht zu lange, denn schon legt sich die Sepiafolie der Legende über Angela Merkels 16-jähriges Wirken als Regierungschefin – und über die eigene Biografie in der vergangenen Zeitgeschichte. 

Merkel. Macht der Freiheit. Ein Dokumentarfilm von Eva Weber, GB, D 2022, 96 Minuten, Farbe. Im TV: 8. Dezember, 20.15 Uhr (Geo Television und RTL+).