1977 erschien in „Krieg der Sterne“ eine Figur auf der Leinwand, die mit ihrem Charisma, ihrer ganz eigenen mysteriösen Ausstrahlung schon nach wenigen Szenen die Tiefe des Fantasy-Kosmos von Star Wars erahnen ließ: Ben Kenobi, ein in die Jahre gekommener Einsiedler, der in einer felsigen Höhle auf dem Wüstenplaneten Tatooine lebt. Er nimmt sich des verwirrten Luke Skywalker an, weist ihn in die Grundlagen der Jedi-Macht ein, und überreicht ihm das erste Laserschwert der Filmgeschichte. Doch schon in diesem ersten „Star Wars“-Film findet der weise Lehrmeister, der eigentlich Obi-Wan heißt, im Duell mit Darth Vader ein rätselhaftes Ende. Die Legende der letzten Jedi jedoch war geboren und ist seitdem aus der Popkultur nicht mehr wegzudenken.

Verkörpert wurde der Held damals von Alec Guinness, einem der bedeutendsten Charakterschauspieler des 20. Jahrhunderts, bekannt aus Filmen wie „Die Brücke am Kwai“, „Lawrence von Arabien“, „Doktor Schiwago“ oder „Der kleine Lord“. Die Besetzung der Rolle mit dem renommierten Guinness war ein Meisterstreich von Regisseur George Lucas. Mit seiner Reputation und seiner beeindruckenden Darstellung verlieh er der „Krieg der Sterne“-Saga von Beginn an eine Aura, die sie von anderen Fantasy-Welten abhob und ihren bis heute andauernden Erfolg begründete. Obi-Wan Kenobi wurde zum Inbegriff des edlen Jedi-Ritters und so zu einem der coolsten Helden des Kinos.

Es könnte so spannend sein

Mit der lang erwarteten Serie „Obi-Wan Kenobi“ will Disney auf der firmeneigenen Streaming-Plattform nun an die ruhmreiche Vorgeschichte des Helden anknüpfen. Nachdem Ewan McGregor den jüngeren Obi-Wan schon in Nebenrollen in den Star-Wars-Episoden I bis III aus den 2000er-Jahren darstellte, schlüpft er nun, sichtbar gealtert, wieder in den Jedi-Umhang.

Als junger Obi-Wan, in einer Zeit, als die Welt fast noch in Ordnung war und die edlen Jedi in großer Zahl für die Ordnung der Galaxis sorgten, hatte er die Ausbildung des noch jüngeren Anakin Skywalker zu verantworten. Sein Scheitern an dieser Aufgabe, die Hinwendung des ersten Skywalker zur dunklen Seite der Macht und seine Transformation zu Darth Vader sind der Ursprung der „Star Wars“-Saga und ihre conditio sine qua non. Zwischen diesen frühen Fehltritten des Ritters und dem Ende seines Lebens als eremitischer Mentor setzt nun die Serie ein.

Spannende Fragen und Konflikte gäbe es reichlich: Wie überlebt Obi-Wan das Ende der Jedi-Republik? Wie verarbeitet er sein Scheitern und seine Mitverantwortung für das Ende der bekannten Ordnung und den Aufstieg des Bösen? Wie bewahrt er den jungen Luke vor dem übermächtigen Imperator? Wie kann er nur so weise und cool werden wie Alec Guinness?

Keine Überraschungen

„Star Wars“-Serien und -Filme waren in den letzten Jahren immer dann am besten, wenn die Macher vor dem Hintergrund der großen Schicksalsstränge weitgehend frei agierten. Das Gegenteil ist hier der Fall. Zwar bietet das Team um die Regisseurin Deborah Chow, die auch schon zwei Episoden der beliebten „Star Wars“-Serie „The Mandalorian“ inszeniert hat, staunenswerte Weltall-Bilder und platziert spektakuläre Orte wie die Verbrecher-Metropole Daiyu auf der „Star Wars“-Landkarte. Aber die Gängelung durch die erforderlichen Abläufe der Figurenentwicklung schränken die Serie zu stark ein, die Handlung bleibt durchsichtig und die Figuren taugen eher für ikonische Bilder als für aufregende Momente. Wenn Obi-Wan sein vergessenes Laserschwert tief in der Wüste aus dem Sand birgt, sieht das schick aus, berührend ist es nicht.

Disney
Ein verlorener Held in der Gangstermetropole Daiyu.

Auch die flachen, fantasielosen Dialoge und die allzu künstlichen Bösewichte werden die hoffnungsvollen Fans enttäuschen. Hinzu kommt, dass Ewan McGregor als filmgeschichtlicher Erbe von Alec Guinness in der Chronologie des Fantasy-Kosmos dessen jüngeres Alter Ego zu entwerfen versucht. Dieser Anspruch befruchtet und belastet seine Darstellung gleichzeitig. Leider fühlt sich die Serie dadurch nie auch nur ansatzweise wie ein eigenständiges Werk an, so wie es etwa bei „The Mandalorian“ gelungen ist. Hier wird alten Lorbeeren hinterhergehechelt, ohne Mut oder zumindest Lockerheit. So imposant Obi-Wans Welt aussieht, so ziellos stolpert der legendäre Jedi-Ritter letztendlich durch die dunklen Gassen und staubigen Wüsten. Einem der größten Helden der Filmgeschichte ist das nicht würdig.

Wertung: 2 von 5 Punkten

Obi-Wan Kenobi, Serie, 6 Folgen, Disney+