Dokfilm: Die blutenden Wunden der Elfriede Jelinek

Der Dokumentarfilm „Elfriede Jelinek. Die Sprache von der Leine lassen“ ermöglicht einen guten Zugang zum Werk der Nobelpreisträgerin und macht sie zur Freundin.

Elfride Jelinek, 1993, beherrscht außer der Dichtkunst zum Beispiel die Orgel und die Sense.
Elfride Jelinek, 1993, beherrscht außer der Dichtkunst zum Beispiel die Orgel und die Sense.Karin Rocholl

Nachdem Elfriede Jelinek 2004 Literaturnobelpreisträgerin wurde, hat sie sich ganz von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Schon als sie der Sekretär der Schwedischen Akademie angerufen hatte, um ihr die ehrende Nachricht zu übermitteln, teilte die scheue Dichterin ihm mit, dass sie nicht zur Verleihung kommen könne. Wenn es die Bedingung gewesen wäre, dass sie ihn sich persönlich überreichen lassen müsste, sagt die österreichische Dichterin in einem Interview, dann hätte sie ihn nicht annehmen können. Sie leide an einer generalisierten Angststörung, die es ihr unmöglich mache zu reisen. Die teilweise niederträchtigen Reaktionen auf den Preis scheinen ihrer Störung recht geben zu wollen. Was diese Frau aushalten musste und aushält!

Spätestens seit 1985 und der Veröffentlichung ihres Stücks „Burgtheater. Posse mit Gesang“, in dem sie die Schauspielerin Paula Wessely für deren Mitwirkung an dem Nazi-Propagandafilm „Heimkehr“ aufs Korn nahm, habe sie ihren guten Namen in Österreich verloren. Sie polarisiere, aber man höre sie nicht mehr. Ihr Reiz auf die österreichische Seele ließ nicht nach, und die Entrüstung ihrer Landsleute wallte noch einmal auf, nachdem man die Nestbeschmutzerin mit der höchsten irdischen Ehrung für ihr literarisches Schaffen geehrt hat. Eine großartige Entscheidung, findet man spätestens dann, wenn man den Dokumentarfilm „Elfriede Jelinek. Die Sprache von der Leine lassen“ von Claudia Müller gesehen hat.

Von großer Schönheit und aus der Zeit gefallener Fremdheit sind die Dokumente – Interviews, TV-Auftritte aus 50 Jahren, unterfüttert von rasch geschnittenem zeitgeschichtlichen Material und von satten, ruhigen Bildern aus der Gegenwart. Am stärksten ist diese liebevolle, dichte essayistische und poetische Montage über Leben und Werk der tapferen, konsequenten und schaffenskräftigen Künstlerin dann, wenn das Material am spärlichsten ist. Es sind ein paar frühe Bilder des 1946 in Mürzzuschlag geborenen Mädchens, das auf die Klosterschule und später aufs Wiener Konservatorium ging und eine schwere Last zu tragen hatte. Sie war ein spätes Kind, durfte erst gezeugt werden, als die nationalsozialistischen Rassengesetze außer Kraft gesetzt waren.

Die Verwandten der mütterlichen Seite, katholisch bis zum religiösen Wahn, schleppten sie jeden Sonntag in die Josefstädter Piaristen-Kirche Maria Treu, wo sie das Blut aus den Deckenfresken von Franz Anton Maulbertsch und den von der Großmutter gefeierten Heiligenbildern tropfen sah. Die väterliche Seite ist jüdisch und arbeiterbewegt, der Großvater SPÖ-Mitbegründer, der Vater Naturwissenschaftler, der früh den Verstand verlor und im psychiatrischen Krankenhaus starb, als Elfriede Jelinek 23 Jahre alt war und den Innsbrucker Jugendliteraturpreis gleich in beiden Sparten Poesie und Prosa gewann. Sie war noch Volksschülerin, als ihr Vater ihr vom Holocaust erzählte und ihr Bilder von den Leichenbergen zeigte. Diese katholisch-jüdische Dichotomie lastete auf ihr, zerriss sie und prägte sie. Und sie speist ihr Werk.

Nach der Kindheit nichts mehr erlebt

„Ich habe das Gefühl, dass ich seit meiner Kindheit eigentlich überhaupt nichts mehr erlebt habe. Oder nichts, was irgendwie von Bedeutung wäre. Ich glaube, dass der Künstler in seiner Kindheit so viel an Frustrationen und Leid auftankt, dass es dann für den Rest seines Lebens reicht. Alles, was einem später geschieht, ist eigentlich nur etwas, das einen bestätigt oder das noch ein paar nebensächliche Symptome hinzufügt. Aber nichts wirklich Entscheidendes.“

Die Kamera zeigt das Porträt der Volksschülerin mit Schleifen im Haar, ohne Lächeln und mit ruhigem, tiefem, distanziertem Blick – sie fährt ruhig durch den Kirchenraum, dann am Relief der Alpen entlang, dazu, fast wie ein aus dem Herzen gerissener Witz, die schönste Musik dieser Welt, Akkorde von Schuberts Liedkomposition „Du bist die Ruh“ ohne den Rückert-Text: „Du bist die Ruh, der Friede mild, die Sehnsucht du, und was sie stillt. Ich weihe dir voll Lust und Schmerz zur Wohnung hier mein Aug’ und Herz“. Es drückt einem die Kehle ab, zumal man erfährt, unter welchen Druck das Kind durch die „steinerne Mutter“ gesetzt wurde, die ein Genie aus ihrer Tochter machen wollte, und durch den Vater, in dessen Schuld sie zu sein glaubte und die sie, wie sie sagt, abtragen werde, solange es geht.

Sie beginnt früh zu schreiben, es ist die einzige Kunstform, die von ihrer Mutter nicht gefördert (oder abverlangt) wird. Und seitdem quillt es und strömt und hat schon so manchen Theaterabend geflutet – am kongenialsten wohl von Einar Schleef in seiner „Sportstück“-Inszenierung am verhassten Burgtheater. Der Film nimmt das Tempo raus, mit dem so viele Jelinek-Regisseure das Publikum überfordern, dosiert sparsam und stellt die Zitate aus dem überbordenden Werk, gelesen von Sophie Rois, Stefanie Reinsperger, Maren Kroymann, Ilse Ritter, Sandra Hüller und Martin Wuttke auf solide, aber erreichbare Podeste.

Das erleichtert den Zugang ungemein, und es macht auch nichts, wenn sich der Film dann vielleicht etwas beliebig einzelne Motive aus dem Jelinek-Ozean herausgreift, sich an Themen festbeißt, um sie selbst zu Ende zu erzählen, oder Episoden der Zeitgeschichte für den Hintergrund etwas zu genau ausmalt. Es ist verständlich, dass der Faden verloren geht, vieles Wichtige keine Erwähnung findet und sich manches zu früh im Klischee auflöst. Das, woher die oft so unbarmherzig und unbegrenzt wirkende Kraft dieser Autorin stammt, wird klar; die Denkweise, die Ethik und die Methode erschließen sich. Und die Person. Sie wird einem zu einer Freundin durch diesen Film. Nur deshalb ist es vielleicht doch interessant zu wissen, dass sie den Film mag, wie sie in der Zeit schrieb: „Meine Grundbefindlichkeit der Angst, die mir eine persönliche Teilnahme am Film unmöglich gemacht hat, wurde aber ersetzt durch eine Filmemacherin und ihre kongeniale Kamerafrau, die sich meiner buchstäblich angenommen haben, die sich mit ihren langen, ruhigen Fahrten wie ein Schnitter mit seiner Sense durch mein Leben gemäht haben, in einer der elegantesten und rhythmischsten Bewegungen, die ich kenne (und ich kann mit der Sense mähen!)“

Elfriede Jelinek. Die Sprache von der Leine lassen, Dokumentarfilm von Claudia Müller, D 2022, 96 Minuten, Filmstart: 10. November