Seine besten Filmauftritte zeichneten sich durch ein feines, zurückhaltendes Spiel aus, das vielleicht seinen Höhepunkt in einem seiner letzten Filme erreichte – in „Liebe“ von Michael Haneke, den er den besten aller Regisseure nannte. In der Rolle des liebenden Ehemanns einer todkranken Frau elektrisierte er 2013 das Publikum beim Festival in Cannes, dessen Dauergast er lange war. Bei aller Stille geht ein Schrei von den intimen Bildern aus, die Haneke mit ihm inszenierte. Ein Aufbegehren gegen jenen schleichenden Verlust an Menschenwürde, den unsere Gesellschaft den Sterbenden noch abverlangt, als sei der Tod allein nicht schlimm genug.

Trintignant war ein moderner Schauspieler für ein modernes europäisches Kino, dem natürliches Charisma mehr bedeutete als klassische Schönheit. Allerdings dauerte es etwas, bis man zusammenfand – die meisten seiner Filmrollen erschienen ihm rückblickend vergesslich. Bekannt machten sie ihn doch – wie jene als Rivale von Curd Jürgens um Brigitte Bardot in Roger Vadims „Und immer lockt das Weib“ (1956). Mit Romy Schneider – beide waren zeitweilig auch privat ein Paar – spielte er 1962 in „Der Kampf auf der Insel“ und dem leider Fragment gebliebenem, verhinderten Meisterwerk „L’Enfer“, das Henri-Georges Clouzot 1964 in schrille Pop-Art-Farben tauchte.

Da erwies sich Claude Lelouchs experimenteller Filmstil schon erfolgreicher: „Ein Mann und eine Frau“, die tragische Liebesgeschichte um einen Rennfahrer, hatte er seinem Freund Trintignant auf den Leib geschrieben. Lelouch setzte seinen Welterfolg, der ihm zwei Oscars einbrachte, mehrfach mit Trintignant fort – so erst vergangenes Jahr mit „Die schönsten Dinge des Lebens“.

Die Schauspielerei legte ihm seine Mutter in gewisser Weise in die Wiege. Enttäuscht, kein Mädchen bekommen zu haben, zog sie ihn bis ins siebte Lebensjahr als eines auf. 1950 zog es ihn, obwohl er sich bereits für Jura eingeschrieben hatte, an die Pariser Filmhochschule. In den frühen 1950-Jahren begann er eine Theaterkarriere, spielte den Mortimer in Schillers „Maria Stewart“ und Shakespeares „Macbeth“. Auch später bezeichnete er sich vorzugsweise als Theaterschauspieler – begleitet von wachsender Skepsis gegenüber Filmangeboten.

„In den meisten Western sprechen sie zu viel“

Hollywoodengagements lehnte er kategorisch ab, zu einer prägnanten Westernrolle konnte ihn immerhin der Italiener Sergio Corbucci überreden. Trintignants fehlende Englischkenntnisse ließen beide in „Leichen pflastern seinen Weg“ 1968 die Rolle eines stummen Helden erfinden. „Das Publikum merkt zwei Drittel des Films über gar nicht, dass er stumm ist, weil es keinen Grund zu reden gibt“, erklärte der Star. „Aber mir gefällt es, denn in den meisten Western sprechen sie zu viel.“

Doch auch wenn er nie in Amerika drehte, hatten seine realistischen, lebensverbundenen Männerfiguren oft auch etwas vom modernen amerikanischen Kino. Michael Hanekes Einschätzung, er sei der beste Filmschauspieler neben Marlon Brando, deutet auf Gemeinsamkeiten hin. Als Trintignant die Hauptrolle in Bertoluccis erotischem Beziehungsdrama „Der letzte Tango in Paris“ wegen der Nacktszenen ablehnte, ging der Part an den Amerikaner.

Für Bertolucci hatte Trintignant bereits 1970 eine seiner vielschichtigsten Figuren gespielt. In „Der große Irrtum“ („Il conformista“) verkörperte er einen anpassungsfähigen Mann, der sich im faschistischen Italien der Geheimpolizei anschließt – vom Regisseur erzählt als mehrdeutiges Prisma, entwickelt der Star eine schillernde Ambivalenz. Während der Dreharbeiten in Rom entdeckte Trintignant eines Morgens, dass seine einjährige Tochter Pauline an plötzlichem Kindstod gestorben war. „Wie wohl jeder große Regisseur machte sich Bertolucci mein Trauma zunutze“, sagte Trintignant in einem Interview über diesen Film, den er für einen seiner besten hielt.

Rückkehr mit „Liebe“

In den 1970-Jahren galt er als einer der besten Charakterdarsteller des europäischen Kinos. Je größer sein Starruhm war, desto überzeugender waren seine Verkörperungen normaler Männer, die unter besonderen Umständen innere Verwandlungen durchlebten. Wie – abermals an der Seite Romy Schneiders – der unscheinbare Nicolas in „Das wilde Schaf“: Angestachelt von einem alten Schulfreund verwandelt sich der unscheinbare Bankangestellte in einen Casanova. Oder als Immobilienmakler Julien Vercel, der in Truffauts Hitchcockiade „Auf Liebe und Tod“ (1983) unter Mordverdacht gerät.

In seinem privaten Leben setzte eine weitere Tragödie dagegen einen tiefen Einschnitt und stürzte ihn in eine lange Auszeit. 2003 wurde seine Tochter, die Schauspielerin Marie, von ihrem alkoholisierten Freund, dem Rocksänger Bertrand Cantat, im Streit erschlagen. Die Verurteilung und kurze Haft löste in Frankreich Debatten aus. Tatsächlich kehrte Trintignant erst mit „Liebe“ wirklich auf die Kinoleinwand zurück.

Am Freitag starb Jean-Louis Trintignant 91-jährig friedlich im Kreise seiner Familie.