„Einfach mal was Schönes“: Es riecht nach Kotze auf der Traumhochzeit

Der Titel lässt Schlimmes vermuten. Doch Karoline Herfurth macht einen guten Film nach dem nächsten.

Gesund skeptisch: Nora Tschirner und Karoline Herfurth haben beide ihre Probleme mit dem „Mamasein“.
Gesund skeptisch: Nora Tschirner und Karoline Herfurth haben beide ihre Probleme mit dem „Mamasein“.Warner Bros GmbH

Eigentlich hätten Jahre zwischen Karoline Herfurths letzten beiden Filmen liegen sollen, doch aus Corona-Gründen sind es nun doch nur wenige Monate. So manch eiliger Kinogänger könnte den neuen Film nun als Fortsetzung verkennen, ob der Ähnlichkeiten in Bezug auf Titel, Cast und Themen. Wie schon in „Wunderschön“ übernimmt die Regisseurin auch in „Einfach mal was Schönes“ die Hauptrolle, mit Nora Tschirner als sympathischer Zynikerin an ihrer Seite. Wieder geht es um die Selbst- und Außenwahrnehmung von Frauen, und auch diesmal gelingt Herfurth mit leichter Hand ein Gleichgewicht zwischen Klischees, Humor und Originalität, das anrührt wie kaum eine andere romantische Komödie der vergangenen Jahre. Als solche tarnt sich der Film mitunter, um schließlich bewusst damit zu brechen.

Anders als in „Wunderschön“ gibt Karoline Herfurth diesmal keine Mutter, sondern eine Frau, die es gern wäre. Was ihr fehlt, ist der geeignete Mann für ihr Vorhaben. „Wenn dir das zu viel ist, können wir auch einfach noch warten“, versichert sie ihrem Freund mit Kloß im Hals, als dem beim Anblick des positiven Schwangerschaftstests fast das Bügeleisen aus der Hand fällt. Unterlegt mit Carla Brunis Interpretation von „Stand By Your Man“ macht sich die 37-jährige Karla also allein auf den Weg zur Ausschabung, die dann zu den Zeilen „If you love him, you’ll forgive him“ vollzogen wird. Dieser durchaus heikle audiovisuelle Plan geht auf, und er gibt den Ton an für die folgenden knapp zwei Stunden, in denen vier Frauen ihre Rollen, insbesondere als Familienmitglied, neu für sich definieren müssen.

Als Zuschauer kann man da manchmal kaum hinsehen. Etwa wenn Karla ihrem Freund auf den Rücken springt, um ihn am Auszug zu hindern – wohlgemerkt nachdem er fremdgegangen ist, nicht sie. Oder wenn Karlas Mutter Marion in hautengem Leopardenprint ungeladen zur Hochzeit ihres Ex-Mannes auftaucht, um die Party mal ein bisschen aufzumischen, und sich sogleich auf der Tanzfläche langlegt. Dass hinter diesem Auftritt ein größeres Problem steckt, ahnt der Zuschauer schon, als Marion am Abend vorher mit dem Gesicht nach unten auf Karlas Ledersofa einschläft, nur Minuten nach ihrer auch diesmal unangemeldeten Ankunft. Wie der Film die offensichtliche Alkoholkrankheit behandelt, kann man zur Debatte stellen – zwar führt diese irgendwann zu ernsten Verletzungen, hält aber auch weiter für Pointen her.

Ulrike Kriener wirft sich furchtlos in ihre Rolle, stolpert, lacht und motzt mit einer Verve, die ihr eigentlich unhaltbares Gebaren am Ende doch immer irgendwie halb so wild erscheinen lässt – zumindest wenn man nicht mit ihr verwandt ist. Von den drei Töchtern hat Karla als Sandwichkind noch den besten Draht zur Mutter, die ihre Sommerdrinks seit der Scheidung im Liegestuhl vor der Platte schlürfen muss. „Immer auf die Mütter! Wann geht es eigentlich mal um meine Bedürfnisse?“, lallt sie dann zum Beispiel – und genau aus diesem Grund traut sich ihre älteste Tochter nicht, die gleiche Frage laut auszusprechen.

Sind Frauen, die alleine Kinder kriegen, egoistisch?

Jule (Nora Tschirner) hat drei Kinder, einen Mann, eine Affäre und keinen Nerv für die Tränen ihrer Schwester Karla, die ihren betrügerischen Ex zwei Jahre nach der Abtreibung und Trennung als werdenden Vater wiedertrifft. Tschirner zeigt auch diesmal, wie man mit vermeintlich wenig viel erreichen kann: Ein paar Blicke und die emotionalen Verhältnisse sind geklärt. Daran hat freilich auch Herfurths überwiegend schnörkellose Inszenierung ihren Anteil, die generell vor der emotionalen Überforderung durch die aufgeladenen Sujets bewahrt.

Noch mehr als Karla weint die jüngste Schwester Johanna (ebenfalls super: Milena Tscharntke), eine erfolgreiche IT-Expertin, deren Hochzeit mit einer Profisportlerin kurz bevorsteht. Die Harmoniesüchtige verbittet sich dort Familienstreits, deshalb sollen sich die Eltern vorher ein für alle Mal aussöhnen und auch die Schwestern gefälligst kein Drama veranstalten. Das wird zunehmend unwahrscheinlich, als Karla beschließt, allein ein Kind zu bekommen – eine Entscheidung, die alle Frauen in ihrer Familie als egoistische Schnapsidee abtun.

Kurz nach ihrem Entschluss lernt Karla dann auch noch den zehn Jahre jüngeren Krankenpfleger Ole (Aaron Altaras) kennen, der in jeder Hinsicht perfekt daherkommt. Doch der Termin zur künstlichen Befruchtung steht, und Karla will nicht ein weiteres Mal ihre familiären Bedürfnisse vom Objekt ihrer Begierde abhängig machen. In den Szenen mit Ole werden dann auch viele Motive der romantischen Komödie bemüht, vom versehentlichen Nasenstüber über die in der Wohnung verstreuten Klamotten und den morgendlichen Kaffee am Bett bis hin zur Kamerakreisfahrt um die knutschenden Verliebten.

Manches Bekannte wird bewusst überspitzt, manches ins Gegenteil verkehrt, manches bleibt bestehen, damit der Zuschauer sich im Gewohnten ausruhen kann. Doch anders als in echten romantischen Komödien begnügt sich Karoline Herfurth am Ende nicht mit einer Erlösung durch romantische Liebe, sondern nimmt die Komplexität der Konflikte ernst. Einfach wird es also nicht, dafür umso schöner.

„Einfach mal was Schönes“, Spielfilm, 116 Minuten, ab 17. November im Kino