Energische Diva: Erinnerung an die Schauspielerin Ellen Richter im Arsenal

Sie war eine Vorläuferin der „starken Frauen“, die heute das Kino prägen. Von den Nazis wurde sie aus „rassischen Gründen“ von der Leinwand verbannt. 

Ellen Richter in „Aberglaube��.
Ellen Richter in „Aberglaube��.© Eye Filmmuseum

Vor zwei Wochen wurde in dieser Kolumne an Asta Nielsen erinnert. Die Karriere und das Leben ihrer Kollegin Ellen Richter (1891–1969) waren kürzer, sie drehte weniger Filme, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Doch zwischen 1915 und 1935 war die Schauspielerin nicht weniger populär. Sie war vor allem anders! Während die grazile Skandinavierin oft etwas entrückt, fast ätherisch wirkte, etablierte sich Richter als energische und wandlungsfähige Draufgängerin. Aus heutiger Sicht erscheint sie ganz klar als früher Action-Star, als Vorläuferin jener „starken Frauen“, die das aktuelle Unterhaltungskino prägen.

Ob als Revue-Tänzerin, Verführerin, Detektivin, Aristokratin oder Weltreisende – die als Käthe Weiß in Wien geborene Alleskönnerin begnügte sich selten mit männergemachten Klischees. Viel lieber jonglierte sie mit diesen, kehrte sie um, führte sie ad absurdum. Das war kein Zufall – spätestens seit 1920 bestimmte sie selbst, was und wie sie spielen wollte. Gemeinsam mit ihrem Lebens- und Berufspartner Will Wolff (1883–1947) gründete sie eine eigene Produktionsfirma, im Vorspann prangte von da an selbstbewusst das Label „Ellen-Richter-Film“. Weder sprengten ihre Kinospektakel die Form, noch warfen sie bewährte Erzähltechniken über Bord. Rein äußerlich blieben ihre Filme konventionell. Dennoch schwingt in ihnen eine bemerkenswerte Subversion mit, vor allem in Bezug auf die Figurenzeichnung.

Kritische Unterhaltungskunst

Ein schönes Beispiel dafür ist die 1928 fertiggestellte Kleinstadt-Posse „Moral“. Von einem recht biederen Stück von Ludwig Thoma ausgehend, spitzt sich der Plot auf eine im wahrsten Sinne des Wortes „filmische Entblößung“ maskuliner Machtstrukturen zu. Im Provinznest namens „Emilsburg“ erweisen sich nach und nach sämtliche Honoratioren als Erotomanen, allen voran der Vorsitzende des Sittlichkeitsverbands. Seine Aufwartung bei der vermeintlich sexuell frei verfügbaren Revue-Tänzerin wird von dieser mit versteckter Kamera dokumentiert – was das bigotte Gefüge der Kleinstadt fast zum Einsturz bringt. So wird „Moral“ zum ironischen Film-im-Film-Spiegel einer gesellschaftstragenden Doppelmoral. Und bleibt dabei doch gleichzeitig ein solides Stück Unterhaltungskunst mit geschliffenen Dialogen und damals hochmodernen Choreografien der legendären Tiller-Girls.

Mit welcher Lust Richter und Wolff dem Sensationscharakter des frühen Kinos Zucker gaben, zeigt ihr bereits 1925 entstandenes Monumental-Action-Epos „Der Flug um den Erdball“. Der Titel hält, was er verspricht: Zwischen Paris, Honolulu und New York entspinnen sich alle denkbaren Abenteuer, Affären und Abstürze, stets mit Ellen Richter am Steuerknüppel. Über den Wolken tollkühn triumphierend, tritt sie bei Zwischenlandungen verführerisch und in stets bester Garderobe auf. Co-Autor dieses globalen Vergnügens war Robert Liebmann, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Auch Ellen Richter und ihr Mann wurden ab 1933 aus „rassischen Gründen“ von den deutschen Leinwänden verbannt, konnten aber ihr Leben retten. Höchste Zeit für ihre Würdigung und Wiederentdeckung!

„Ellen Richter, die große Unbekannte – Weimar Cinema’s Action Queen“. Arsenal, 14. Oktober bis 6. November. Alle Filme werden musikalisch live vertont.