Erinnerungen an Wolfgang Kohlhaase: Das war doch erst am letzten Freitag!

Der am Mittwoch gestorbene Wolfgang Kohlhaase war ein Geschichtenerzähler und Krampflöser, schreibt unsere Autorin, die ihn viele Jahrzehnte begleitete.

Wolfgang Kohlhaase und seine Frau Emöke Pöstenyi beim Besuch der Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preises im August 2022 in der Astor Film Lounge in Berlin.
Wolfgang Kohlhaase und seine Frau Emöke Pöstenyi beim Besuch der Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preises im August 2022 in der Astor Film Lounge in Berlin.dpa

Vielleicht. Vielleicht hätte man es ahnen können. In dem Alter. Oder auch nicht, er war doch immer da. Fuhr regelmäßig zu Lesungen und Filmvorführungen. Freitag saß er mit seiner Frau, der Tänzerin Emöke Pöstenyi, direkt hinter mir bei der Preisverleihung der Defa-Stiftung in der Akademie der Künste. In heiterster Laune, so schien es. Er wirkte berührt, als Thomas Wendrich von ihm sprach, ein soeben ausgezeichneter jüngerer Drehbuchautor, oder als Pascal von Wroblewski ein Lied aus „Solo Sunny“ interpretiert. Danach gab es einen Empfang für alle Gäste. Gegangen ist der 91-Jährige gegen Mitternacht, er fuhr im Auto nach Hause.

Das war doch noch am letzten Freitag. Er ist heute, am Mittwoch, gestorben. Wolfgang Kohlhaase, Drehbuchautor, Schriftsteller, Regisseur. Bei Treffen versammelten sich ganz verschiedene Leute um ihn. Bei ihm war es witzig. Er konnte so gut Geschichten erzählen und führte sie, wenn gewünscht, auch Jahrzehnte später sicher zur Pointe.

Sehr gemochte und ungemochte Filme

Er kann mit einem Einfall fremde, festgefahrene Drehbücher retten und entdeckt bei verbissenen Diskussionen Türen in Mauern. Der Mann ist ein Krampflöser. Ich schreibe „ist“ – das merke ich eben. Wie komme ich bei ihm in die Vergangenheit? Wie hat er es geschafft, für seinen Beruf Maßstäbe zu setzen? Zum Beispiel hat er nichts eingesehen. Er schrieb in der DDR außer den gemochten auch ganz ungemochte Filme und kroch danach nicht zu Kreuze, öffentlich nicht und nicht privat. Er hielt sich an eine Verabredung mit sich selbst: „Man darf sich öffentlich nie zu sehr freuen und nie zu sehr ärgern.“

Die Ansprüche, die er – von Beginn an – an seine Arbeiten stellte, gab er im neuen, im größeren Deutschland nicht auf. Ein Filmautor ist ein Weltenschöpfer, aber in der öffentlichen Wahrnehmung eher eine Hintergrundperson. Kohlhaase sorgt vor und arbeitet gesellig. Er sucht das Vertrauen von Regisseuren auf Gegenseitigkeit: Gerhard Klein, Konrad Wolf, Frank Beyer, Bernhard Wicki, Volker Schlöndorff, Philipp Stölzl, Andreas Dresen, Andreas Kleinert, Matti Geschonneck, Heiner Carow. Und formuliert das so: „Als Autor schulde ich den schönen Berufen nach mir eine aussichtsreiche Arbeitsposition.“

Seine Dialoge sind oft kurz: In „Ich war neunzehn“ teilt Gregor, ein Deutscher in russischer Uniform, eine Zigarette mit einem blinden deutschen Soldaten. „Was ist das für Tabak?“, fragt der. „Kaukasus“, sagt Gregor. „Wir haben eine Menge gesehen, Kamerad“, sagt der Blinde. In „Der Aufenthalt“, fragt der polnische Leutnant den Gefangenen, wer er sei. „Mark Niebuhr.“ – „Woher weiß ich?“ In drei Worten liegt die Geschichte des Films. „Unterm Schofför ist schlimmer als unterm Auto“, ruft die Frau aus dem Hinterhaus der misstrauisch beobachteten Sunny hinterher. In „Sommer vorm Balkon“ reden zwei Freundinnen über das Leben. Katrin sagt: „Es wird gar nicht dunkel.“ Nike sagt: „Es wird schon hell.“ Wolfgang Kohlhaase hat eine bestimmte Filmidee, über die er seit vielen Jahren immer wieder spricht. Nein: Er hatte eine Filmidee. Er sprach davon.