Über zwei Jahrzehnte lang konnte Roland Gräfs „Fallada – Letztes Kapitel“ (1988) nur selten gezeigt werden. Grund dafür waren die Musikrechte, die für Jean Sibelius’ „Valse triste“ und Robert Stolz’ melancholisches Liebeslied „Frag nicht, warum ich gehe“ neu eingeholt werden mussten und die, alles in allem, eine mittlere fünfstellige Summe gekostet hätten. Beide Titel sind leitmotivisch in den Film eingefügt, ein Verzicht wäre unmöglich gewesen. Jetzt gelang es der Defa-Stiftung, eine für beide Seiten akzeptable Summe auszuhandeln, und endlich steht „Fallada“ wieder für Kino, Fernsehen und DVD zur Verfügung.

Helga Schütz, die gemeinsam mit dem Regisseur das Szenarium schrieb, schwebte zunächst eine Filmbiografie im Stile von Ariane Mnouchkines „Molière“ vor: Die französische Regisseurin hatte das Leben des Dramatikers und Theaterdirektors in einem vierstündigen rauschhaften Parforceritt, mit 120 Schauspielern an über zweihundert Schauplätzen auf die Leinwand gebracht. Doch solch ein Kraftakt hätte alle Defa-Maße gesprengt; so konzentrierte man sich auf die letzten zehn Lebensjahre Falladas, von 1937 bis 1947.

Zehn Jahre, die keineswegs Material für eine Heldensaga liefern, eher im Gegenteil: Fallada ist ein tragisch zerrissener Mensch, schreibwütig, jähzornig, von Zweifeln und Dämonen geplagt, manchmal hilflos wie ein Kind. Die NS-Kulturbürokratie will ihn vereinnahmen, er soll einen antisemitischen Film schreiben. Das will er unter keinen Umständen. Aber Deutschland verlassen, ist für ihn auch keine Option: Die Nachrichten von Kollegen, die sich draußen, vereinsamt, das Leben nehmen, bedrücken ihn tief. Alkohol, Zigaretten, Tabletten verhelfen zu kurzen Fluchten ins Vergessen. Was bleibt, ist Verzweiflung.

Jörg Gudzuhn als Fallada: das zerfurchte Gesicht als Spiegel von Himmel und Hölle. An seiner Seite Jutta Wachowiak als Ehefrau Anna, die Fallada trotz böser Attacken nie ihre Liebe verwehrt. Ulrike Krumbiegel als Hausmädchen und eine der vielen Geliebten des Schriftstellers: lebensgierig und verschwiegen. Katrin Sass als Falladas letzte Gefährtin Ursula Losch: Morphinistin und lächelnder Todesengel. Und Corinna Harfouch als Bukonje, die zwielichtige Sekretärin, die jeden Schritt Falladas ans Propagandaministerium meldet und sich dennoch schützend vor ihn stellt. Alle Figuren mit unendlich vielen Facetten: schillernd, letztlich unergründlich.

Fast am Ende gibt es eine Szene, die 1947 in der Charité spielt. Hans Fallada liegt auf der Bahre, jenseits von Gut und Böse. Ein Professor präsentiert ihn den Studenten als abschreckendes Beispiel für Rauschgiftkonsum: „Er kannte die Menschen. Nur sich selbst kannte er nicht.“ Berührendes Resümee eines zeitlos großen Films.

Fallada – Letztes Kapitel. DDR 1988. DVD, Icestorm, ab 12,99 Euro