Ansteckendes Delirium: „Petrow hat Fieber“ von Kirill Serebrennikow

Wodka, Nikotin, Lungenauswurf und Blut. Der russische Regisseur hat Alexei Salnikows Roman „Petrow hat Fieber“ kongenial verfilmt.

Petrows (Semjon Sersin) Reise beginnt in einem scheinbar herkömmlichen Trolleybus.
Petrows (Semjon Sersin) Reise beginnt in einem scheinbar herkömmlichen Trolleybus.Filmstill

Den Warnhinweis im Vorspann sollte man ernst nehmen: „Der Film enthält Szenen, in denen geraucht und Alkohol getrunken wird.“ Tatsächlich gibt es kaum Szenen in Kirill Serebrennikows 145-minutigen Film „Petrow hat Fieber“, in denen kein Wodka gluckert und kein heißgerauchter Zigarettenqualm inhaliert wird.

Das bewirkt ein sowohl Sehnsucht als auch Todesangst auslösendes Kratzen im Zuschauerhals, immer schön durch die Bronchien damit, tief rein in die entzündeten Lungenbläschen.

Man wird krank und besoffen nur vom Zuschauen. Der Lebensmut sinkt und die Birne wird matschig. Und genau da will der nach dem gleichnamigen Roman von Alexei Salnikow gedrehte Film seinen Zuschauer haben.

Dass dann auch noch – ohne in der Trigger-Warnung im Vorspann Erwähnung gefunden zu haben – Politiker an die Wand gestellt, Gesichter blutig gedroschen, Klingen in Leiber gerammt, Gehirne an die Wand gepustet oder Kinderkehlen durchgeschnitten werden, fügt dem Missbehagen beim Zuschauen keine nennenswerte Verschlechterung hinzu. Letztlich ist die Fantasie das gefährliche Nervengift. Die Erfahrung, dass die Wirklichkeit sich nicht fassen und nicht bremsen lässt.

Ständig öffnen und schließen sich epische Kreise. Hergelaufene Entitäten nehmen prompt symbolischen und motivischen Charakter an, damit sich die Realität als Dichtung und Dichtung sich als Realität gerieren können – wie zuckende Giftschlangen, die sich in den Schwanz beißen.

Auch wenn viel Unzuordnenbares, Seltsames und Albtraumartiges passiert, lässt sich die Gegenwart des Filmes im postsowjetischen Alltag in der winterlichen Industriestadt Jekaterinburg (1924–1991 Swerdlowsk geheißen) im Ural ansiedeln, an der Grenze zwischen Europa und Asien. Hier kämpfen sich Petrow (Semjon Sersin), seine geschiedene Frau Petrowa (Tschulpan Chamatowa) mit dem Sohn durch das Leben, alle drei mit unterschiedlichen Symptomatiken im festen Würgegriff eines Virus (der Roman stammt aus der Vor-Coronazeit), verbunden in Angst, Enttäuschung und sehr rührenden Momenten der Liebe.

Aber was heißt schon Gegenwart, wenn zugleich prägende Erinnerungen an ein sozialistisches Jolkafest, wenn Mord- und Rachefantasien, Fakenews und Fiktionen mit brutaler Stofflichkeit herüberragen und sich in den brennenden, von Fieber und Suff geöffneten Hirnfurchen miteinander vermischen?

Der Horror, der erzählt und vorgeführt wird, ist dann aber eben doch ganz realistisch, und führt den Zerfall aller Bedeutungen in einer moralisch desorientierten Gesellschaft vor Augen, in der es ums Überleben geht, in der einen der Alltag mit dem Gesicht in die dreckigen Schmelzwasserpfützen am Boden des Trolleybusses drückt, während ein Engel (mit Raucherlunge) die Fahrkarten kontrolliert.

Petrows Exfrau (Tschulpan Chamatowa) auf dem Rachefeldzug durch Jekaterinburg.
Petrows Exfrau (Tschulpan Chamatowa) auf dem Rachefeldzug durch Jekaterinburg.Filmstill

Das Ganze lässt sich vielleicht am Beispiel einer einzelnen Einstellung des Films deutlicher machen: Sie dauert 18 Minuten, erfordert mehrere Lichtwechsel und Umbauten sowie den Auftritt von unzähligen Darstellern (unter anderem eine Seniorinnen-Literaturgruppe, die sich in einem Lastenfahrstuhl zusammendrängt).

Am Schluss geht ein Haus in Flammen auf, ähnlich wie bei Andrej Tarkowskis „Opfer“ nur nicht zu Bachs „Erbarme dich“-Arie aus der Matthäus-Passion, sondern zu den schweren Gitarren, wummernden Tomtoms, zum harschem Gelächter und der katastrophischen Postpunk-Lust von Nick Cave and The Bad Seeds „O God help Tupelo!“

Irre an dieser Einstellung ist nicht nur die organisatorische und technische Virtuosität, die den Zuschauer in den Sessel drückt, sondern wie sich in diesem ungeschnittenen Zeitguss die erzählerischen Ebenen verknoten und nicht mehr auseinanderfitzen lassen. Bitte Luft holen: Ein junger Mann (der Popsänger Iwan Dorn, vormals Frontmann der Para Normalnych) bringt das Manuskript seines genialen Romans zum Verlag, kommt nach einer Woche zurück, platzt in ein Betriebsbesäufnis, erhält eine durchaus detaillierte, aber doch vernichtende Kritik von einem angetrunkenen Lektor (immer noch dieselbe Einstellung), der zwischendurch einen verkleideten Spitzel verscheucht. Der enttäuschte Autor entfernt sich durch besagten Lastenaufzug, legt sein Manuskript ab, es fällt dem Protagonisten Petrow in die Hände, der sich festliest und als Figur hineingezogen wird.

Brennendes Manuskript

Petrow (immer noch dieselbe Einstellung) landet in einer Autowerkstatt und kurz danach in einer schwulen Sexfantasie mit einem durchtrainierten Mechaniker. Er erschrickt, reißt sich los und beschimpft den Autor, als dieser plötzlich wieder neben ihm auftaucht, um ihm die Genialität seines Romans und seinen Plan zu erklären: Er beabsichtige zu sterben, weil sein früher Tod den Durchbruch des Romans über ein von allen geliebtes, aber doch verkanntes Genie (der Autor) und einen traurigen Homosexuellen (Petrow) befördern würde. Dass obige Kritik des lallenden Lektors vielleicht nicht unberechtigt war und er nun einmal noch über wenig Lebenserfahrung verfügt, ist unserem Genie bewusst, aber es übergeht das Problem. Zu Hause (ja, immer noch dieselbe Einstellung) zeigt der Autor, wo sich die Manuskriptkopien befinden, legt sich ins Bett, schiebt sich die Pistole in den Mund, bittet Petrow, den Abzug zu betätigen, was dieser ohne zu zögern tut. Dann verspritzt Petrow Benzin, zündet es an, schließt die Tür und geht weg, während hinter ihm das Haus abfackelt – samt Literatenleiche, Manuskript in allen Kopien, Abschiedsbriefen in verschiedenen Versionen, samt Nachruhm und Sexfantasie. Explosion. Husten. Und endlich: Schnitt.

Serebrennikow, der in Ungnade gefallene Leiter des Gogol-Zentrums in Moskau, der hierzulande vor allem als Opern- und Theaterregisseur herumgereicht wird, ist ein grimmiger, furcht- und rücksichtsloser, aber auch humorbegabter Künstler. Es gibt jetzt einige, die sauer auf ihn sind, weil seine Kunst politisch nicht eindeutig genug sei. Sie werfen ihm vor – ungeachtet der fadenscheinigen politischen Verfahren gegen ihn, die ihm Hausarrest, Reiseverbote und Bußgelder eingebracht haben – Geld vom russischen Staat genommen zu haben (das ihm dieser wiederum vorwirft, veruntreut zu haben) und dass er mit seiner Kunst trotz des russischen Angriffs auf die Ukraine russische Propaganda verbreite. Dass sein Film überhaupt beim Filmfestival in Cannes Premiere feiern durfte, verdankt sich dem Umstand, dass kein russisches Fördergeld geflossen ist.

Serebrennikows Kunst passt nicht in die Gegenwart, sie wirft sich hinein, platzt aber umgehend wieder heraus, sucht den Abstand und schlägt sich herum mit den Göttern der Erzählkunst, von Gogol und Dostojewski über Bulgakow bis Jerofeew, aber auch mit dem Pathos von Wyssozki und der Transzendenz von Tarkowski. Davon kriegt man Fieber. Das hätte vielleicht in den Warnhinweis am Anfang gehört.

Petrow hat Fieber. RU, FR, D, CH, 2021, nach dem gleichnamigen Roman von Alexei Salnikow, Buch und Regie: Kirill Serebrennikow, Kamera: Wladislaw Opeljanz, mit: Semjon Sersin, Tschulpan Chamatowa, Iwan Dorn, Julija Peressild, Juri Kolokolnikow u.a., 145 min, FSK 18