Nicht ins Wasser kacken! Wann bei Doris Dörrie der Spaß im Freibad aufhört

In der Multikulti-Komödie „Freibad“ von Doris Dörrie wird die Liegewiese zum Minenfeld und es hagelt Arschbomben. Wehe dem, der das nicht lustig findet.

Die beiden nicht mehr jungen Feministinnen mit dem neuen Bademeister (Maria Happel, Samuel Schneider und Andrea Sawatzki, v. l.)
Die beiden nicht mehr jungen Feministinnen mit dem neuen Bademeister (Maria Happel, Samuel Schneider und Andrea Sawatzki, v. l.)Constantin Film

Das Freibad ist ein Brennpunkt und Austragungsort sozialer Konflikte. Wir wissen das seit dem letzten Sommer und der Filmkomödie „Beckenrand Sheriff“ mit Milan Peschel in der Titelrolle und hier in Berlin leider auch aus der Wirklichkeit – spätestens seit den Massenschlägereien mit Machetenangriffen im Columbiabad. Jeder könnte wohl seine prägenden Erfahrungen beitragen: Die Hitze, die Haut, die Jugend, die Pommes, die Ordnungsliebe und die Arschbombe vom Beckenrand – die Mischung ist explosiv. Dass es nicht unbedingt friedlicher wird, wenn man zumindest das Testosteron herausfiltert, zeigt nun die neue, rechtzeitig zum Sommerausklang herauskommende Filmkomödie „Freibad“ von Doris Dörrie. Sie handelt von der einzigen, nur Frauen vorbehaltenen Einrichtung in Deutschland, wenn man den Angaben glauben darf.

Doch auch ohne männliches Zutun brodeln die Interessenkonflikte, die sich aus den – juhu: diversen! – kulturell oder ideologisch begründeten Kleidungs-, Speise-, Haustiermitführ- und Baderegeln ergeben. Immerhin ist es kein Problem, dass eine sich weiblich präsentierende Transperson das Grillgut – anfangs aus Schweine-, dann aus Lammfleisch und schließlich aus Tofu – verkauft und allmorgendlich zwischen den Beinen eine fulminante Aufblaswerbewurst erigieren, aber nie platzen lässt. Da ächzt die Humorpumpe! Und versieht weiter tapfer ihren Dienst.

Im Frauenbad treffen reiche Araberinnen mit Ganzkörperverhüllung und Designerhandtaschen auf bayerische Feministinnen der ersten, inzwischen schon sehr lange zurückliegenden Stunde und machen einander den Platz unter dem Fliegenpilzschirm streitig: „Die kommen doch aus der Wüste, da haben sie auch keinen Schatten.“ Eine islamophile Studentin in neuem Bikini wird von einer anderen kaum weniger beleibten Geschlechtsgenossin als Wackelpudding bezeichnet. Türkinnen schmeißen den Grill an, schmuggeln einen Sohn mit Schleier ins Bad und machen sich über die ehrgeizige Nichte lustig, die sich vor lauter Selbstbestimmungstrotz zum Baden in einen körperverhüllenden und -betonenden Burkini zwängt. Ein Feuerwerk der Klischees nennt man das, oder? Irgendwann schwimmt eine formvollendete Kackwurst im hellblau glitzernden Chlorwasser, evoziert Schuldzuweisungen und Missverständnisse – bis sich die Konflikte in einer Massenschlägerei Bahn brechen.

An diesem Punkt hat dann die schweizerische PoC-Bademeisterin endgültig die Nase voll und kündigt, was bei dem allgemeinen Nerven- und Fachkräftemangel ein Problem darstellt. Auf die Schnelle kann nur männlicher Ersatz gefunden werden. Neunzig Prozent der Badegästinnen sind dermaßen hingerissen, dass sie prompt ihren Stolz verlieren und den jungen bebrillten Mann mit ihren drastischen Flirtversuchen schwer in Verlegenheit bringen. Die anderen neunzig Prozent sind empört und fühlen sich verraten (Schnittmengen sind möglich).

„Am schönsten ist das Bad, wenn es leer ist“ – so seufzt die Kassiererin und Eigentümerin, nachdem sie das Publikum hinausgejagt und die Gitter zugezogen hat, und man muss ihr recht geben: Da senkt sich die Nacht über das Wasserbecken, in dem friedlich schweigend Gummi-Ente, Gummi-Schwan, Gummi-Flamingo und Gummi-Pfau nebeneinander hertreiben, einander hier und da zärtlich anstupsen und von innen zu leuchten scheinen. Ein Friedhof der Badetiere. Und am nächsten Morgen geht es wieder los: Aufblasphallus, Schattenboxen, Arschbombe.

Dass ein multikulturell frequentiertes Frauenfreibad in der Hitze des Sommers ein Minenfeld der Pointen ist, hat man schnell begriffen. Es bleibt nicht viel Raum für die Entwicklung von Figuren, deren Nöte Lappalien bleiben – am meisten Empathie lässt sich für die beiden Freundinnen Gabi und Eva (Maria Happel und Andrea Sawatzki) aufbringen, die sich nach ihrer Menopause mit Händen, Füßen, Brüsten, rassistischen Ressentiments und einigen Fremdschämmomenten gegen ihre Alt-, Einsam- und Unsichtbarwerdung wehren.

Das Drehbuch bürstet jegliches Klischee mit guter deutscher Gründlichkeit gegen den Strich, treibt Sichtweisen und Haltungen der Figuren ins schnell Erkennbare und weiter ins erwartbar Absurde. Rechtzeitig wird das Happy End vorbereitet, bei dem sich so manche Duellantin mit ihrem Gegenüber zum Paar zusammenfindet. Die Bratwurstbudenverkäufer:in formuliert eines Nachts auf dem Startblock die dazugehörige Utopie, die darin besteht, dass doch bitte jeder jede Du sein lassen solle, weil Dusein ist doch schön, egal wie man aussieht und was man denkt.

Dabei ist Dusein doch eigentlich nur das Ichsein des anderen – womit wir wieder beim westlich liberalen Diktat der Selbstverwirklichung wären, und ist das nicht ziemlich paternalistisch? Lassen wir das also lieber. Wenn wir so etwas wie eine Regel für das friedliche Zusammenleben aus dieser dann doch harmlosen, schwerfüßigen und um paritätische Vollständigkeit bemühten Komödie ziehen wollen, dann die: Spaß verstehen ist Pflicht! Und: Bitte nicht ins Wasser kacken.

Freibad, Deutschland, 2022, Regie: Doris Dörrie, Buch: Dörrie, Karin Kaçi, Madeleine Fricke, Kamera: Hanno Lentz, mit: Andrea Sawatzki, Maria Happel, Nilam Farooq, Samuel Schneider u. v. a. 102 Minuten, Farbe, FSK: 12