Filmhauptstadt Berlin: Der Herbst bringt die Festivalflut

Bis zum Jahresende überschlagen sich die Filmveranstaltungen in Berlin, den Überblick zu behalten ist fast unmöglich. Claus Löser hat eine Perle herausgepickt.

Der Komponist, Musiker, Schauspieler und Autor Mihály Víg im Dokumentarfilm „There was a Tower“ über sein Leben
Der Komponist, Musiker, Schauspieler und Autor Mihály Víg im Dokumentarfilm „There was a Tower“ über sein LebenFilmproduktion

Berlin hat sich in den letzten Jahren neben Paris zur wichtigsten Filmmetropole Europas gemausert. Auch weltweit dürfte es nur wenige Orte mit einer derartigen Dichte und Vielfalt von Programmangeboten geben, über 100 Festivals drängen hier jährlich auf die Leinwände, die Berlinale mit knapp 500 Beiträgen noch gar nicht mitgezählt. Besonders im Herbst, konkret in der Zeit von Ende September bis Anfang Dezember, bricht terminlich alles aus den Nähten.

Das ist nicht unproblematisch. Denn eine gewisse Kannibalisierung unter den „Playern“ kann kaum übersehen werden. Hinzu kommen ein langatmiger, noch vom Lockdown herrührender Premierenstau, das wegen fortbestehender Infektionsgefahr anhaltende Ausbleiben von Teilen des Publikums und der viel diskutierte Aufstieg von Streaming-Plattformen. Von Kriegs- und Inflationsängsten einmal ganz zu schweigen. Wir haben es also mit einer diametralen Entwicklung zu tun: Einerseits gab es noch nie so viele Filme gleichzeitig in den Kinos zu sehen, andererseits bleibt die Publikumskrise latent, Tendenz ungewiss. Dies lässt sich erst einmal nur konstatieren.

Mindestens 25 festivalartige Reihen allein im November

Zurück zu den Festivals: An ihrer hohen Diversität und Qualität sollte sich vorbehaltlos freuen, wer dazu über die nötigen seelischen und materiellen Ressourcen verfügt. Es lohnt sich. Gegenwärtig stehen verschiedene Veranstaltungen mit aktuellen Filmen aus Portugal, Italien, Frankreich, Litauen, Estland, Polen, Korea, Brasilien, Mexiko sowie Afrika ins Haus. Thematische Reihen widmen sich unter anderem den Themen Feminismus, Musik, Arbeit, Queerness, Poesie, Horror, Berlin oder Heimat. Gezeigt werden darüber hinaus Kurzfilme aller Art sowie Regie- und Schauspielerporträts. Innerhalb der 30 Tage im November buhlen auf diese Weise mindestens 25 festivalartige Reihen mit mehreren hundert Einzelveranstaltungen um die Gunst des Publikums. Und dies alles zusätzlich zu den regulären Filmstarts. Also nichts wie hinein ins Getümmel!?

Wem nach Entschleunigung zumute ist, dem sei aus dem Melting Pot des buntscheckigen Berliner Kinoalltags ein Dokumentarfilm herausgegriffen und ans Herz gelegt. „There was a Tower“ läuft im Rahmen des „Soundwatch“-Festivals. Porträtiert wird der Komponist, Musiker, Schauspieler und Autor Mihály Víg, einem größeren Publikum durch die Soundtracks für Béla Tarr bekannt. In dessen apokalyptischer, acht Stunden langer Krasznahorkai-Adaption „Satanstango“ (1994) spielte er auch eine Hauptrolle. In der ungarischen Avantgarde-Szene kommt Víg eine Schlüsselrolle zu,  vor allem wegen der 1980 nach dem DDR-Kleinwagen benannten Kultband „Trabant“. An der Seite von János Vető, Marietta Méhes und weiteren Freunden schuf Víg damals die traurigste Musik der Welt. Mit „Elszaladni késő“ (Zum Weglaufen ist es zu spät) gelang „Trabant“ mindestens ein veritabler Hit. Er geht noch heute durch Mark und Bein.

Mihály Víg wird am 12. November um 18 Uhr zur Premiere von „There was a Tower“ im Lichtblick-Kino anwesend sein.
Alle Informationen zu den Berliner Filmfestivals unter berliner-filmfestivals.de oder auf www.indiekino.de